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Das pazifische Nicaragua war in vorkolumbischer Zeit eine relativ dicht besiedelte Region, die zur Peripherie des Aztekenreiches gehörte. In den Jahren 1522-24 eroberten die Spanier dieses Gebiet von Panama aus und gründeten León und Granada, die über Jahrhunderte die wichtigsten Städte des Landes bleiben sollten. In der Kolonialzeit war Nicaragua dem Generalkapitanat Guatemala unterstellt. Es war ein prosperierender Schwerpunkt der spanischen Herrschaft und beanspruchte schon damals die Mosquitia (Atlantikküste), ohne allerdings jemals die effektive Kontrolle dieses riesigen und unwegsamen Gebietes durchsetzen zu können. Jenseits der Siedlungsgrenze, die durch das zentrale Bergland verlief, lebten indianische Ethnien, die mit den Piraten und den Engländern gemeinsame Sache machten und sich mehrmals den verheerenden Raubzügen den Río San Juan und den Río Coco hinauf anschlossen. Brauchbare Informationen zur Geschichte finden sich auf der Seite des Historischen Instituts IHNCA
der Katholischen Universität UCA, im Dossier Lateinamerika
der Bundeszentrale für Politische Bildung, bei Wikipedia
und in der Länderstudie der US-Regierung.
1821 erlangte Nicaragua zusammen mit Mexiko die Unabhängigkeit von Spanien. Die früheren Provinzen des Generalkapitanats von Guatemala bildeten zunächst die „Zentralamerikanische Föderation“. Dieser schwache Staatenverbund zerfiel 1838, so dass Nicaragua erst ab 1839 als selbständiger Nationalstaat hervortrat. Das 19.Jahrhundert war dann stark von der Rivalität zwischen der Liberalen und der Konservativen Partei mit ihren Hauptorten León bzw. Granada geprägt. Die zahlreichen Bürgerkriege machten Nicaragua zu einem instabilen Land und zu einem Unruheherd in der internationalen Politik. Auf Einladung der liberalen Partei kam 1855 der US-Amerikaner William Walker mit einer Söldnertruppe ins Land und ließ sich zum Präsidenten wählen. Walkers Absicht war es, Nicaragua und die wichtig gewordene Kanalroute über den Río San Juan unter die Kontrolle der Südstaaten der USA zu bringen. Als sich dieses kolonialistische Projekt in seiner ganzen Scheußlichkeit herausstellte, wurde er 1857 mit Hilfe von Costa Rica und Honduras vertrieben. Der Krieg gegen die „Filibuster“ (=Abenteurer und Eroberer) gilt im Selbstverständnis der Zentralamerikaner als ihr eigentlicher Unabhängigkeitskrieg.

Die herausragende Figur am Ende des 19.Jahrhunderts war der liberale Präsident José Santos Zelaya
, der von 1893-1909 regierte. Zelaya wollte sein rückständiges Land militärisch und wirtschaftlich stark machen. Er führte die Trennung von Staat und Kirche ein, und er förderte die Modernisierung der Verwaltung, die Exportproduktion und den Eisenbahnbau. Außenpolitisch konnte er die Eingliederung der Mosquitia in den Nationalstaat erzwingen und damit zunächst einen großen Erfolg verbuchen. Sein nationalistischer Kurs in der Kanalfrage trug ihm jedoch die unversöhnliche Feindschaft der USA ein. 1903 beschloss der US-Kongress, die Abspaltung Panamas von Kolumbien zu unterstützen und den Kanal dort zu bauen. Als Zelaya es wagte, sein eigenes Kanalprojekt weiterzuverfolgen und dafür Kontakt mit Japan und Deutschland aufzunehmen, wurde er von Washington zum Schurken erklärt. 1909 intervenierten die USA zugunsten einer Rebellion der Konservativen und zwangen Zelaya ins Exil.

Von 1912-1933 besetzten die USA das Land dauerhaft und verwandelten es de facto in ein US-Protektorat. Gegen diese Besatzung führte Augusto C. Sandino
in den Jahren 1927-1933 einen Guerillakrieg, der in ganz Lateinamerika als Befreiungskrieg gefeiert und unterstützt wurde. Tatsächlich wurden die US-Marines 1933 abgezogen, aber mit der neu aufgebauten Nationalgarde hinterließen sie ein Machtinstrument, das den Einfluss der USA auch ohne eigene Truppen garantierte. Der Chef der Nationalgarde, Anastasio Somoza, ließ Sandino ermorden und riss 1936 die Macht an sich. Er begründete die Herrschaft der Familie Somoza, die als Paradebeispiel einer tropischen Diktatur im „Hinterhof“ der USA gelten kann. Die persönliche Bereicherung, die grausame Verfolgung der Opposition und ständige Verletzung des Rechts waren an der Tagesordnung.
1979 wird der Diktator Somoza durch einen langen, blutigen Volksaufstand gestürzt. Der Kampf wird zum Schluss von einer breiten Koalition bis ins bürgerlich-konservative Lager hinein unterstützt. Ihre wichtigste und bei weitem einflussreichste Kraft ist die FSLN (Frente Sandinista de Liberación Nacional
), die 1961 nach kubanischem Vorbild als Guerilla bzw. Befreiungsarmee gegründet wurde. Die „Sandinistische Revolution“ bedeutet einen grundlegenden Neuanfang und eine beispiellose Aufbruchstimmung: Staatsapparat und Armee werden völlig neu aufgebaut, eine Alphabetisierungskampagne und eine Agrarreform werden durchgeführt, Sozial- und Entwicklungsprogramme sollen die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit erfüllen, neue Schulen und Dichterwerkstätten die kulturelle Kreativität fördern. In der Außenpolitik nimmt Nicaragua Beziehungen zu Kuba und den sozialistischen Ländern auf; die enge Bindung an die USA wird durch das Prinzip der Blockfreiheit abgelöst. Präsident wird der FSLN-Kommandant Daniel Ortega Saavedra
, der zunächst von der Übergangsregierung ernannt und 1984 dann mit großer Mehrheit von der Bevölkerung gewählt wird.
