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Wirtschat und Politik waren in den letzten Dekaden einer starken Fluktuation zwischen
Dirigismus und Liberalismus, Interventionismus und Freihandel, Staats- und
Marktwirtschaft ausgesetzt, was eine instabile Entwicklung zur Folge hatte.
Mit dem Regierungswechsel von 1985 ging ein grundlegender Wandel der wirtschaftspolitischen Strategie einher. Die Neue Ökonomische Politik (NPE) beinhaltete die Abkehr vom staatskapitalistischen Entwicklungsweg bei gleichzeitiger Hinwendung zu einem neoliberalen Entwicklungsmodell. Die Regierung von Evo Morales verfolgt jedoch seit 2006 eine staatlich gelenkte Wirtschaftspolitik, die durch die Verstaatlichung der nationalen Ressourcen, allem voran Erdgas und Erdöl, sowie die Einführung von Importzöllen und Subventionen auf Treibstoffe sowie Preisregulierungen auf Lebensmittel, gekennzeichnet ist. Erste Anzeichen für ein Ansteigen der Preise sind zu beobachten. Im Jahr 2007 betrug die Inflation
8,7% und von Juli 2007 bis Juli 2008 sogar 14,8% mit steigender Tendenz; diese war im letzten Jahrzehnt halb so hoch.
Nach dem Index für Wirtschaftsfreiheit ist das bolivianische Wirtschaftssystem jedoch immer noch stark von etatistischen Zügen geprägt
.
War die Wirtschaftsentwicklung im Zeitraum 1997-07 mäßig (durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von 3,1%), ging sie 2006 auf 4,8% und 2007 auf 4,6% herauf. Diese Entwicklung ist sehr eng an die Preisentwicklung und somit an die Exporten von mineralischen Rohstoffen, Erdgas und -öl gebunden. Da die Tendenz der Rohstoffpreise bereits jetzt rückläufig ist, wird mit niedrigeren Wachstumsraten für die nächsten Jahre gerechnet.
Das wirtschaftliche Rückgrat des Landes bildeten traditionell die Landwirtschaft und der Bergbau. Nach dem Einbruch im Zinnabbau 1985 nahm die Bedeutung der weitgehend ineffizienten Landwirtschaft noch zu. Wurden 1980 18% des BIP im Agrarsektor erwirtschaftet, waren es 1989 wieder 32%. 47% aller Erwerbstätigen arbeiteten 1990 in der Landwirtschaft, im Bergbau waren 1989 dagegen nur noch 34.000 Menschen tätig. Erst Anfang der 90er Jahre erholten sich der jetzt vor allem private Bergbau und der industrielle Sektor von der schweren Krise. Bergbau (Zink, Zinn und Silber), Erdgas und Landwirtschaft (Soya, Kaffee, Mais, Reis) sind die wichtigsten Wirtschaftssektoren mit ca. 27% des Bruttoinlandsprodukts BIP (2007). Zugleich waren die Bergbau- und Gasexporte für 72,4% der bolivianischen Exporte verantwortlich. Diese Sektoren weisen auf der einen Seite auch eine starke Konzentration auf einige wenige hochproduktive Unternehmen auf, während auf der anderen Seite zahlreiche Familienbetriebe Subsistenzwirtschaft (Landwirtschaft) betreiben oder als Informelle im Bergbau arbeiten. Bedeutend ist der Beitrag der Kokablattproduktion mit etwa 12% zur Agrarproduktion. Annähernd 40 000 Personen sind vorwiegend in den Regionen der Yungas und Chapare beim Kokaanbau beschäftigt. Die Exporte der Landwirtschaft
andwirtschaft (Soya und Tropenhölzer) lagen mit 21,9 % sogar höher als die des Bergbaus.
Die wichtigsten Abnehmerländer
der bolivianischen Produktion 2009 waren Brasilien (43,6% der Gesamtexporte), Korea (11,6), Argentinien (7,4), die USA (7,0) und Peru (4,1%).
