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Verglichen mit vielen anderen Staaten der Region ist Ägypten ein relativ homogener Staat. Nur 0,3% der Bevölkerung sind Migranten – vor allem Kriegsflüchtlinge aus dem Sudan. Etwa 90% der Bevölkerung bekennen sich zur Staatsreligion, dem sunnitischen Islam; die größte religiöse Minderheit stellen mit ca. 6 bis 10% koptische Christen.
Die ägyptische Bevölkerung ist relativ jung: 52.3% der Bevölkerung werden 2010 unter 25 Jahren alt sein. Das Durchschnittsalter wird 2010 bei knapp 24 Jahren liegen.
Das Bevölkerungswachstum ist zuletzt leicht gesunken, beträgt aber immer noch gut 1,6%. Rund 42,6% (2007) der Bevölkerung leben in den urbanen Gebieten; das Verhältnis von Stadt- und Landbevölkerung hat sich in den letzten fünf Jahren nicht wesentlich verändert. In den Gebieten mit niedrigerer Lebensqualität schreitet das Bevölkerungswachstum tendenziell schneller voran.
Auf 100 Frauen kommen in Ägypten 102 Männer. Dies ist allerdings auch der höheren Lebenserwartung von Frauen geschuldet (73,6 Jahre gegenüber 69,1 Jahren bei Männern). In den jüngeren Altersgruppen gibt es einen deutlicheren Männerüberhang, der erst von der weiblichen Dominanz in der Altersgruppe ab 65 ausgeglichen wird.
Ägyptens Frauenbewegung hat eine lange Tradition. Per Gesetz stehen ihnen Mutterschutz, Erziehungsurlaub und Ausbildung zu. Dass Frauen bei Bildung und Arbeit dennoch deutlich hinter den Männern zurückbleiben, ist wohl auf traditionelle Vorstellungen zurückzuführen. Eine parlamentarische Frauenquote von 30% wurde Mitte der 1980er Jahre als nicht verfassungskonform bewertet. In beiden Kammern des Parlaments sind Frauen derzeit nur marginal vertreten. Familienrechtlich haben muslimische Ägypterinnen seit Anfang 2000 die Möglichkeit, ohne Angabe von Gründen die Scheidung
einzureichen, wenn sie auf fast alle finanziellen Ansprüche verzichten – allerdings nicht auf den Unterhalt für die Kinder sowie ihren Besitz, den sie mit in die Ehe brachten. Für Koptinnen gilt dies bisher nicht.
Eine aktuelle Strömung
der heutigen Frauenbewegung ist muslimisch geprägt. Die Al-Azhar-Universität in Kairo bildet seit 1999 weibliche Prediger aus. In den letzten Jahren gab es Kampagnen für eine offizielle Anerkennung weiblicher Muftis (die Entscheidung darüber unterliegt immer noch Präsident Mubarak). Doch gibt es an der Al-Azhar-Universität bereits Dekaninnen der Fakultät für Islamwissenschaften. Ferner spielen Frauen eine wichtige Rolle im medialen Islam: In Fernsehen, Zeitung und Internet
werden Fatwas von weiblichen Muftis verbreitet.

Der Bildungssektor
stellt eine der größten Herausforderungen für Ägypten dar: Trotz gestiegener Investitionen ist die Infrastruktur an Bildungseinrichtungen noch lückenhaft; das rasche Bevölkerungswachstum verstärkt das Problem. Auch in den Gouvernements, in denen die Lebensqualität laut HDI vergleichsweise hoch eingestuft wird, wie Port Said, Suez oder Kairo (im Unterschied zu den niedrig eingestuften Beni Suef, Assiut und Suhag), sind die Probleme im Bildungsbereich der Faktor, der diese am meisten beeinträchtigt.
So ist die öffentliche Schulbildung
in Ägypten zwar kostenlos, aber von niedriger Qualität
; Lehrer sind stark unterbezahlt. In der Konsequenz hat sich eine, wiewohl immer wieder angeprangerte, Kultur des von denselben Lehrern bestrittenen privaten (und besser bezahlten) Unterrichts nach Schulschluss
entwickelt. Bisherige Anstrengungen, die Lage zu verbessern, beinhalteten die Verlängerung der Schulpflicht
von 8 auf 9 Jahre, gültig seit 1999. Damit wird die sechsjährige Grundschulzeit und eine dreijährige Vorbereitungszeit abgedeckt; darauf folgt optional eine dreijährige Sekundarschulbildung.