Die breite Einheitsfront des Jahres 1979 zerfällt bald. Die Revolutionszeit der 1980er Jahre wird bestimmt von der scharfen Kritik der bürgerlichen Politiker und Unternehmer an der angeblich sozialistischen Planwirtschaft der FSLN-Regierung. Die US-Regierung unter Präsident Reagan sieht in Nicaragua ein zweites Kuba und verhängt ein Handelsembargo. In diesen Jahren steht das kleine Nicaragua im Zentrum des Ost-West-Gegensatzes und der Weltöffentlichkeit. Ab 1984 finanziert die US-Regierung bewaffnete Widerstandsgruppen, die sogenannte Contra
, die von Honduras und Costa Rica aus Anschläge verüben und die Destabilisierung des Revolutionsregimes betreiben. Im Rahmen des zentralamerikanischen Friedensprozesses von Esquipulas wird der Krieg mit der Contra 1987/88 beendet und ein Prozess der nationalen Versöhnung und Wiedereingliederung der Kämpfer in die Gesellschaft begonnen.

In den Wahlen von 1990 kommt es überraschend zur Abwahl der FSLN-Regierung. Neue Präsidentin wird Violeta Barrios de Chamorro
an der Spitze des Oppositionsbündnisses UNO. Daniel Ortega akzeptiert die Niederlage und handelt einen friedlichen Regierungswechsel aus. In den folgenden Jahren werden die Spuren der Revolution beseitigt. Im Rahmen einer neoliberalen Privatisierungs- und Austeritätspolitik wird das gesamte Engagement des Staates in der Wirtschafts- und Sozialpolitik liquidiert. Auch die Politik erlebt eine restaurative Phase. Die bürgerlichen Politiker kehren aus dem Exil zurück, und der erzkonservative katholische Klerus erhält wieder großen Einfluss. Die Liberale Partei, die 1979 zusammen mit Somoza untergegangen war, wird wieder eine führende Kraft und kann mit Arnoldo Alemán (1996-2002) und Enrique Bolaños (2002-2007) beide Präsidenten stellen, die auf Violeta Barrios nachfolgen.
Nach elf Jahren Revolution scheint das Land in den 90er Jahren an den Ausgangspunkt zurückgekehrt zu sein: Weiterhin ist es eines der ärmsten Länder auf dem amerikanischen Kontinent, wieder ist es politisch und wirtschaftlich übermäßig abhängig von der Großmacht im Norden. Nur die formale Demokratie mit freien Wahlen scheint von der Revolution 1979 übriggeblieben zu sein.
Die Verfassung
der Republik Nicaraguas sieht eine repräsentative, parlamentarische Präsidialdemokratie vor. Präsidentschaftswahlen finden alle fünf, Kommunalwahlen alle vier Jahre statt. Der Staatspräsident wird direkt vom Volk gewählt und hat eine verfassungsmäßig sehr starke Position, ähnlich der des US-Präsidenten. Er bestimmt sein Kabinett und steht damit der Exekutive vor.
Die Ministerien und Minister sind in der aktuellen Liste des Regierungskabinetts
aufgeführt. Präsident
, Vizepräsident
und viele Ministerien verfügen über eine eigene Homepage. So finden Sie die Internetseiten des Außenministeriums
, des Wirtschaftsministeriums
, des Landwirtschaftsministeriums
, des Instituts für Agrartechnologie
, der Tourismusbehörde
, des Institutes für Bodenkunde
, des Institutes zur Förderung von Klein- und Mittelbetrieben
oder der Obersten Steuerbehörde
.
Insbesondere die Webseiten der Zentralbank
und des Finanzministeriums
halten wichtige Daten bereit.

Das Parlament besteht aus nur einer Abgeordnetenkammer, die „Asamblea“ genannt wird. Sie hat insgesamt 92 Sitze: 90 Wahlmandate und zusätzlich jeweils einen für den scheidenden Präsidenten, sowie einen für den jeweils unterlegenen Mitbewerber.
Auf der Homepage der Asamblea Nacional
finden Sie ein Verzeichnis aller Abgeordneten und außerdem gute Informationen über das nicaraguanische Gesetzgebungsverfahren. Weitere Informationen zum Wahlsystem und zur Zusammensetzung des Parlaments finden Sie auf der Seite der Interparlamentarischen Union
.
Die Republik Nicaragua hat 15 Provinzen, die hier "Departamentos"
heißen. Zusätzlich gibt es die beiden Regionen RAAS (Region Autónoma Atlántico Sur) und RAAN (Región Autónoma Atlántico Norte), denen aufgrund ihrer mehrheitlich indigenen Bevölkerung qua Verfassung eine bestimmte Autonomie zuerkannt ist. Die folgende Aufstellung ist „Wikipedia“ entnommen und bietet links mit zusätzlichen Informationen zu den Departamentos und ihren Hauptstädten.
Departamento | Einwohnerzahl (05/2005) | Hauptstadt |
150.636 | ||
166.073 | ||
378.970 | ||
153.932 | ||
201.548 | ||
168.186 | ||
331.335 | ||
355.779 | ||
132.459 | ||
1.262.978 | ||
289.988 | ||
469.172 | ||
208.523 | ||
95.596 | ||
156.283 | ||
314.130 | ||
306.510 |
Da Nicaragua ein Einheitsstaat ist, stellen die Departamentos nur Verwaltungsbezirke ohne eigene Regierung und politische Vertretung dar. Nur die beiden Atlantikregionen haben aufgrund ihrer historischen und ethnischen Besonderheit einen Autonomierat und einen Gouverneur. In den 152 municipios (Gemeinden) werden alle vier Jahre alcaldes (Bürgermeister) und consejos municipales (Gemeinderäte) gewählt. Die Gemeindeautonomie wird von der Verfassung garantiert, und der Ausbau der kommunalen Selbstverwaltung ist eine wichtige Errungenschaft der Revolutionsjahre. Sie bedeutet ein Gegengewicht zum starken Zentralismus des Staates und bietet neue Formen der Bürgerbeteiligung.
Gesetze und Dekrete werden im Gesetzesblatt La Gaceta
verkündet. Auf dem Navegador Jurídico Internacional
sind Gesetzestexte und Links zu den Institutionen in Nicaragua zu finden.
Der Oberste Gerichtshof, el Corte Supremo de Justicia, besteht aus insgesamt 16 Richterinnen und Richtern, die von der Nationalversammlung für jeweils fünf Jahre ins Amt berufen werden. Die Justizbehörden unterhalten eine Internetseite
mit umfassenden Informationen zum Rechtssystem. Der Instanzenweg ist in Form eines Organigramms
dargestellt.
