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Einen verlässlichen und aktuellen Überblick über makrostrukturellen Daten zu chilenischen Gesellschaft bietet das CIA-Factbook
, die Zusammenfassung der Ergebnisse des letzten offiziellen Census
(2002) sowie die demographischen Prognosen
des Nationalen Statististikinstituts bis 2050. Im 2012 wird ein neuer Census vorgenommen. Die neueren Statistiken werden gegen Ende 2012 bzw. im Jahr 2013 bereitstehen.
In ethnischer Hinsicht ist Chile – im Vergleich zu anderen lateinamerikanischen Gesellschaften – weitgehend homogen: rund 95% der Bevölkerung sind Weiße oder Mestizen, 5% gehören indianischen Ethnien an (v.a. Mapuche und Aymara). Innerhalb der Gruppe der Weißen und Mestizen wird aber sehr wohl wahrgenommen, wie stark ausgeprägt der europäische Anteil in der Stammlinie ist. Ähnlich wie in Argentinien wird hier oft der pejorative Ausdruck „Schwarzköpfchen“ (cabecita negra
) für besonders dunkelhäutige oder -haarige Mestizen verwendet.
Dies verdeutlicht, dass in Chile sozialer Status von eine besonders wichtige Rolle spielt. In Chile ist oft vom „mundo de los pobres“, „mundo indígena“ oder vom „mundo de los ricos“ (Welt der Armen, der Indígenas oder der Reichen) die Rede. Tatsächlich scheinen in Chile bestimmte Gesellschaftssegmente zu koexistieren, die sich kaum berühren oder überschneiden. Diese Segregation manifestiert sich beispielsweise in den Wohnvierteln, in den Schulen, im Musikgeschmack, Kleidungsstil etc.
Auch sozioökonomisch ist die chilenische Gesellschaft sehr gespalten: Eine Erhebung zur Einkommensverteilung
im Jahr 2009 ergab, dass lediglich 7,2% des Einkommens auf das unterste Fünftel entfiel, während die oberen 20% insgesamt 47,3% des Gesamteinkommens auf sich vereinen konnten.
Chile ist eine recht junge Gesellschaft: 22,7% der Bevölkerung sind unter 15 Jahre, 68,3% finden sich im Alterssegment von 15 bis 64 Jahre. 9% sind älter als 65 Jahre. Das Durchschnittsalter liegt bei rund 32 Jahren, die Lebenserwartung bei 78,6 Jahren (Daten von 2010).
Trotz der Bemühungen der Regierungen der letzten Jahre um Gleichstellung der Geschlechter im öffentlichen Leben und trotz der Tatsache, dass mit Michelle Bachelet
erstmals eine Frau Verteidigungsministerin und später auch Staatspräsidentin wurde, ist die Kultur in Chile – wie in vielen anderen lateinamerikanischen Nationen – vom machismo
geprägt.
Die Bemühungen um Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern erhielten im Jahr 1991 einen institutionellen Rahmen: Die erste Concertación‑Regierung schuf den Servicio Nacional de la Mujer (SERNAM
). Auf der Seite des SERNAM finden sich zahlreiche Informationen, Studien und Statistiken zur Situation der Frau in Chile.
Frauen sind auch im öffentlichen und beruflichen Leben in Chile benachteiligt. Einige Daten aus dem zweiten Regierungsbericht zu den UN-Milleniumszielen
mögen dies illustrieren: Lediglich 12,6% der Parlamentarier sind Frauen. 18% der Führungspositionen in der Wirtschaft sind mit Frauen besetzt. In den gleichen Wirtschaftssparten verdienen Frauen 22,8% weniger als ihre männlichen Arbeitskollegen. Der Gender-Related Development Index
(GDI) positioniert Chile im Jahr 2009 an 41. Stelle. Chile ist somit das unter den lateinamerikanischen Ländern das erstplatzierte. Uruguay folgt auf Rang 45, Argentinien auf Rang 46. Im Vergleich hierzu liegt Deutschland auf Rang 20, Italien auf Rang 15. Das Feld der insgesamt 155 Staaten wird angeführt von Australien und Norwegen. An den letzten Stellen stehen Niger und Afghanistan
Die Familie
ist in Chile der zentrale Referenzrahmen für das Alltagsleben. Junge Chilenen leben meist bis zu ihrer eigenen Familiengründung bei ihren Familien. Nur 11,6% der chilenischen Haushalte sind Single-Haushalte. Mit 38,1% der Haushalte stellt die Kernfamilie bestehend aus Eltern und Kindern die verbreitetste Lebensform dar; in 9,7% der Haushalte leben Alleinerziehende. Weitere 21,9% der Haushaltskonstellationen bestehen aus Ein- bzw. Zweielternfamilien und weiteren Angehörigen, die mit im Haushalt leben.
