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Die Bevölkerungszahl wird für 2010 mit 5,8 Mio. angegeben (Die Angaben dieses Abschnittes stützen sich auf den Censo 2005
, auf die Übersicht Nicaragua in Figures
sowie auf den Human Development Report
der UNDP.) Das schnelle Wachstum der Bevölkerung, das in den Jahren 1975-2005 im Durchschnitt noch 2,2%/Jahr betrug (HDR), ist inzwischen auf 1,2% im Jahr gesunken (2010). Die zunehmende Verstädterung und der Wandel in der sozialen Rolle der Frauen hat –wie auch in anderen Ländern Lateinamerikas- zu einem allmählichen Rückgang der Geburtenrate geführt. Dieser Rückgang spiegelt sich bereits in der Bevölkerungspyramide von 2005 (s.u.), denn die letzten neun Geburtenjahrgänge sind kleiner geworden. Aber immer noch sind 34,5% der Bevölkerung jünger als 15 Jahre, und nur 4,5% sind 65 Jahre oder älter. In der nachwachsenden Generation liegt ein großes Potential dieser Gesellschaft, aber in den nächsten zehn Jahren muss alles daran gesetzt werden, dass sie auch eine gute Ausbildung erhält und die entsprechenden Arbeitsplätze finden kann. Außerdem muss sich diese Gesellschaft darauf einstellen, dass auch sie langsam älter wird; die Lebenserwartung liegt heute bei 74,5 Jahren.

34% aller Beschäftigten arbeiten in der Landwirtschaft. Auch wenn dieser Prozentsatz im internationalen Vergleich immer noch hoch ist, spiegelt er doch den Bedeutungsverlust der Agrarökonomie; 1950 waren es noch doppelt so viele (68%). Der Sekundärbereich (Industrie und Handwerk sowie Bauwirtschaft) beschäftigt heute 18% der erwerbstätigen Bevölkerung. Diese Zahl ist vergleichsweise gering im Vergleich zum Dienstleistungsbereich, in dem 47% arbeiten (Handel, Kommunikation, Gastronomie, soziale und persönliche Dienste). In diesem Bereich, der im Verhältnis zum produzierenden Gewerbe stark aufgebläht ist, sucht vor allem die große Zahl der Straßenverkäufer, Gelegenheitsarbeiter, Dienstmädchen usw. ein kaum erreichbares Auskommen unter prekären Bedingungen.
Die Modernisierung der Agrarökonomie zu Zeiten Somozas sowie die extreme Besitzkonzentration (1978 besaßen 5% der Landbesitzer über 50% des nutzbaren Bodens) haben die bäuerliche Landwirtschaft schwer beschädigt und viele Arbeitsplätze auf dem Land vernichtet. Die sandinistische Revolution hat mit einer groß angelegten Agrarreform versucht, diesen Trend umzukehren, doch der Erfolg ging mit der Wirtschaftskrise Ende der 80er Jahre und der politischen Kehrtwende ab 1991 weitgehend unter. Letztlich blieb großen Teilen der Landbevölkerung nur die Möglichkeit, in die Städte (vor allem in die schnell wachsende Millionenstadt Managua) abzuwandern. Aber die Aufnahmefähigkeit des Arbeitsmarktes ist weiterhin sehr gering. Die einzige Neuerung von größerer Bedeutung ist der letzte Ausweg einer Migration ins Ausland.
Wer aus Deutschland nach Nicaragua kommt, ist oft von der enormen Vielfalt des Handwerks überrascht. Egal, ob in einem wohlsituierten oder in einem armen Wohnviertel, überall in der Nachbarschaft findet man Klempner, Tischler, Mechaniker, Schneiderinnen, Büglerinnen, Gärtner, Bäcker, Maurer, Matratzenmacher usw., die ihre Aufträge mit Fleiß und Geschick erledigen. Erst später bemerkt man, dass die meisten keine eigene Werkstatt haben und sich sogar ihr Werkzeug leihen müssen. Fast niemand von ihnen hat ein formalisiertes Arbeitsverhältnis. Diese Form der Gelegenheitsarbeit wird von der Statistik als „Arbeit auf eigene Rechnung“ erfasst (cuenta propia); so arbeiten 38% aller Beschäftigten, fast so viele wie in der Kategorie Angestellte und Arbeiter (46%). Die Entwicklung des Arbeitsmarktes hat die Zahl der „Arbeiter auf eigene Rechnung“ ständig wachsen lassen, während die Kategorie der „Unternehmer/Arbeitgeber“ (patrono), die 1950 noch 13,5% der erwerbstätigen Bevölkerung umfasste, jetzt auf 1,3% abgesunken ist. Dahinter verbirgt sich der Niedergang der Farmen, der Handwerksbetriebe und der etablierten Handelsgeschäfte, die ihrem Personal eine halbwegs abgesicherte Beschäftigung boten. Nur 37% der arbeitenden Bevölkerung hat heute ein formales Arbeitsverhältnis. Zwei Drittel ist auf den informellen Sektor der Ökonomie verwiesen.