Eine besondere Bedeutung hat der Oberste Wahlrat
. Da Wahlentscheidungen oft umstritten sind, gilt er neben Legislative, Exekutive und Judikative als „vierte Gewalt“ im Staate.

Daniel Ortega Saavedra
(geb. 1945) ist der Präsident Nicaraguas und der Vorsitzende der sandinistischen Partei FSLN. Nach seiner Präsidentschaft während der Revolutionszeit (1985-1991) gelang es ihm im Jahre 2006, wieder in das Amt gewählt zu werden. Am 6.November 2011 wurde er mit großer Mehrheit noch einmal gewählt. Im Januar 2012 hat er eine weitere Amtszeit von fünf Jahren angetreten.
Ortega beschwört immer wieder ein "Neues“ und „Vereintes“ Nicaragua. In seinen Reden stellt er seine Amtsführung als zweiten Anlauf zur Revolution dar und betont, dass Nicaragua stark und unabhängig vom Imperialismus werden soll, dass das Volk selbst der Präsident ist („El pueblo presidente
“), dass der Kampf gegen die Armut und die Zähmung des Kapitalismus seine wichtigsten Ziele sind. Der Präsident beruft sich noch auf den "Sandinismus", aber die politischen Aussagen der Revolution von 1979 haben sich längst zu einer verschwommenen "Revolution der Liebe" gewandelt, die "christlich, sozialistisch und solidarisch" zugleich sein soll. Die religiös aufgeladene Sprache kommt bei vielen Nicaraguanern gut an, verbirgt aber oft die wahren Probleme wie eine Nebelwand.
Außenpolitisch unterhält er enge Beziehungen zu Venezuela und Kuba. Andererseits hat er ernstere Konflikte mit den USA vermieden und unterhält ausgezeichnete Beziehungen zur Unternehmerschaft seines Landes. Nicaragua erfüllt seine internationalen Verpflichtungen und die Auflagen des Internationalen Währungsfonds problemlos. Die internationale Gebergemeinschaft, die 2008 noch gegen die Manipulation der Kommunalwahlen heftig protestiert hat, scheint sich jetzt sogar mit Ortegas verfassungswidriger Wiederwahl abzufinden.
Ortega zelebriert seine persönliche Macht in einer Art und Weise, die ihn als klassischen „Caudillo“ ausweist. So hat er sich gerade im November 2011 wiederwählen lassen, obwohl die Verfassung die Wiederwahl verbietet. Eine echte Teilhabe an der Macht hat ganz offensichtlich seine Ehefrau Rosario Murillo. Formal ist sie zwar nur Vorsitzende der Kommission für Kommunikation und Bürgerrechte (Consejo de comunicación y ciudadanía), aber sie befindet sich nachweislich im Zentrum aller relevanten Politikfragen und Personalentscheidungen.

Um Ortegas Wahlsieg 2006 und damit seine Rückkehr ins Präsidententamt verstehen zu können, muss man an die Verständigung erinnern, die Ortega im Jahre 1998 mit seinem damals größten Konkurrenten Arnoldo Alemán
herbeiführte; sie hat als "Pacto Político"
traurige Berühmtheit erlangt und ist bis heute mehrmals erneuert worden. Alemán war damals noch selbst Staatspräsident und Chef der Liberalen Partei (Partido Liberal Constitucionalista), doch das Wasser stand ihm bis zum Hals, da ihm die Strafverfolgung seiner dreisten Korruptionsaffären bevorstand. Ortegas Stellung war auch angeschlagen, da seine Stieftochter öffentlich den Vorwurf erhoben hatte, dass er sie als Kind jahrelang sexuell missbraucht habe.
Im Zentrum der Abmachungen mit Alemán standen zunächst eine Reihe von Wahlrechts- und Verfassungsänderungen, die die Zulassung von kleineren Parteien zu den Wahlen auf eklatante Weise erschwerten und damit das Zweiparteiensystem in den Händen der Liberalen und der FSLN zementieren sollte. Offensichtlich machte Ortega Alemán auch eine Reihe weiterer Zusagen (z.B. die Entmachtung des unbequemen Rechnungshofes und die Einführung eines automatischen Parlamentssitzes für Altpräsidenten mit entsprechender Immunität gegen Strafverfolgung). Fest steht, dass Ortega sein Ansehen als starker Mann festigte, sich aber dauerhaft mit einer der korruptesten Persönlichkeiten der Zeitgeschichte (so eine Einstufung von Transparency International) eingelassen hatte.
Im Jahre 2001 wurde aber nicht Ortega, sondern der Liberale Enrique Bolaños zum Präsidenten gewählt. Alemán wurde wegen Geldwäsche, Unterschlagung und Korruption einer 20jährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Erstaunlicherweise war Alemáns Karriere damit keineswegs beendet. Noch aus dem Gefängnis heraus kontrollierte er die Partei und die Mehrheit der liberalen Parlamentsfraktion. Seine ständigen Störmanöver führten aber schließlich dazu, dass 2004 die Alemán-Gegner die PLC verließen und eine neue Partei gründeten, die Alianza Liberal Nicaragüense (ALN). Damit war Ortega der Präsidentschaft wiederum ein gutes Stück näher gekommen, denn nun hatte sich der Liberalismus gespalten.
Wichtig auf dem Weg zum Wahlsieg war auch eine Änderung des Wahlrechts, die im Zuge des Pacto mit Alemán beschlossen worden war: Wenn ein Kandidat bei den Wahlen mit mindestens 35% die relative Mehrheit der Stimmen erreicht und 5% oder mehr vor seinem nächsten Mitbewerber führt, gilt er ohne Stichwahl als endgültig gewählt. Diese Bestimmung wurde von entscheidender Bedeutung, weil Ortega befürchten musste, dass sich bei einer Stichwahl die beiden liberalen Parteien auf einen Kandidaten einigen und damit seine Niederlage herbeiführen könnten.
Die Wahlen am 5.November 2006 (Beteiligung 75%) brachten dann folgendes Ergebnis: Daniel Ortega (FSLN bzw. Allianz "Nicaragua Unida Triunfa") 38%, Eduardo Montealegre (Alianza Liberal Nicaraguense) 29%, José Rizo (Partido Liberal Constitucionalista) 26%, Edmundo Jarquín (Movimiento Renovador Sandinista) 6%, Edén Pastora (Alternativa por el Cambio) 0,3%.