Chile war der letzte südamerikanische Staat, der die Ehescheidung legalisierte. Über Jahre hinweg scheiterten alle Gesetzesinitiativen am erbitterten Widerstand der katholischen Kirche und der konservativen Parteien. Dennoch war die Auflösung von Ehen schon zuvor gängige Praxis: Die Scheidung a la chilena bestand aus einer Auflösung der Ehe aufgrund von Formfehlern. Diese weit verbreitete Praxis ging meist zu Lasten der Frauen, da diese oft nicht abgesichert waren und die Unterhaltsansprüche für die Kinder nicht klar geregelt wurden. Seit der Verabschiedung des Scheidungsgesetzes im Jahr 2004 wurden bis zum Mai 2010 über 100.000 Ehen geschieden.
Das Konzept des „amigo“, der „amiga“ bzw. der „amistad“ ist in Chile weiter gefasst und beinhaltet in etwa das, was man Deutschland als „Freund“ und „Bekannten“ bezeichnen würde. So wird man recht schnell als „amigo“ vorgestellt, wobei mit dem Status des „amigo“ nicht unbedingt eine Verbindlichkeit und Vertrauen einhergehen, die man als Deutscher mit „Freundschaft“ verbindet. Dies ist ein wichtiger Aspekt der kulturellen Besonderheiten und gesellschaftlichen Etikette.![]()
Von großer Bedeutung für den chilenischen Alltag ist das Konzept des „pituto"
, das eng mit der Familie und mit den „amigos“ zusammenhängt: „Pituto“ bezeichnet Kontakte zu Personen, die in der Lage sind, jemandem einen Gefallen zu tun bzw. einen Vorteil zu verschaffen. Mit „pituto“ ist es möglich, auch in schwierigen Situationen eine Arbeit zu finden, auf einer Behörde den „kurzen Dienstweg“ zu nehmen, im Krankenhaus ohne Wartezeiten behandelt zu werden etc.
Der „pituto“ setzt nicht unbedingt voraus, dass man die Person an der entsprechenden Entscheidungsstelle persönlich kennt. Oft ist es so, dass gemeinsame Bekannt die Kontakte herstellen. So entstehen „Gefälligkeitsketten“, die auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit beruhen. So spricht man beispielsweise vor einem Behördengang den Nachbarn an, von dem man weiß, dass er mit dem entsprechenden Sachbearbeiter auf dem Amt bekannt oder entfernt verwandt ist. Der Nachbar kündigt dann den Besuch an und erwirkt das Wohlwollen des Sachbearbeiters. Der „Alltags-Pituto“ hat in der Regel nichts mit Bestechung zu tun. Es geht nicht um Geld, sondern um Gefälligkeiten, die sich mittel- und langfristig für alle lohnen. Im Chilenischen gibt es die Ausdrücke „tener pituto“ („Vitamin B haben“) und „tener un pituto“ (jemanden kennen, der bei bestimmten Anliegen behilflich sein kann).