Die Hochschulbildung untersteht einem eigenen Ministerium
. Die unter Gamal Abdal Nasser durchgeführte Bildungsreform weitete den Zugang zu den Hochschulen stark aus. Über 1,3 Millionen Studenten werden heute an Ägyptens dreizehn staatlichen Universitäten ausgebildet. Die große Anzahl an Studierenden bedingt auch hier oft ein relativ niedriges Unterrichtsniveau, wer es sich leisten kann besucht eine der teuren Privathochschulen.
Es gibt sechs private Universitäten, darunter die alteingesessene American University in Kairo
. Die im Oktober 2003 eröffnete German University Cairo
bietet sechs technisch orientierte Studiengänge an, die auf deutschen Lehrplänen aufbauen. Die große Anzahl an Hochschulabsolventen kann vom Arbeitsmarkt nicht absorbiert werden, Arbeitslosigkeit unter jungen graduierten Akademikern ist in Ägypten ein zentrales Problem.
Ähnliches gilt für andere qualifizierte Berufe: Zwar mangelt es an Personal in verschiedenen Bereichen, doch zugleich ist das Berufsausbildungssystem lückenhaft und die Einstellungsverfahren oft intransparent. Die 1991 gegründete Mubarak-Kohl-Initiative
implementiert die duale Berufsbildung nach deutschem Vorbild in Ägypten und soll diesem Problem so entgegenwirken.
Der Großteil der ägyptischen Bevölkerung ist über den Staat versichert; problematisch ist, dass diese Versicherung an Ausbildung oder Arbeitsplatz gekoppelt ist, und Arbeitslose oder Arme daher ausschließt. Wegen der teils gravierenden Qualitätsmängel
in der staatlichen Versorgung - mangelnde Hygiene oder vernachlässigte Wartung von Geräten ebenso wie unterbezahltes Personal - meidet, wer kann, die großen Krankenhäuser ohnehin zugunsten privater Kliniken. Aktuell soll ein neuer Gesetzesentwurf
das Problem angehen und eine adäquate Krankenversicherung schrittweise auf alle Bevölkerungsgruppen ausdehnen.
Während die medizinische Infrastruktur außerhalb der Städte sich in manchen Gegenden auf eine Apotheke beschränkt, ist die Krankenversorgung in den großen Städten deutlich besser; private oder Universitätskliniken bieten teils eine ausgezeichnete Versorgung
.
Gesellschaftlich bedingte Gesundheitsprobleme
betreffen in erster Linie Frauen aus ärmeren Gegenden, sei es durch frühe Verheiratung
und entsprechend frühe Schwangerschaften, oder durch Mädchenbeschneidung, die - trotz gesetzlichen Verbots und Gegenkampagnen mit immerhin zunehmendem Erfolg
- in den ländlichen Gebieten nur langsam auszurotten ist.
Die HIV-Infektionsrate
in Ägypten ist vergleichsweise niedrig. Es wird von zwischen 2 900 und 13 000 infizierten Personen ausgegangen. Die Übertragung findet meist bei ungeschütztem heterosexuellen Geschlechtsverkehr statt; 90% der betroffenen Frauen haben sich innerhalb der Ehe infiziert. Eines der größten Probleme bei der AIDS/HIV-Bekämpfung ist die mangelnde Aufklärung, vor allem Frauen sind - wegen ihres aufgrund der gesellschaftlichen Normen erschwerten Zugang zu Bildung und Information - oft schlecht informiert. In den letzten Jahren sind auf internationale Initiative Test- und Aufklärungszentren
eingerichtet worden; eine überzeugende nationale Strategie zur AIDS-Bekämpfung besteht bisher nicht.
Im Unterschied zu AIDS sehr verbreitet ist Hepatitis C. Dies hängt - neben den üblichen Hygienemängeln in der Krankenversorgung - auch mit der häufigen unsterilen Behandlung von Schistosomiasis/Bilharziose
in den 1950er bis 1980er Jahren zusammen. Durch den Bau von Staudämmen hat sich die Gefahr der Ansteckung mit dieser Wurmerkrankung, die man sich beim Schwimmen und Baden im Nil und in Süßwasserseen der Region zuziehen kann, noch erhöht; bei Einheimischen ist die Krankheit nicht selten chronisch und schwächt die menschlichen Organe. In Ägypten wird die Schistosomiasis für 20% aller Krebsfälle
verantwortlich gemacht.