Die Ergebnisse der Parlamentswahl (90 Sitze, hinzu kommen 2 Sitze, die automatisch für den Ex-Präsidenten und für den Kandidaten mit der zweithöchsten Stimme vergeben sind): Alianza Nicaragua Unida Triunfa: 37 Sitze, Alianza Liberal Nacional: 31 Sitze (plus Bolanos und Montealegre), PLC: 18 Sitze; MRS: 6 Sitze.
Ein wenig überspitzt kann man sagen, dass Ortega die Wahlen nicht gewann, sondern seine Gegner sie verloren. Die Unfähigkeit des rechten Lagers, sich zum Wahltermin auf eine gemeinsame Partei zu einigen, teilte die liberal-konservativen Stimmen auf PLC und ALN. Der bekannte Schriftsteller Sergio Ramírez, selbst Gründungsmitglied des MRS, kommentierte das Wahlergebnis mit eher maßvollen Überlegungen
, während der österreichische „Standard“ eine vernichtende Bilanz
zog.


Die Regierung trat mit einem eindrucksvollen Sozialprogramm an. Wenn man sich das konkrete Bild dieser Maßnahmen ansieht und mit der neoliberalen Linie des vorangegangenen Präsidenten Bolaños vergleicht, verwundert es keineswegs, dass Daniel Ortega mehr Wählerstimmen als seine liberalen Mitbewerber erhielt: Der Kampf gegen den Hunger und das Elend im Land wurde zur höchsten Priorität erklärt. Für die Umsetzung wurden ehrgeizige Projekte in Angriff genommen: Die Wiedereinführung der Kostenfreiheit von Bildung und Erziehung und die Aufhebung der Teilprivatisierung des Schulwesens
; ein Alfabetisierungsprogramm für Erwachsene
; eine Reform und Erneuerung des öffentlichen Gesundheitssystems; das Programm Hambre Cero
, das die Abgabe billiger Grundnahrungsmittel sowie Produktionshilfen für Kleinbauern vorsieht. Mit gutem Grund sind diese Projekte vor allem auf die armen Bevölkerungsschichten ausgerichtet, die bisher von der Politik massiv vernachlässigt wurden. Wenn man dazu bedenkt, dass es Ortega gleich zu Beginn seiner Amtszeit gelang, die gravierende Energiekrise zu lösen und die Aussicht auf vergünstigte Erdölimporte und ein gigantisches Raffinerieprojekt mithilfe von Venezuela zu eröffnen, dann startete er nicht nur mit leeren Versprechungen, sondern mit einem ernstzunehmenden Programm.
Eine strategische Bedeutung in diesem Entwurf hat die enge Allianz mit Venezuela, die gleich nach dem Wahlsieg durch mehrfache Besuche von Hugo Chávez demonstriert wurde. Venezuela kann nicht nur billiges Öl bieten, sondern auch umfangreiche Finanzhilfe aus seinen reichlich sprudelnden Öleinnahmen. Der Umfang der Hilfe, die von Venezuela seit 2007 fließt, wird auf 4-500 Mio.US-Dollar/Jahr geschätzt. Gleichzeitig ist damit von Anfang an ein Problem verknüpft: Die Zahlungen werden über die halbstaatliche Gesellschaft „Albanisa“ abgewickelt, die der Kontrolle des Parlaments entzogen ist. Die Opposition kritisiert zu Recht, dass die Verwendung der enormen Geldsummen damit für die politischen Zwecke der Regierungspartei missbraucht werden kann und dass außerdem jenseits des Staatshaushaltes neue Schuldenberge entstehen, die der Staat hinterher übernehmen muss. Zusätzlich stellt sich die Frage, bis wann und unter welchen Bedingungen diese Quelle weiterhin so reichlich sprudeln wird.
In den vergangenen fünf Jahren bedeutete diese Hilfe jedenfalls einen wichtigen Rückhalt für die Regierung. Es gelang Ortega nämlich, gleichzeitig die Geschäfts- und Handelsbeziehungen zu den USA und den zentralamerikanischen Nachbarn im Rahmen des Freihandeslabkommens CAFTA auszubauen. Die Wirtschaft wuchs, und selbst die Folgen der internationalen Finanzkrise 2008/2009 wurden besser bewältigt, als zu erwarten war. Dabei konnte die Regierung freilich auch von den weiterhin hohen Exportpreisen für Agrarprodukte und Gold profitieren.
Die Amtsführung von Daniel Ortega war von Anfang an sehr umstritten. Das unabhängige Menschenrechtszentrum CENIDH
beurteilte diese Regierung bereits nach ihren ersten hundert Tagen als „nepotistisch, autoritär und undemokratisch“. Eine erste Eskalation brachte der Konflikt um die Kommunalwahlen 2008.
Es begann damit, dass der „Oberste Wahlrat“ sowohl der Partei Movimiento Renovador Sandinista (MRS) als auch der Konservativen Partei (PC) überraschend den Parteistatus entzog und beide Gruppierungen von den bevorstehenden Kommunalwahlen ausschloss. Ganz offensichtlich handelte es sich um ein parteitaktisches Manöver
der Regierung, um der FSLN Vorteile zu verschaffen. Außerdem gingen Polizei und Justiz gegen aktive Frauenrechtlerinnen und Journalisten vor, die seit geraumer Zeit gegen die Kriminalisierung der Abtreibung protestieren. Noch vor Ortegas Regierungsantritt hatten die FSLN-Abgeordneten einem Gesetz zugestimmt, das den Schwangerschaftsabbruch auch bei akuter Gefährdung der Mutter (medizinische Indikation) verbietet. Dieses Gesetz hob die Straffreiheit auf, die in Nicaragua seit 1895 bestanden hatte.
In den Streit wurde auch die wichtige Dachorganisation der NROs in Nicaragua, die Coordinadora Civil
, hineingezogen. Diese Organisation war Ortega wegen ihrer freimütigen Kritik, gerade auch in Sachen Frauenrechte, schon lange ein Dorn im Auge. Als sie sich nun der Kritik am Obersten Wahlrat anschloss, bedrohte Ortega sie in rüder Weise mit dem Rausschmiss aus dem Land. Die Kommunalwahlen am 9.November 2008 brachten der FSLN tatsächlich einen großen Sieg ein und die Mehrheit in 105 von 146 Gemeinden. Mit dem Vorwurf des Wahlbetruges (bestätigt durch eine Untersuchung von Etica y Transparencia) ging die gesamte Opposition vom MRS bis zur ALN auf die Straße, und die politische Polarisierung erreichte damit einen ersten Höhepunkt. Mehrere europäische Regierungen, US-Organisationen und auch die UNO legten Finanzhilfen und Entwicklungsprojekte auf Eis und begründeten dies mit der Fälschung der Kommunalwahlergebnisse.