Der Anteil der Bildungsausgaben am BIP beträgt in Chile 5,7% und entspricht somit dem Durchschnitt der OECD-Staaten. Das Schulsystem
ist dreigliedrig und besteht aus (1) der Vorschule (Enseñanza Preescolar) für Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren. Die (2) Educación General Básica entspricht dem 1.-8. Schuljahr im deutschen System. Sie ist für alle Kinder verpflichtend. Daran schließen sich (3) die Sekundarschulen (Educación Media) an: Die Sekundarschulen umfassen vier Jahrgangsstufen. Sie sind kostenlos und verpflichtend. Nach einem zweijährigen allgemeinen Unterricht kann zwischen einem humanistisch-wissenschaftlichem oder technisch-beruflichem Schwerpunkt gewählt werden, wobei die humanistisch-wissenschaftliche Richtung auf die Hochschule vorbereitet und die technisch-beruflichen Schulen neben dem Schulabschluss auch einen Berufsabschluss als „Techniker“ verleihen. Insgesamt besteht eine zwölfjährige Schulpflicht. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Schülerproteste
gegen die Bildungspolitik und die Strukturen des Bildungswesens
, die von Vielen als ungerecht wahrgenommen werden, da sie die soziale Ungleichheiten im Land zementieren.

Das chilenische Hochschulwesen
gehört zu den besten Lateinamerikas. Neben den Institutos Profesionales und den Centros de Formación Técnica (berufsorientierte höhere Ausbildungseinrichtungen, deren Ausbildungsniveau in etwa der Bandbreite der deutschen Berufsfachschulen und Fachhochschulen entspricht) gibt es in Chile rund 60 private und staatliche Hochschulen
. Die traditionsreichsten Universitäten sind die staatliche Universidad de Chile
und die private Pontificia Universidad Católica de Chile
. Das chilenische Hochschulwesen ist stark marktorientiert. Die Universitäten konkurrieren um die besten Studenten. Das Studium ist gebührenpflichtig. Die Kosten sind an den privaten Universitäten höher als an den staatlichen, die auf eine öffentliche Grundfinanzierung zurückgreifen können. Die Struktur und Finanzierung des chilenischen Hochschulwesens war in den vergangenen Jahren immer wieder Anlass zu massiven Protesten
und Konflikten
.
Bei der beruflichen Bildung gibt es zum einen den Abschluss des Techniker auf mittlerem Niveau, der mit dem Abschluss einer technisch-beruflichen Sekundarschule erreicht wird. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, an einem privaten Centro de Formación Técnica den Abschluss eines "Höheren Technikers" zu erwerben.
Das Gesundheitswesen in Chile
ist zweigeteilt: Es gibt ein großer Unterschied zwischen dem privaten und dem staatlichen Gesundheitswesen besteht. Die Krankenversicherungen
wurden im Zuge der marktliberalen Reformen unter Pinochet Anfang der 80er Jahre privatisiert. Die Krankenversicherung
ist für jeden Arbeitnehmer obligatorisch: Besserverdiener versichern sich privat und können sich im Krankheitsfall zügig nach den neuesten Therapierichtlinien behandeln lassen. Für Bezieher niedriger Einkommen bleibt der staatliche Gesundheitsfond. Die Leistungen des öffentlichen Gesundheitswesens stehen hinter denen des Privaten zurück. Häufig müssen bis zum Behandlungsbeginn lange Wartezeiten in Kauf genommen werden, oft fehlt es an Medikamenten, Geräten und Personal.
Im Jahr 2005 wurde eine Reform des Gesundheitswesens
eingeleitet (Plan AUGE – Plan Acceso Universal con Garantías Explícitas), die den allgemeinen Zugang zu einer angemessenen und bezahlbaren Gesundheitsversorgung sicherstellen sollte. Die Reformen
zeigen erste Erfolge, wobei grundsätzliche Probleme
bei der Versorgung der ärmeren Gesellschaftsschichten weiterhin bestehen bleiben.

Die ersten Assoziationen, die man mit chilenischer Kultur hat, sind sicherlich Pablo Neruda
und Gabriela Mistral
, die beiden chilenischen Literaturnobelpreis-Träger von 1971 bzw. 1945. Aber neben diesen beiden Autoren hat Chile noch eine Reihe weiterer aktueller Literaten
zu bieten, wie zum Beispiel: Vicente Huidobro, Gonzalo Rojas, Nicanor Parra, José Donoso, Jorge Edwards, Isabel Allende, Antonio Skármeta, Raúl Zurita oder der bereits verstorbene Roberto Bolaño.