Die Bewohner Nicaraguas stammen ganz überwiegend (69%) von den indianischen Ureinwohnern ab, die das Land vor der spanischen Eroberung bewohnten. Sie haben sich aber an die Kolonialkultur angepasst, vielfach mit den spanischen Einwanderern vermischt und sprechen heute nicaraguanisches Spanisch. Darum hat sich für sie die Bezeichnung „Mestizen“, also: Menschen gemischt indianisch-europäischer Abstammung, durchgesetzt. Es bleibt nur ein Anteil von 5% der Bevölkerung, der an der Atlantikküste lebt und als „indianisch“ im Sinne eigener Kultur und Sprache gilt. Der Anteil der angeblich „weißen“ Bevölkerung wird heute mit 17% angegeben, der Anteil der schwarzen Afroamerikaner mit 9%. Diese Zahlenangaben entstammen dem „IndexMundi“
und sind (wie alle Statistiken zur ethnischen Zusammensetzung der Bevölkerung) mit Vorsicht zu genießen, denn sie vermischen biologische und ethnische Kategorisierungen auf schwer kontrollierbare Weise.
Die Gesellschaft ist bis heute vom indianischen Erbe durchdrungen. Es wird an vielen Stellen sichtbar, besonders deutlich in den kommunalen Traditionen vieler Dörfer und der kolonialzeitlichen Gemeinschaften von Monimbó (Stadtteil von Masaya) und Subtiava (Stadtteil von León). Es lebt in der Religiosität, in den Dorffesten und im Kunsthandwerk. Das nicaraguanische Spanisch enthält bis zu 30% indianische Wörter, die sich vorwiegend auf das Alltagsleben, die Familienbeziehungen und die Natur beziehen.
Noch vor hundert Jahren zählte die Volkszählung in Nicaragua etwa 50% „Indianer“. Doch in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts verschwand diese Kategorie, und seither gelten alle Bewohner, die sich nicht als „Weiße“ oder „Schwarze“ verstehen, als „Mestizen“.
Darin spiegelt sich ein Wandel des Selbstverständnisses, denn die Nationalkultur definiert sich seither als eine Mischkultur aus indianischen und spanischen Traditionen. Diese Harmonisierung völlig gegensätzlicher Elemente folgt dem Beispiel Mexikos und überdeckt viele Widersprüche. Sie übergeht den Rassismus der Weißen und die Wirklichkeit der Unterdrückung der Indianer, die heute langsam wieder zum Vorschein kommt; so haben sich in der Volkszählung von 2005
erstmals wieder über 100.000 Menschen zu ihrer ethnischen Zugehörigkeit als Subtiava, Chorotega, Cacopera usw. bekannt. Im Selbstverständnis als Volk der Mestizen kann man aber auch den Vorteil sehen, dass Nicaragua die Zuspitzung ethnischer Gegensätze erspart blieb, und damit auch die Gewalt und der extreme Rassismus, den z.B. die ethnisch zweigeteilte Gesellschaft in Guatemala kennzeichnet.
Die Überlegungen zur Mestizengesellschaft beziehen sich nur auf den pazifischen Teil Nicaraguas. An der Atlantikküste liegen die Dinge anders; hier sind die ethnischen Widersprüche seit Jahrhunderten wirksam und sichtbar. Hier wohnen die indianischen Tieflandethnien Miskito
(121.000), Mayagna (Sumu) (10.000) und Rama (4.000) außerdem die Creoles, aus Jamaika und anderen Teilen der Karibik zugewanderte Afroamerikaner, (20.000) und die Garifuna (3.000). (Zahlenangaben nach Censo 2005
).
Die Atlantikküste
(nach den Miskito auch „Mosquitia“ genannt) konnte von den Spaniern nie dauerhaft kontrolliert werden. Sie hatten Nicaragua von der Pazifikküste aus erobert, und der dichte Regenwald und die Bergregion bildeten lange Zeit eine natürliche Grenze zum Atlantik hin. Hinzu kam, dass sich die wichtigste Ethnie der Miskito mit den Engländern verbündete, um die spanische Kolonialherrschaft fern zu halten. Großbritannien errichtete im 19.Jahrhundert ein Protektorat unter dem sogenannten Miskito-König und holte protestantische Missionare der Herrnhuter Brüdergemeine (heute: Moravian Church/Iglesia Morava) aus Deutschland an die Küste. Der nicaraguanische Nationalstaat hatte die Mosquitia immer beansprucht, aber erst, als sich die Engländer 1894 endgültig zurückzogen, konnte er die Herrschaft über die Atlantikregion effektiv übernehmen.