Ortega verfügt über eine große Anhängerschaft mit Schwerpunkt in der armen Stadtbevölkerung und auf dem Lande; auch viele Aktivisten aus der Zeit der Sandinistischen Revolution gehören weiterhin dazu. Sie verteidigen sein Regierungsprojekt vor allem wegen der sozialpolitischen Programme und der geplanten Entwicklungsprojekte. Sie verweisen auf den fortschrittlichen Kurswechsel zur neoliberalen Kahlschlagpolitik seiner bürgerlichen Vorgänger im Amt. Außerdem stehen sie hinter seiner Außenpolitik, die die Unabhängigkeit von den USA betont und den engen Anschluss an die linken Regierungen von Venezuela, Kuba, Bolivien und anderen Ländern sucht.
Ortegas Kritiker werfen ihm vor, dass er ein persönliches Regiment mit tyrannischen und repressiven Zügen entwickelt. Die Kritik kommt nicht nur von bürgerlichen Kräften, die das Land auf dem Weg in die "kommunistische Diktatur" sehen. Auch linke und unabhängige Gruppen beklagen die Repression und den autoritären Regierungsstil. Sie befürchten die Entstehung einer Diktatur im Stile Somozas, und diese Befürchtungen sind mit der gerade erfolgten Wiederwahl Ortegas natürlich weiter gewachsen.
Eine Wiederwahl des amtierenden Präsidenten wird durch den Artikel 147 der Verfassung von Nicaragua ausgeschlossen. Lange bemühte sich Ortega deswegen ohne Erfolg darum, eine Zweidrittel-Mehrheit im Parlament für die entsprechende Änderung der Verfassung zustande zu bringen. Der Oberste Wahlrat erklärte sich aus guten Gründen für unzuständig. Im Oktober 2009 platzte dann die Nachricht
wie eine Bombe, dass der Oberste Gerichtshof die entsprechende Verfassungsbestimmung außer Kraft gesetzt habe. Die Begründung war, dass der Art.147 den Gleichheitsgrundsatz und damit die politischen Rechte Ortegas verletze. Diese Entscheidung des Gerichtshofes ist eine klare Rechtsbeugung durch die FSLN-Mehrheit unter den Richtern. Juristisch ist sie eigentlich unwirksam, da nur das Parlament die Verfassung ändern kann. Ihre formale Geltung könnte paradoxerweise nur durch den Obersten Gerichtshof selbst aufgehoben werden. Durch klar rechtswidrige, ja skandalöse Manipulationen beeinflusste Ortega aber die Zusammensetzung des Gerichtshofes so, dass die Aufhebung des Wiederwahlverbotes im September 2010 noch einmal bestätigt wurde. Damit war der Weg für seine erneute Kandidatur bei den Wahlen im November 2011 frei.
Wie schon bei der Freilassung von Arnoldo Alemán im Januar 2009 zeigte sich, dass Ortega die Gerichtsbarkeit des Landes nach Belieben kontrolliert. Die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs beschädigte die politische Kultur und die Glaubwürdigkeit der Institutionen in hohem Maße. Die Oppositionskräfte und die katholische Kirche äußerten sofort scharfen Widerspruch. Msr. Solórzano, der Bischof von Granada, sprach z.B. von einem "gründlichen Chaos"
und warnte vor der Unregierbarkeit des Landes. Immerhin hat dieselbe Frage der Wiederwahl erst vor zwei Jahren im Nachbarland Honduras einen Militärputsch ausgelöst. In Nicaragua wird es einen solchen Putsch nicht geben, aber im Wahlkampf wurde die Frage der Demokratie immer wieder selbst zum Thema. Die Opposition sprach -jenseits der Personal- und Sachdiskussionen- davon, dass die Wähler nun zwischen "Demokratie" und "Autokratie" entscheiden müssten.

Ortega hatte in der Wahl vom November 2011 zwei Gegenkandidaten und konnte schon deshalb darauf hoffen, die Wahl auch mit einer relativen Mehrheit sicher zu gewinnen. Die Verhandlungen der Oppositionsparteien zur Vorbereitung einer gemeinschaftlichen Kandidatur scheiterten, was vor allem am Widerstand Arnoldo Alemáns lag, der selbst mit seiner PLC antrat. Hier zeigte der geheime "Pacto" mit Ortega noch einmal seine Wirksamkeit. Der andere Gegenkandidat war ein rechtsliberaler Unternehmer namens Fabio Gadea, der für eine eine Allianz mit der Bezeichnung PLI-UNE kandidierte. Dazu gehörten auch die sandinistischen Dissidenten vom MRS. Ihr Vorsitzender Edmundo Jarquín kandidierte als Vizepräsident auf Gadeas Ticket. Die radikalen Dissidenten von der Gruppe RESCATE (Henry Ruiz, Monica Baltodano u.a.) riefen dazu auf, die Stimmen ungültig zu machen.
Ortega selbst wählte den General i.R. Omar Halleslevens zu seinem Mitbewerber für das Amt des Vizepräsidenten aus. Halleslevens war bis Februar 2010 Kommandeur der Streitkräfte, und seine Aufnahme in Ortegas Team löste erhebliche Aufregung im Land aus. Obwohl seine Aufstellung formaljuristisch in Ordnung ist, machen sich viele Menschen Sorgen darum, dass die bisher übliche Überparteilichkeit und Unabhängigkeit von Streitkräften und Polizei in Gefahr gerät. Ortega hatte die immer noch große Parteiorganisation der FSLN im Rücken, und für den Erhalt der Macht griff er zu immer zweifelhafteren Mitteln, um sich die Loyalität der Wählerschaft zu erkaufen. So wurde z.B. im Mai 2010 eine Gehaltszulage für 147.000 Beschäftigte des Öffentlichen Dienstes in Höhe von 25 US$ monatlich eingeführt. Es war klar, dass sie nur weitergezahlt würde, wenn Ortega Präsident bleibt. Auch andere Manöver weckten schon im Vorfeld Zweifel an der Sauberkeit der Wahlen: Nichtzulassung von regierungskritischen Wahlbeobachtern aus dem Land, Korrekturen an der Wahlkreisaufteilung in der Region Südatlantik (RAAS) und massive Unregelmäßigkeiten bei der Ausstellung neuer Personalausweise (die auch als Wahlausweise gelten).