Der Staatsanteil an der Wirtschaft ist in den Jahren 2006/7 auf 50% des BIPs angewachsen und der Staatshaushalt
wies 2006 einen Überschuß von 5,9% des BIPs auf. Allein die Abführungen der Mineralindustrie erbringen inzwischen die Hälfte der gesamten Staatseinnahmen
. Da die Regierung von Evo Morales bestrebt ist, eine Umverteilung des Einkommens zugunsten der benachteiligten Bevölkerung herbeizuführen, ist auch das Wachstum der Staatsausgaben auch stark angestiegen. Sollten die Öl- und Gaspreise weiter fallen, könnte schnell ein Loch im Staatshaushalt entstehen.
Die politischen und regionalen Spannungen spiegeln sich ebenfalls in der wirtschaftlichen Entwicklung wieder. So war das Wirtschaftswachstum in den letzten Jahren in der Region Santa Cruz um 1,4% höher als der nationale Durchschnitt, ihr Beitrag zum BIP betrug fast ein Drittel und die Region war für 60% der nationalen Exporte verantwortlich. Auf der anderen Seite ist ihr Beitrag zum Staatshaushalt mit ca. 40% recht hoch.
Die Handelsbeziehungen zwischen Bolivien und Deutschland
weisen im 1. Halbjahr 2008 erstmalig seit Jahren einen positiven Saldo für das Andenland aus.
In dem Maße, wie die Exporte des Landes sich positiv entwickeln, geht das Verhältnis der Verschuldung zum Bruttosozialprodukt und zur Exportkapazität des Landes deutlich zurück. Betrug in den '90ern die Relation der Auslandsverschuldung zum BSP 135%, ist diese Zahl auf 46,2% im Jahr 2006 zurückgegangen. Das Verhältnis des Schuldendienstes
zu den Exporten reduzierte sich im gleichen Zeitraum von 33,3% auf 8,5%.
1997 wurde Bolivien als HIPCs (Heavily indebted poor country) eingestuft und dem Land wurden 800 Mio. US $ erlassen. 2005 folgte ein weiterer Schuldenerlass von 2 Mrd. US $, die für das Land aber keine wesentliche Entlastung bedeutete
.
Herzstück der Reformpolitik des ehemaligen Präsidenten Sánchez de Lozada (1993-97) bildete das Gesetz der "Participación Popular" (Volksbeteiligung)
. Es übertrug die Entscheidungsbefugnis für Gesundheit, Schule, Straßenbau, Bewässerung und Kultur auf die Gemeinden. Damit sie diese Aufgaben erfüllen können, steht Ihnen heute ein erheblicher Teil der Steuereinnahmen zur Verfügung. Im gleichen Zug stärkte die "Participación Popular" den politischen Einfluß der Dörfer und Indiogemeinschaften, indem sie Ihnen das Recht gab, über die neuen Gelder mitzubestimmen. Im März 2001 reichte die Exekutive ein Gesetz im Parlament ein, das ihre Strategie zur Armutsbekämpfung
enthält.
Der Human Development Index
, der Lebenserwartung, Bildung und Lebensstandard berücksichtigt, weist Bolivien Platz 117 von 177 Ländern zu. Weitere Daten im regionalen
Vergleich oder über Armut auf Gemeindeebene
.
Mit einem jährlichen Pro-Kopf- Einkommen von rund 800 US$ ist Bolivien nach wie vor das ärmste Land Südamerikas und eines der ärmsten Länder der Welt. Aktuellen Zahlen zufolge beträgt die ländliche Armut 81,7%, während die Zahl der Armen im urbanen Raum bei durchschnittlich 47% anzusiedeln ist (La Razón, 16.12.2004). Zudem verschärfte sich die extrem ungleiche Einkommensverteilung zwischen 1998 und 2003 weiter zu Lasten der unteren Einkommensgruppen. Im Jahr 2002 verfügte die Gruppe der Ärmsten 40% lediglich über 9,5% der Gesamteinkünfte, während den 10% der Reichsten 41% des nationalen Einkommens zur Verfügung standen.
