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Spätestens seit Anfang 2009 bekommt auch Ägypten die Weltfinanzkrise zu spüren. Nach einem seit 2004 andauernden Aufschwung prognostiziert gtai
für 2009 und 2010 einen deutlichen Rückgang des Wirtschaftswachstums - von 7,2% im Jahr 2008 und ähnlichen Werten in den Jahren zuvor rechnet man für 2009 mit einer flacheren Kurve von 3,5 bis 4,5%. Allerdings liegt die jüngste Prognose nach drei Quartalen eher über 4%
; ein Abschwung wird nicht erwartet
. Gesunkene Ölpreise wirken positiv auf die Gesamtwirtschaft, und die relativ geringe internationale Integration des Finanzsektors mindert die Beeinträchtigung durch die Krise. Die wirtschaftlichen Verbindungen mit den USA und der EU ziehen jedoch wichtige Faktoren wie den Tourismus - wenn auch weniger stark
als erwartet -, ausländische Direktinvestitionen
und Überweisungen von im Ausland lebenden Ägyptern stark in Mitleidenschaft.
Ägyptens BIP beträgt 2008/2009 1.040 Milliarden EGP. Das starke Wachstum der letzten Jahre ist auch auf die forcierte Privatisierungspolitik zurückzuführen, die Ägypten seit den 1990er Jahren betreibt.
War die nasseristische Wirtschaft noch stark zentralisiert, begann unter Sadat mit den mit Weltbank und IWF vereinbarten Reform- und Strukturanpassungsprogrammen der Wandel. 314 Staatsunternehmen sollten verkauft werden; weit über die Hälfte sind bereits privatisiert. Die seit 2004 amtierende Regierung unter Ahmad Nazif ist noch marktliberaler orientiert und setzt den Privatisierungskurs fort. Da es nicht nur nicht gelungen ist, das wirtschaftliche Wachstum in bessere Bedingungen für die Bevölkerung auf breiter Ebene umzusetzen, sondern die Privatisierungswellen oft auch Vetternwirtschaft (Wasta) und ökonomische Verschlechterungen gerade für die untere Mittelschicht voran getrieben haben, schürt diese Politik Angst vor weiter steigender Arbeitslosigkeit und Armut. Dies führt immer wieder zu Protesten, wie etwa die Proteste wegen Brotknappheit
2008.
Schon jetzt liegt die Arbeitslosenquote bei 8,4%. Besonders betroffen sind Frauen - etwa ein Viertel ist arbeitslos - und Menschen mit höherer Bildung. Zwischen 2001 und 2006 ist die Arbeitslosenquote unter Absolventen weiterführender Schulen (secondary schools) bedeutend angestiegen: von 22,4% auf 61,8%; derzeit sind über drei Millionen
Akademiker ohne Beschäftigung.
Grund dafür ist die unter Nasser merklich ausgedehnte Hochschulzugangsberechtigung und das ehemals vom Staat gegebene Versprechen, dass jedem Absolvent ein Arbeitsplatz in der staatlichen Verwaltung zustehe. Aufgrund der merklich gestiegenen Geburtenrate und der Reform der öffentlichen Verwaltung, kann dieses Versprechen oft nicht mehr, oder nur nach jahrelanger Wartezeit eingehalten werden. Trotzdem werden diese Jobs vor allem bei Angehörigen der Mittelschicht immer noch bevorzugt.
Die ungleiche Verteilung des Wohlstandes und die große Armut in Teilen der Bevölkerung - fast 20% leben unterhalb der Armutsgrenze - machen Hilfsgelder
erforderlich, um die Grundversorgung mit Nahrung und Energie zu gewährleisten. Ein beachtlicher Teil des Haushaltes fließt in diese Subventionen.
Staatliche Gewerkschaften sind in der ETUF
(Egyptian Trade Union Federation) organisiert. Freie Gewerkschaften sind nicht zugelassen.

Ägypten lebt zu einem erheblichen Teil von seinen mineralischen Rohstoffen: Die Erdöl- und Erdgasförderung machen zusammen mit dem Bergbau 16,4% und damit den größten Teil des BIP
aus. Dazu kommt die verarbeitende Industrie, deren Anteil fast gleichauf liegt, und von der die Erdölverarbeitung den größten Posten ausmacht. Weitere Einnahmequellen sind Tourismus, Überweisungen von Auslandsägyptern und der Suezkanal. Die Beschäftigung hingegen ist in der Landwirtschaft am höchsten, gefolgt vom Staat als zweitgrößtem Arbeitgeber.