Aber auch im Bereich der Musik
, Bildende Künste
oder des Filmes
kann Chile in den vergangenen Jahren auf eine Reihe bekannter Kunst- und Kulturschaffender verweisen.
In den vergangenen Jahren wurde die Kunst- und Kulturszene Chiles auch durch eine gezielte kulturpolitische Förderung
gestärkt. So fördert der Kunstfond „Fondo de las Artes (Fondart)“ alljährlich Mittel rund 2000 Projekte aus unterschiedlichen Bereichen der Kunst. Darüber hinaus wurden verschiedene Räte geschaffen, die sich der Förderung von Kunst und Kultur verschrieben haben: der „Consejo Nacional de la Cultura y de las Artes“ (Nationaler Rat für Kultur und Künste), „Consejo del Libro y de la Lectura” (Literaturrat), „Consejo de Fomento de la Música Nacional“ (Rat zur Förderung der Nationalen Musik) sowie der „Consejo del Arte y la Industria Audiovisual“ (Rat für audiovisuelle Kunst und Industrie).
In Chile gibt es keine Staatsreligion: Die Trennung von Staat und der katholischen Kirche
wurde mit der Verfassung von 1925 vollzogen und verlief ohne größere Konflikte. Dies ermöglichte der katholischen Kirche
, eine starke und konstruktive Rolle in der chilenischen Gesellschaft wahrzunehmen. Ohne eng mit der Regierung verstrickt zu sein – wie dies beispielsweise im Nachbarland Argentinien der Fall war – trat die Kirche in Chile als kritische Begleiterin der gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen auf. Von ihr gingen immer wieder wichtige Impulse aus: So stieß die Kirche während der Regierungszeit des Christdemokraten Frei Montalva eine Landreform an, indem sie Teile des Kirchenbesitzes an jene Bauern verteilte, die auf dem Land lebten. Diese Agrarreform wurde von den Christdemokraten aufgegriffen und unter Allende fortgesetzt. Während der Zeit der Militärdiktatur
kam der Kirche durch das Solidaritätsvikariat
eine zentrale Rolle im Menschenrechtsschutz
zu. Durch die Vermittlung des Erzbischofs von Santiago, Kard. Fresno, gelang es in den 80er Jahren die parteipolitische Opposition zu vereinen und so maßgeblich zur Rückkehr zur Demokratie beizutragen.
Noch heute spielt die katholische Kirche in Chile eine wichtige gesellschaftliche und politische Rolle, auch wenn die Zahl der Gläubigen rückläufig ist: Nur noch rund 70% bekennt sich zum Katholizismus, evangelikale und pfingstlerische Kirchen
bilden mit 15,1% die zweitstärkste Gruppe, auch wenn diese in sich sehr divers ist.

Allgegenwärtig sind in der Volksfrömmigkeit der Chilenen die beiden chilenischen Heiligen: die Karmelitin Teresita de Los Andes
und der Jesuitenpater Alberto Hurtado
. Besondere Präsenz im öffentlichen Leben hat zweifellos der „Padre Hurtado“: Der 1901 geborene Jesuit gilt als einer charismatischsten Vertreter des chilenischen Sozialkatholizismus. Er gründete unter anderem den „Hogar de Cristo“
, der als Obdachlosen-Projekt begann und heute das größte Sozialwerk der katholischen Kirche ist, das von der Kinderkrippe bis zu Bestattungen der armen Bevölkerung Hilfe in allen Lebenslagen bietet. Viele Supermärkte verfügen über Abkommen mit dem Hogar de Cristo
, so dass man beim Einkauf das Wechselgeld direkt spenden kann.

Veit Straßner
(geb. 1975) studierte in Mainz und Santiago/Chile Politikwissenschaft, Soziologie und Erziehungswissenschaft (Dr. phil.) sowie Philosophie und katholische Theologie (Lic. theol.); Studien- und Forschungsaufenthalte in Chile, Argentinien, Uruguay und Peru.
Von 2003 bis 2008 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Mainz, seit 2008 im Schuldienst.
Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im März 2012 aktualisiert.
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