Seit 1999 stellen IWF und Weltbank für die Vergabe von Krediten an die antragstellenden Regierungen die Bedingung, dass unter Einbeziehung gesellschaftlicher Gruppen (Kirchen, Unternehmerverbände, NRO, Gewerkschaften) ein länderspezifisches 'Poverty Reduction Strategy Paper' (PSRP) erarbeitet wird. Das PSRP soll dann als verbindliche Vorgabe für Programme zur Armutsbekämpfung dienen. Lesen Sie eine Zusammenfassung der Ergebnisse der Strategie zur Armutsbekämpfung
sowie eine PSRP Länderbericht
.
Auch die neue bolivianische Regierung von Morales, mit dem 2006 bekanntgegebenen nationalen Entwicklungsplan, bekennt sich zu den Milleniumszielen. Bolivien kommt beim Erreichen der Millenium Development Goals (MDG) (BMZ
, Weltbank
) voran.
Nicht nur in der Strukturanpassung sondern auch im PRSP-Prozess zählt Bolivien gemeinhin zu den strong performers – zumindest was das Tempo betrifft: Schon zu Beginn des Jahres 2000 legte Bolivien sein Interim-PRSP, wenige Monate später bereits sein PRSP vor, und erreichte noch 2001 den "Completion Point", mit dem ihm der HIPC-II-Schuldenerlass gewährt wurde. Hervorzuheben ist, dass sich das Land von Anfang an nicht nur die Armutsbekämpfung sondern auch die Partizipation (Gesetz zur Volksbeteiligung) auf die Fahnen schrieb.
Bolivien ist Schwerpunkt der Entwicklungszusammenarbeit verschiedener bi- und multilateraler Institutionen. Der Anteil der "Official Development Aid" (ODA) am BSP hat abgenommen (1990 lag bei 11.2%, 2005 bei 6.2%; Quelle:Human Development Report 2007/8). Die Interamerikanische Entwicklungsbank
ist der größte Kreditgeber in Bolivien.
Zu den Aktivitäten der Weltbank
sowie zu ihren Projekten und Programmen
. Der Bericht zur Länderstrategie
für den Zeitraum 2007 - 2009 verzeichnet respektable Erfolge in der Bekämpfung der Armut und sieht gute Chancen die MDGs zu erreichen. Die Europäische Union hat ebenfalls ein Country Strategy Paper
in der Zusammenarbeit mit Bolivien erarbeitet und führt verschiedene Projekte
durch.
Auch die US-amerikanische
, japanische
, spanische
und schweizerische
EZ ist stark im Land vertreten.
Schwerpunkte der deutschen Entwicklungszusammenarbeit mit Bolivien
sind: Verwaltungs- und Justizreform, Förderung von zivilgesellschaftlichen Aktivitäten, Wasserver- / Abwasserentsorgung sowie nachhaltige Landwirtschaft. Die KfW
, GTZ
und DED
unterstützen Projekte in diesen Bereichen. Die politischen Stiftungen: die Konrad Adenauer-Stiftung
(KAS) und die Hans Seidel Stiftung
, unterhalten Büros in La Paz und betreuen vor Ort zahlreiche Projekte. Die Friedrich Ebert Stiftung
(FES) ist direkt Vorort präsent. Die CIM
leistet personelle Zusammenarbeit mit zahlreichen integrierten Fachkräften. Die Deutsch-Bolivianische Industrie- und Handelskammer (AHK Bolivien), der DED und die GTZ unterzeichneten am 20. November 2006 einen Kooperationsvertrag für das Programm Public Private Partnership
(PPP). Von Bedeutung ist auch das unter anderem von der GTZ unterstützte Nationale Umweltinformationssystem SIA (Sistema de información del medio ambiente), das Aktivitäten nationaler
und ausländischer
Organisationen umfaßt.

Gerardo Basurco Valverde, Dr. phil, Dipl. Volkswirt, geb. 1953, Studium der Volkswirtschaft und Politikwissenschaft.
Gutachter von Projekten der Entwicklungszusammenarbeit.
Für Anregungen und Kommentare wäre ich Ihnen dankbar.