Die Gewinnung von Erdöl und -gas sowie die Erdölverarbeitung sind der größte Wirtschaftsfaktor
in Ägypten. Während die Erdölförderung bereits seit Ende der 1990er Jahre leicht rückläufig
ist (Mitte 2008 lag sie bei 700.000 Barrel/Tag), steigt die Förderung von Erdgas zunehmend an und sorgt für beständiges Wachstum in diesem Sektor. Für 2008/2009 rechnet man mit 69 Milliarden Kubikmetern.
Erneuerbare Energien
werden als einer der größten Wachstumsmärkte für die gesamte Region betrachtet. Ägypten ist unter anderem am ehrgeizigen Desertec-Projekt
zur Stromgewinnung in den Wüstenregionen Nordafrikas beteiligt. Dieser soll auch nach Europa exportiert
werden. Derzeit befindet sich das Projekt noch in der Anfangsphase.
Nach wie vor ist die Landwirtschaft der größte Beschäftigungszweig in Ägypten: Knapp ein Drittel der arbeitenden Bevölkerung sind hier tätig. Angebaut werden vor allem Baumwolle, Reis, Mais, Weizen und Zuckerrohr. Der Anteil am BIP beträgt rund 16%. Die Landwirtschaft wird aber durch den akuten Wassermangel – Ägypten ist eines der wasserärmsten Länder weltweit – immer wieder gefährdet. Abkommen zwischen und den restlichen Nilanliegern wie Sudan und Äthiopien zum gemeinsamen Wassermanagement
sorgen immer wieder für Spannungen.
Der Tourismussektor
ist im Haushaltsjahr 2007/2008 erneut um deutlich über 20% gewachsen. Die Anschläge auf der Sinai-Halbinsel in den Jahren 2005 und 2006 und in Kairo Anfang 2009 haben den Zuwachs nur kurzfristig bremsen können. Fast 20% der Arbeitsplätze entfallen auf diesen Bereich.
Wichtigste Handelspartner sind die USA und die EU. Die Wareneinfuhr
liegt mit 47,5 Mrd. US-Dollar (2008) gut doppelt so hoch wie der Export (knapp 24 Mrd. US-Dollar).
Ägypten exportiert vornehmlich Erdölprodukte, Metalle, Baumwolle und Textilien, vor allem in die EU und die USA, außerdem nach Indien.
Wichtigster Importpartner sind die USA mit über 10%, gefolgt von China, Deutschland, Saudi-Arabien und Italien. Die EU insgesamt hält rund ein Drittel an Ägyptens Importen. Die Importraten aus Japan und Indien steigen derzeit am schnellsten: Beide haben sich zwischen 2007 und 2008 weit mehr als verdoppelt. Maschinen, Eisen/Stahl und Straßenfahrzeuge gehören neben Lebensmitteln zu den Hauptimportwaren.
Ägyptens Lebensqualität hat sich in den letzten Jahren stetig, wenn auch nicht in allen Bereichen kontinuierlich, verbessert. Bildungsstand und Einkommen sind über die letzten zehn Jahre (mit kleinen Einbrüchen) tendenziell gestiegen; die Lebenserwartung sogar ohne Rückgänge zwischendurch.
Dazu beigetragen hat sicherlich der gestiegene Zugang zu Leitungswasser - 95,5% der Bevölkerung (2005) -, Abwasser- und Entsorgungsanlagen, bessere medizinische Versorgung etc. Die Millenniumsziele in diesem Bereich sind damit bereits mehr als erreicht. Auch die Säuglings- und Kindersterblichkeit ist seit 1990 deutlich zurückgegangen, Gleiches gilt für Mütter. Im 2008 veröffentlichten Zwischenbericht zu den Millenniumszielen vom UNDP wird das Erreichen der gesetzten Ziele zur Bekämpfung von Kinder- und Müttersterblichkeit als wahrscheinlich bewertet. Die Geburtenrate bei Frauen unter 19 sinkt ebenfalls; Empfängnisverhütung wird zunehmend praktiziert.
Tendenziell herrscht in ländlichen Gegenden größere Armut, jedoch ist die Quote beispielsweise in Kairo zwar unterdurchschnittlich, aber im Steigen begriffen. Der Anteil der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze ist in den letzten Jahren leicht zurückgegangen, liegt aber immer noch bei knapp 20% im nationalen Durchschnitt. Dabei gibt es allerdings große regionale Unterschiede: In den fünf Gouvernements mit den höchsten HDI-Werten liegt der Anteil der armen Bevölkerung zwischen 2,4 (Suez) und 8% (Kairo); die fünf am niedrigsten gelisteten Gebiete liegen von 12 (Fayoum) über rund 40 (Suhag) bis über 60% (Assuit). Auf nationalem Level wird das Erreichen der Millenniumsziele bei der Armutsbekämpfung - 12,1% der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze bis 2015 - als wahrscheinlich bewertet. Die Quote sinkt; der Anteil der Menschen, die von unter einem Dollar am Tag leben, liegt schon jetzt unter der Zielmarke von 4,1%.