Die Opposition gab ein ausgesprochen schlechtes Bild ab und hatte -außer der Kritik an der Person und dem Regierungsstil Ortegas- keine Alternativen zu bieten. Besonders Arnoldo Alemán machte sich unglaubwürdig. Er versprach z.B., im Falle seiner Wahl eine Million neue Arbeitsplätze zu schaffen; darüber hinaus sollte jeder erwachsene Nicaraguaner ein Automobil bekommen.
Nach einer Umfrage vom August 2011 (CID-Gallup) wollten 42% der Wähler Ortega wählen, und 35% wollten Gadea ihre Stimme geben; Alemán musste danach mit 10% der Stimmen zufrieden sein. Andere Umfragen gaben andere Zahlen an, aber alle sahen Ortega klar an der Spitze.

Die nationalen Wahlen
am 6. November 2011 haben Ortega und der FSLN einen Sieg gebracht, der alle Prognosen weit übertroffen hat. Laut dem offiziellen Ergebnis erhielt Ortega 62,5% der Stimmen; Fabio Gadea musste sich mit 31% zufrieden geben; Arnoldo Alemán bekam nicht mehr als 6%, und zwei weitere Kandidaten erhielten weniger als 1%. Die Wahlbeteiligung lag bei 76%.
Die zukünftige Zusammensetzung des Parlamentes wird von einer absoluten Mehrheit der FSLN bestimmt sein (62 Abgeordnete); die PLI wird über 27 Sitze verfügen, die PLC nur über 2. Die Angaben zur Sitzverteilung sind noch vorläufig, aber es ist wahrscheinlich, dass die FSLN bei einer Gesamtzahl von 92 Mandaten die Zweidrittel-Mehrheit erreicht hat und in Zukunft sogar Verfassungsänderungen in eigener Regie durchsetzen kann.
Luis Yañez, der spanische Leiter der Wahlbeobachtungsdelegation der EU, erklärte zu dem Ergebnis: „Es ist unbestreitbar, dass die FSLN und Ortega die Wahlen gewonnen haben… Damit will ich nicht sagen, dass sie das auf transparente und saubere Art getan haben, denn wir wissen nicht, was passiert wäre, wenn es all diese Tricks und Täuschungen nicht gegeben hätte.“ Das ist die Einschätzung des Wahlergebnisses, die sich inzwischen international durchgesetzt hat: Es war keine Fälschung in dem Sinne, dass eigentlich ein anderer Kandidat gewählt wurde. Der Amtsvorteil des Präsidenten, die stabile Wirtschaftslage und vor allem die Spaltung und Schwäche der Opposition hätten alleine ausgereicht, um Ortega den Sieg zu sichern. Aber das offizielle Ergebnis zeigt gravierende Glaubwürdigkeitslücken
. Die Liste der Regelverstöße
ist lang, von der Verweigerung der Personalausweise für viele Neuwähler (nach Angaben von Etica y Transparencia betraf dies 250.000 Personen) bis hin zu mangelnder Transparenz bei der Auszählung der Stimmen. In ungefähr einem Drittel der Wahllokale konnten Wahlhelfer der Opposition gar nicht tätig werden. Den Wahlbeobachtern der OAS wurde in 20% der Fälle der Zutritt zu den Wahllokalen verweigert.
Umfragen hatten Ortega vor der Wahl bei 40-50% gesehen, und nun spricht die offizielle Wahlbehöre von über 62%. Fabio Gadea, der wichtigste Oppositionskandidat, erklärte zwei Tage nach der Wahl, dass er das Ergebnis nicht anerkennt und saubere, freie Neuwahlen fordert. Auch konnte man die Drohung hören, dass die Abgeordneten der Opposition ihre Mandate im neuen Parlament nicht antreten werden. Aber in Wirklichkeit ist die Opposition selbst viel zu stark geschwächt. Arnoldo Alemán ist praktisch von der Bildfläche verschwunden, und das Wahlbündnis PLI-UNE ist ein heterogener Zusammenschluss ohne starke Organisation. Die Opposition brauchte bis zum 3. Dezember, also ganze vier Wochen, um eine öffentliche Protestkundgebung zustandezubringen. Bei dieser Gelegenheit erklärte sich Gadea zum „verfassungsmäßigen Präsidenten von Nicaragua“ und forderte erneut Neuwahlen. Das war aber nicht mehr als eine Randbemerkung zu einem Geschehen, das längst entschieden war.

Inzwischen hat Ortega sein Amt angetreten, und die Wogen haben sich etwas geglättet. Wenn er klug ist, wird er der lauten Kritik am Zustand der Demokratie in seinem Land mit einigen institutionellen Reformen begegnen (z.B. ist die Ablösung der völlig diskreditierten Wahlbehörde CSE überfällig). Er hat aber eine Zweidrittelmehrheit im Parlament und wird diese Reformen wahrscheinlich mit Verfassungsänderungen verbinden, die seine Macht weiter stärken. Zurück bleibt ein schwerer Schaden für die Demokratie, der sich erst langfristig bemerkbar machen wird. Die Redaktion der Zeitschrift „Envío“
schreibt dazu: „Verloren hat vor allem Nicaragua. Alle seine Institutionen haben noch mehr an Glaubwürdigkeit verloren. Und was am schlimmsten ist: Die Wahlen als Mittel zur Lösung politischer Konflikte haben einen Vertrauensverlust erlitten. Wir haben alle verloren, denn unsere Gesellschaft, die ohnehin von gewaltigen sozialen Ungleichheiten zerrissen wird, polarisiert und teilt sich weiter auf. Wir stehen vor einem gefährlichen Rückschlag.“
Die Regierung Ortega ist demonstrativ darum bemüht, der traditionellen Abhängigkeit des Landes von den USA entgegenzuwirken, und hat enge Beziehungen zur Chávez-Regierung in Venezuela, zu Kuba und anderen Linksregierungen in Lateinamerika aufgenommen. Zu den neuen Partnern zählen auch Russland und Iran. Ganz besonders lag Ortega der Beitritt zur neuen "Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten" (CELAC
) am Herzen. CELAC wurde im Dezember 2011 in Caracas gegründet und möchte eine unabhängige Alternative zur OAS sein, in der die politische Dominanz der USA immer wieder sichtbar wird.