In Sachen psychische Gesundheit hat Ägypten kürzlich mit einem neuen Gesetz
einen großen Schritt Richtung Wiedereingliederung und Rehabilitation von Patienten in psychiatrischer Behandlung gemacht. Zuvor waren diese in psychiatrische Anstalten verbracht worden, die sie oft nicht mehr verließen; die Gesetzgebung dazu stammte noch aus den 1940er Jahren.
Die eigene kulturelle Geschichte spielt in Ägypten eine große Rolle, nicht zuletzt auch weil sie auch international eine so große Anziehungskraft entfaltet. Neben der pharaonischen Zeit, die in vielen Ausgrabungsstätten erschlossen wurde, ist auch das islamische Mittelalter kulturell von großer Bedeutung. Baudenkmäler aus dieser Zeit finden sich in großer Zahl in Kairo. Die islamische Altstadt der Metropole gehört ebenso wie Luxor und die Pyramiden zum UNESCO-Weltkulturerbe
.
Auch was zeitgenössische Kultur betrifft, ist Kairo ein Zentrum der arabischen Welt. Großveranstaltungen wie das Internationale Filmfestival
, das Internationale Festival für Experimentelles Theater
und die Internationale Buchmesse Kairo - die bis vor einiger Zeit die zweitgrößte der Welt nach Frankfurt war, in letzter Zeit aber an Bedeutung verliert
- holen Kulturschaffende und -interessierte aus aller Welt in die Hauptstadt. Ferner finden in Kairo regelmäßig Kunstbiennalen und -triennalen statt; hier steht auch das erste Opernhaus der arabischen Welt. Das Ägyptische Museum
im Zentrum Kairos, in dem unter anderem die Totenmaske Tut Anch Amuns ausgestellt ist, wird von Touristen und Ägyptern frequentiert und soll bis 2014 mit einem zusätzlichen Bau nahe den Pyramiden von Gizeh zum größten Museum der Welt erweitert werden.

Die Rolle der Religion
im öffentlichen Leben hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Wie in vielen Ländern der Region sind islamische Renativierungstendenzen zu beobachten, die ihre Wurzeln aber schon in Entwicklungen Ende des 19. Jahrhunderts haben. Durch die Deligitimierung der panarabistischen-nasseristischen Eliten seit der Niederlage im Sechs-Tage Krieg gewannen islamistische Gruppierungen in Ägypten an Auftrieb. Die Muslimbruderschaft, durch ihre sozialen Dienstleistungen in Armenvierteln in der Gesellschaft stark verankert, gilt inzwischen als stärkste Oppositionsbewegung im Land. Der ägyptische Staat geht immer wieder
– auch mit Gewalt – gegen Anhänger der Gruppierung vor, um ihren politischen Einfluss zu beschneiden. So ist die Muslimbruderschaft z.B. nicht als Partei bei den Wahlen zugelassen, trotzdem erringen ihre als Unabhängige antretenden Kandidaten immer wieder große Erfolge bei Wahlen. Um selbst an Legitimation zu gewinnen hat der ägyptische Staat daher selbst in den letzten Jahren eine verstärkte Islamisierungspolitik
betrieben.
Das Oberhaupt der koptisch-orthodoxen Kirche
, seit 1971 Papst Shenouda III, hat seinen Hauptsitz in Kairo. Die Kopten
führen die weltberühmten Wüstenklöster
im Sinai und in Oberägypten. Grundsätzlich ist der Staat inzwischen um ein friedliches Zusammenleben der Religionen bemüht. Es kommt aber immer wieder gewalttätigen Zusammenstößen zwischen Muslimen und Christen. Die koptischen Christen – und andere Religionsgruppen wie die Bahai - klagen darüber hinaus teilweise über Diskriminierungen in Beruf und Alltag.
Kristian Brakel (M.A.) studierte Islam- und Erziehungswissenschaft in Hamburg und Izmir/Türkei. Nach dem Studium absolvierte er den Postgraduiertenkurs Entwicklungspolitik am SLE Berlin und arbeitet seitdem für das Auswärtige Amt als Referent für zivile Krisenprävention in den Palästinensischen Autonomiegebieten.
Ägypten ist ihm aus vielen Forschungs- und Arbeitsaufenthalten bekannt.