Die Eingliederung in den Nationalstaat erfolgte gegen den Willen der Küstenbevölkerung und hat seitdem zu einer langen Serie von Konflikten geführt. Die Mosquitia hat eine anglo-karibische Tradition und grenzt sich gegen die „Spanier“ von der Pazifikseite deutlich ab. Wegen der besonderen Bedeutung des Protestantismus kommt noch ein konfessioneller Gegensatz zum Katholizismus der Pazifikseite hinzu. Die Miskito, Mayagna (Sumu) und Creoles haben ihre eigenen Sprachen
lebendig erhalten. Zudem war die Atlantikküste bis 1979 ein Teil der karibischen Enklavenökonomie in der Hand nordamerikanischer Bananen-, Bergbau- und Holzkonzerne und lebte auch wirtschaftlich ihr Eigenleben neben der Pazifikseite. Die Kombination ethnischer Gegensätze mit einem ausgesprägten Regionalbewusstsein
hat immer wieder ihr explosives Potential gezeigt, denn lange wurden die Proteste und Forderungen nach regionaler Autonomie vom Nationalstaat als Sezessionswünsche interpretiert und scharf unterdrückt.
Die letzte große Konfrontation mit dem Zentralstaat geschah in den Jahren nach 1979. Die Revolutionsregierung wollte mit der nationalen Integration ernst machen und konzipierte eine Hispanisierungspolitik für die Atlantikküste. Gleichzeitig traten die indianischen Organisationen, die sich unter dem Namen MISURASATA zusammengeschlossen hatten, mit ethnischen Forderungen (Selbstbestimmung, Recht auf Land, Anerkennung der Regionalsprachen) im Sinne der internationalen Indigenenbewegung hervor. Die Destabilisierungspolitik der USA nutzte die Konflikte in ihrem Sinne aus und machte die Küste zu einem Schauplatz des Contra-Krieges gegen die FSLN-Regierung. Trotz der traumatischen Folgen des Krieges kam aber ein Lernprozess zustande. Die Artikel 89-91
der neuen Verfassung von 1987 erkannten zum ersten Mal an, dass Nicaragua eine multiethnische Nation ist. Es wurde ein regionales Autonomiestatut erarbeitet, das internationale Anerkennung gefunden hat. Die neuen autonomen Regionen Atlántico Norte (RAAN, Hauptstadt Puerto Cabezas/Bilwi) und Atlántico Sur (RAAS, Hauptstadt Bluefields
) umfassen mit 60.000 km² etwa 50% des Landes, jedoch wohnen hier lediglich 620.000 Menschen (=12% der Gesamtbevölkerung). Sie haben jeweils eine eigene politische Vertretung und Regierung. Ein besonderes Wahlverfahren stellt sicher, dass alle Ethnien durch eigene Vertreter repräsentiert sind.
Die Indianerorganisation YATAMA
, eine Nachfolgerin von MISURASATA, arbeitet heute mit der FSLN zusammen. Eine wichtige Institution in der RAAN ist der „Ältestenrat“ der Miskito-Indianer
; auf seiner Internetseite findet man Dokumente mit den grundlegenden ethnischen Forderungen. Die politische und soziale Dynamik der Mosquitia
bleibt bis heute auch für Landeskenner sehr schwer zu verstehen.
Die autonomen politischen Institutionen kämpfen immer noch mit erheblichen Startschwierigkeiten, aber ein Neuanfang ist auf diesem Gebiet gemacht. Inzwischen ist die Universität der Karibikküste Nicaraguas URACCAN
ins Leben gerufen worden. Sie stellt einen wichtigen Kulturträger in der Mosquitia dar und stellt auch aktuelle Informationen
zur Autonomiediskussion zur Verfügung.
Begrenzt wird dieser Anfang nicht nur durch die mangelhafte Finanzierung der Institutionen und die parteitaktischen Interventionen von der Pazifikseite, wenn wieder Wahlen anstehen. Es fehlt vor allem an der entsprechenden Akzeptanz der Probleme auf der Pazifikseite. Solange dort die Ignoranz und sogar der manifeste Rassismus gegenüber den „Costeños“ (=Atlantikküstenbewohner) nicht verschwindet, kann die Nation kein ersprießliches Miteinander entwickeln. Das kommt in den nationalen Medien höchstens ausnahmsweise zur Sprache
.