Trotz des Schulterschlusses mit den US-kritischen Regierungen der Region und trotz des laut propagierten Beitritts zur Allianz ALBA
entwickeln sich die Geschäftsbeziehungen zu den USA aber normal. Nicaragua ist weiterhin Mitglied der zentralamerikanischen Freihandelszone CAFTA
, es erfüllt seine Schuldenverpflichtungen und verständigt sich mit dem Internationalen Währungsfonds. Der Handel mit dem wichtigsten Partner USA hat sich seit 2007 ungestört entwickelt, und die Direktinvestititonen aus den USA erreichen in diesem Jahr einen neuen Höchststand. Es ist insgesamt festzustellen, dass Ortegas Amtsführung bei der Obama-Administration in Washington weniger Aufmerksamkeit als früher beansprucht. Man scheint dort der Meinung zu sein, dass von Ortega keine politische oder militärische Bedrohung der Region ausgeht und dass er hauptsächlich damit beschäftigt ist, für seinen eigenen Machterhalt im Land zu sorgen.
Die Mitgliedsländer der EU sind für Nicaragua wichtige Partner in der öffentlichen Entwicklungshilfe. Ein Assoziierungsabkommen zwischen Zentralamerika und der EU ist nach längeren Konflikten im Mai 2010 unterzeichnet worden. Eine kurze Übersicht
der nicaraguanischen Außenpolitik gibt das Auswärtige Amt.
Es ist nicht zu übersehen, dass seit 2008 immer wieder Konflikte mit den USA und der internationalen Gebergemeinschaft über die politischen Konditionen der EZ entbrannt sind. Bei der besonderen Abhängigkeit des Landes von der internationalen Finanzhilfe und bei Ortegas eklatanten Verstößen gegen das Prinzip des "good governance" ist dies ein besonders sensibler Punkt der Außenbeziehungen. Seit 2010 haben wichtige Geberländer wie Dänemark, Norwegen, Schweden, die Schweiz und jetzt auch Deutschland und Finnland ihre bilaterale EZ stark gekürzt oder ganz eingestellt. Auch die US-Außenministerin Hilary Clinton erklärte Ende Januar den Wahlprozess als einen "Rückschlag für die Demokratie" und versah die Kooperation der Interamerikanischen Entwicklungsbank und der Weltbank mit Fragezeichen. Doch die Obama-Administration hat die Forderungen der Republikaner nach harten Strafmaßnahmen bisher abgeblockt, und die Zusammenarbeit der USA mit Nicaragua läuft weiterhin ziemlich reibungslos.
Nicaragua pflegt enge politische und wirtschaftliche Beziehungen zu den zentralamerikanischen Nachbarn und ist Mitglied im Integrationsprozess SICA
. Eine Abstimmung der Interessen ist z.B. wegen der Migration, der Umwelt und vieler anderer grenzüberschreitender Probleme notwendig. Trotz der regelmäßigen Konsultationen der Präsidenten der Region bestehen aber immer Meinungsverschiedenheiten in grundlegenden politischen Fragen und handfeste Konflikte. So hat der Putsch in Honduras (28.6.2009) die regionale Zusammenarbeit auf eine harte Probe gestellt. Nicaragua zählt mit Venezuela und Brasilien zu den Ländern, die die Absetzung des Präsidenten Manuel Zelaya besonders scharf verurteilt haben. Obwohl Daniel Ortega dabei besonders wortradikal auftrat, haben sich die Beziehungen zum Nachbarland Honduras inzwischen wieder normalisiert.
Nicaragua hat Grenzkonflikte mit Kolumbien, Honduras und Costa Rica. Der historische Streit mit Costa Rica um die Nutzung des Grenzflusses Río San Juan schien durch einen Schiedsspruch des Internationalen Gerichtshofes im Juli 2009 beigelegt. Der Fluss gehört seit dem Vertrag von 1858 zum Territorium von Nicaragua, doch die Costaricaner haben das Recht auf freie Schiffahrt und lokale Nutzung, was besonders für den Tourismus lukrativ ist. Die militärische Kontrolle des Verkehrs durch Nicaragua und Unklarheiten über den Grenzverlauf (der noch nicht überall vermessen und markiert ist) bringen jedoch immer wieder die Gefahr von Konflikten mit sich. So flammte der Streit im Oktober 2010 mit überraschender Feindseligkeit wieder auf. Nicaragua begann mit Ausbaggerungsarbeiten, die den versandeten Unterlauf des San Juan wieder freibekommen wollen; das meiste Wasser fließt inzwischen durch den Río Colorado in Richtung Costa Rica. Gegen dieses Projekt hatte Costa Rica zunächst nichts einzuwenden, aber da die Arbeiten vom Militär begleitet wurden und das ausgebaggerte Sediment angeblich auf der Insel Calero (unbewohnt, aber Costa Rica zugesprochen) deponiert wurde, erhob Costa Rica plötzlich den schwerwiegenden Vorwurf einer militärischen Verletzung seines Territoriums. Die Regierung in San José kündigte die Verstärkung und Aufrüstung ihrere Grenzpolizei an, stellte sich aber als Opfer einer Aggression dar und brachte noch die Ökologie ins Spiel: Die Arbeiten am Fluss, so hieß es, würden einen irreparablen Umweltschaden hervorrufen. Diese geschickte Argumentation führte dazu, dass Nicaragua bei der Behandlung des Falles in der OAS ziemlich isoliert dastand und nur noch auf die Stimme Venezuelas rechnen konnte.
Ortega setzte dem eine nationalistische Agitation entgegen und ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, innenpolitisch daraus Kapital zu schlagen. In seiner großsprecherischen Art drohte er sogar mit dem Austritt aus der OAS. Alle Parteien im Parlament, die katholische Kirche und einige Massenveranstaltungen erklärten ihre uneingeschränkte Unterstützung für den Präsidenten. Damit war die politische Öffentlichkeit zumindest vorübergehend von Ortegas Wiederwahlplänen abgelenkt. Außerdem legte der Präsident gleich ein Gesetzespaket nach, das ihm in Zeiten des nationalen Notstandes besondere Vollmachten erteilen soll. Inzwischen liegt der Fall wieder beim Internationalen Gerichtshof in Den Haag, und die Gemüter haben sich etwas beruhigt. Doch in Zeiten zentralamerikanischer Integrationsbemühungen kann ein solcher Ausbruch nationalistischer Drohgebärden nur Kopfschütteln hinterlassen. Das Fatale ist, dass die Grenzfrage weiter ungelöst ist und jederzeit wieder hochgespielt werden kann. So wird in Nicaragua am Projekt eines Wasserkraftwerkes am Übergang vom Nicaragua-See in den Río San Juan gearbeitet, womit in Zukunft weitere Streitigkeiten um die Nutzung des Río San Juan abzusehen sind.