Es existiert bisher kein Poverty Reduction Strategy Paper (PRSP), dafür aber der nationale Entwicklungsplan „Sixth Five Year Economic and Social Development Plan“
(2007/08 –2011/12). Daneben existieren Sektorstrategien wie etwa der „National Action Plan for Youth Employment“
(2010-15), der das akute Problem der großen Jugendarbeitslosigkeit bekämpfen soll.
In Ägypten sind die drei deutschen staatlichen Durchführungsorganisationen InWEnt
, KFW
und GTZ
tätig. Diese haben einen gemeinsamen Sitz in Zamalek (4d al-Gazira St.). Daneben operieren alle deutschen Stiftungen (FES
, FNSt
, KAS
, HSS
) in Ägypten, die Heinrich Böll Stiftung jedoch nur vom Regionalbüro Arabischer Naher Osten
in Ramallah und die Rosa Luxemburg Stiftung
von Berlin aus.
19 entsandte CIM
Experten sind dazu in verschiedensten Positionen tätig. Es existieren daneben zwei Twinningvorhaben deutscher öffentlicher Auftraggeber.
Neben der regulären Zusammenarbeit ist die Hochschulzusammenarbeit zwischen Ägypten und Deutschland in den letzten Jahren ausgebaut worden. Der DAAD
betreibt ein eigenes Büro in Kairo und eine technische Hochschule ist in deutsch-ägyptischer Zusammenarbeit in Kairo entstanden. Das BMZ hat dazu in Zusammenarbeit zwischen der Universität Kassel und der Cairo University einen Studiengang zu regenerativen Energien
gestartet.
Ägypten selbst ist ein Schwerpunktland der deutschen Zusammenarbeit
und Deutschland gehört mit rd. 177,8 Mrd ODA bis 2010 aus den letzten Regierungsverhandlungen 2008 zu den wichtigsten bilateralen Gebern neben Japan und den USA.
Die Schwerpunkte der deutschen Zusammenarbeit sind Wasser/Abwasser und der Umwelt- und Klimaschutz. Letzteres schließt auch die Förderung erneuerbarer Energien mit ein, wie etwa aktuell im Desertec-Programm.
Daneben betreibt die GTZ Programme im Bereich TVET, Jugend und Stopp von Genitalverstümmelung (FGM).
Im multilateralen Bereich ist neben der Weltbank
besonders die EU
ein wichtiger Partner. Im Zuge der europäischen Mittelmeerpolitik (EMP)
, die inzwischen in die Europäische Nachbarschaftspolitik
bzw. in die Union für das Mittelmeer
übergegangen ist, wurde 2004 ein Assozierungsabkommen mit Ägypten geschlossen Ägypten beteiligt sich damit an vielen EU-MEDA Programmen wie etwa dem EuroMed-Jugendprogramm. In der findet sich eine Listung aller wichtigen EZ Akteure in Ägypten. Teil der Kooperation mit der EU ist die Anna Lindh Stiftung
in Alexandria, die ins Leben gerufen wurde um den interkulturellen Austausch zwischen den MEDA Staaten und den EU Mitgliedsländern zu fördern.
USAID
ist ebenfalls mit einem Büro vertreten. Die Schwerpunkte sind Handel, Wirtschaftsentwicklung, Schutz natürlicher Ressourcen, Bildung, Gesundheit und Governance. AMIDEAST
der amerikanische "quasi-DAAD" hat Büros in Alexandria und Kairo. Private bzw. parteinahe amerikanische Stiftungen sind vor allem im Bereich Demokratieförderung sehr aktiv. Dazu zählen die Ford Foundation
, das National Democratic Institute
, das International Republican Institute
unddas Open Society Institute/Sorros Foundation
.
Unter den multilateralen Einrichtungen sind fast alle großen VN Organisationen vertreten, ingesamt gibt es z.Zt. 24 in Ägypten u.a.:
Alle VN Adressen in Ägypten sind hier
gelistet.
Kristian Brakel (M.A.) studierte Islam- und Erziehungswissenschaft in Hamburg und Izmir/Türkei. Nach dem Studium absolvierte er den Postgraduiertenkurs Entwicklungspolitik am SLE Berlin und arbeitet seitdem für das Auswärtige Amt als Referent für zivile Krisenprävention in den Palästinensischen Autonomiegebieten.
Ägypten ist ihm aus vielen Forschungs- und Arbeitsaufenthalten bekannt.