In Nicaragua gibt es eine größere Zahl von Zeitungen und Zeitschriften
. Die beiden größten und wichtigsten Tageszeitungen sind die traditionsreiche, bürgerliche La Prensa
und das linksliberale El Nuevo Diario
. Beide bieten eine detaillierte Berichterstattung, und auch ihre tägliche Internetausgabe ist durchaus empfehlenswert. Interessant sind auch die Internetzeitung La Jornada
und Nicaragua Hoy
, das Internetforum der Migranten in Costa Rica.
Die online-Zeitungen El Observador Económico
und besonders der von Carlos Fernando Chamorro herausgegebene Confidencial
lohnen eine eingehende Lektüre. Absolut empfehlenswert ist die sozialwissenschaftliche Monatszeitschrift Revista Envío
, die in der Print- und Internetausgabe sowohl auf Spanisch als auch auf Englisch erscheint. Sie wird in der Katholischen Universität UCA herausgegeben und bietet unabhängige Nachrichten und Analysen zu den wichtigsten politischen und sozialen Themen.
Das kleine Land verfügt über sieben Fernsehkanäle
. Einige Radiosender sind Radio Primerísima
, Radio Nicaragua
, La Nueva Radio Ya
und Radio Corporación
. Der Fernsehkanal der Deutschen Welle
kann in Nicaragua über Kabel empfangen werden; er strahlt seine Sendungen abwechselnd auf Spanisch und auf Deutsch aus.
Da sowohl La Prensa als auch El Nuevo Diario dezidiert regierungskritisch sind, haben Ortega und die FSLN in der Tagespresse einen schweren Stand. Sie betreiben ihre Öffentlichkeitsarbeit hauptsächlich über das Fernsehen und das Radio; außerdem beeinflussen sie einen wichtigen Teil der Internetpublikationen. Generell kann man sagen, dass in Nicaragua die audiovisuellen Medien wichtiger als die Druckerzeugnisse sind, denn immer noch sind große Teile der Bevölkerung Analphabeten.
Leider zeigt die Medienlandschaft von Nicaragua, dass die formale Demokratisierung und die Abschaffung der staatlichen Zensur keineswegs zu einem freiheitlichen Mediensystem führen muss. Es gibt viele Wege, wie die Regierung über die Vergabe von Werbemitteln (sie vergibt selbst ca. ein Drittel des gesamten verfügbaren Werbeetats), Einführung von steuerlichen Belastungen oder Interventionen in die Besitzstruktur politischen Druck auf Zeitungen oder Fernsehstationen ausüben kann. Ortega selbst gibt keine regelmäßigen Pressekonferenzen und fällt wichtige Entscheidungen fernab von Parlament und Öffentlichkeit. Seine Frau Rosario Murillo kontrolliert die Öffentlichkeitsarbeit über den mächtigen "Consejo de Comunicación y Ciudadanía" in äußerst restriktiver Art und Weise. Die Absicht, kritische Berichterstattung unmöglich zu machen und die Medien als Verlautbarungsorgane zu behandeln, ist nur zu offensichtlich. Auf diesem Gebiet steht Daniel Ortega in der Tradition seiner rechten Vorgänger.
Die Situation der Menschenrechte in Nicaragua muss differenziert beurteilt werden. Da Polizei und Armee nach der Revolution von 1979 neu aufgebaut und zur sozialen Verantwortung erzogen wurden, war die Zahl der staatlichen Übergriffe auf die individuellen Rechte lange viel geringer als in den zentralamerikanischen Nachbarländern wie z.B. Guatemala, wo willkürliche Verhaftungen und Morddrohungen durch Todesschwadronen an der Tagesordnung sind. Auch im Jahresbericht von Amnesty International 2011
ist von schweren Übergriffen der Polizei nicht die Rede. Andererseits wird Besorgnis über die fehlende Unabhängigkeit der Justiz, Gewalt gegen Frauen und Mädchen sowie die Kriminalisierung des Schwangerschaftsabbruches geäußert. Ein Überblick über die Entwicklung der letzten Jahre zeigt, dass die Menschenrechtsverletzungen zunehmen. Eine ausführliche Kritik der Übergriffe von Staat und Regierung auf diesen Gebieten findet sich auf der Seite der angesehenen Menschenrechtsorganisation Centro Nicaragüense de Derechos Humanos
. Dort sind auch wichtige Berichte und Publikationen zu finden.

Wenn wir die erweiterte Definition der Menschenrechte anwenden und nach der Verwirklichung des Rechts auf Nahrung, Bildung, Arbeit und soziale Absicherung fragen, so ist die Lage in Nicaragua in jedem Fall als katastrophal einzustufen. Mehr dazu unten auf den Seiten „Wirtschaft und Entwicklung“ sowie „Gesellschaft“.
Bei der Beurteilung der Transparenz und Sauberkeit staatlichen Handelns werden Nicaragua sehr schlechte Noten erteilt. Im Bericht 2011
von Transparency International ist Nicaragua im CPI-Ranking erneut zurückgestuft worden und landet auf dem Platz 134 von 182 Ländern. Die Korruption in diesem Land gilt damit als „extrem“ und „als Entwicklungshindernis“. Der Bericht geht insbesondere darauf ein, dass der politische Einfluss auf die Justiz und die Wahlbehörden ein „schwerwiegendes Problem“ darstellt, obwohl sie nach der Verfassung unabhängig sein müssten. Weitere Informationen finden sich bei der nicaraguanischen NRO Etica y Transparencia
.
Volker Wünderich, Jahrgang 1947, Privatdozent am Historischen Seminar der Leibniz-Universität Hannover, ist seit langem mit Nicaragua und Zentralamerika eng verbunden.
Publikationen: Sandino, Eine politische Biographie (Peter Hammer Verlag 1995); Mosquitia, die andere Hälfte Nicaraguas (Junius Verlag 1987); Mitherausgeber von Zentralamerika heute (Vervuert Verlag 2008).
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Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im März 2012 aktualisiert.
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