Das Hauptproblem ist jedoch, dass die Atlantikküste mit Abstand die ärmste und rückständigste Region Nicaraguas ist. Wirtschaftliche Perspektiven sind kaum in Sicht, und zu allem Überfluss droht die Region in den Sog des internationalen Drogenhandels zu geraten, dessen Transportrouten die karibische Küste streifen. Wichtige Arbeit zur Unterstützung der Region leisten die internationalen Entwicklungsorganisationen, die die Bedeutung der ethnischen Diversität erkannt haben. Die Weltbank hat z.B. 2009 ein koordiniertes Entwicklungsprogramm
für die Atlantikküste ausgeschrieben.
Die Familie und die Verwandtschaft spielen eine absolut zentrale Rolle in den sozialen, wirtschaftlichen und politischen Beziehungen der Nicaraguaner. Das gilt um so mehr, als sich wenige andere Institutionen in dieser Gesellschaft (ob es nun um Banken, politische Parteien oder Kooperativen geht) als stabil und dauerhaft erwiesen haben. Wenn es um das Überleben in einer Gesellschaft geht, die bis auf den heutigen Tag immer wieder von Bürgerkriegen, Naturkatastrophen und wirtschaftlichen Krisen erschüttert wird, so vertrauen die Nicaraguaner in erster Linie auf die Familie und die Verwandtschaft.
Natürlich bildet auch in Nicaragua die Kernfamilie (das Ehepaar bzw. die Lebensgefährten mit ihren Kindern) den Ausgangspunkt des familiären Zusammenlebens. Nach der Norm sollte das Paar verheiratet sein, aber viele können sich die Formalisierung der Beziehung und die Ausrichtung einer Hochzeit einfach nicht leisten. Die Zahl der Paare, die ohne Trauschein zusammenleben, ist genauso groß wie diejenige der Verheirateten. Die Familien in Nicaragua sind in der Regel größer als in Deutschland, und das Leben in der Kleinfamilie ist die absolute Ausnahme. Normalerweise leben im Haushalt noch andere Verwandte, z.B. die Großeltern und eine Tante; häufig sind weitere Personen aufgenommen, z.B. ein Waisenkind aus der Verwandtschaft oder ein mittelloses Patenkind; auch eine unverheiratete Tochter mit wiederum eigenen Kindern bleibt bei den Eltern wohnen.
Die Tendenz zur Großfamilie wird durch die wirtschaftliche Not verstärkt. Damit ist nicht nur die Knappheit von Wohnraum gemeint, die die Menschen zusammenrücken lässt. Viele Familien überleben nur durch eine komplizierte und erfindungsreiche Kombination von Einkommensquellen. Auch wenn der Vater ein regelmäßiges Einkommen hat (was eher die Ausnahme als die Regel ist), muss es meistens durch den Zuverdienst anderer Familienmitglieder ergänzt werden, z.B. durch Gelegenheitsjobs, durch die häusliche Produktion von Gütern, die auf der Straße verkauft werden, oder durch bezahlte Dienstleistungen wie Waschen und Bügeln. In einem Land, in dem nur 17% der erwerbstätigen Bevölkerung sozialversichert ist, haben alle Arten der familiären Versorgung eine existenzielle Bedeutung.
Viele Familien sind „unvollständig“ in dem Sinne, dass der Mann die Frau mit ihren Kindern allein gelassen hat. In 28% aller Familien ist eine alleinstehende Frau der Haushaltungsvorstand, in der Stadt in 34% aller Fälle. Dieses Problem ist nicht nur eine Folge der machistischen Verhaltensweisen der Männer, die ihre Verantwortung der Frau und den Kindern gegenüber nicht wahrnehmen. Es ist auch als eine Begleiterscheinung der weit verbreiteten Wander- und Gelegenheitsarbeit zu verstehen, denn die Not erzwingt eine enorme Mobilität hin zu den Verdienstmöglichkeiten (Kaffee-, Zuckerrohr- und Bananenernte, große Bauprojekte etc.). Heute ist es häufig auch eine Migration ins Ausland, bei der sich jeder nur alleine durchschlagen kann.
Nicaraguanische Frauen sind stark von den traditionellen Rollen betroffen, die den Männern ein unabhängiges und vorherrschendes Verhalten zuweisen, den Frauen aber Gehorsam und Treue abverlangen. Die Folgen des „Machismo“ sind besonders auf dem Gebiet der Reproduktion fatal, denn die Männer möchten ihre Männlichkeit und Potenz immer noch mit zahlreicher Nachkommenschaft beweisen, und die Frauen ordnen sich dem unter, weil sie sich verpflichtet fühlen und es nicht anders kennen. Trotz langsam sinkender Geburtenraten ist die große Zahl ungewollter Schwangerschaften weiterhin ein soziales Problem ersten Ranges.
Ein traditionelles, weit verbreitetes Problem ist der exzessive Alkoholkonsum der Männer. Bei festlichen Gelegenheiten werden sie schnell unkontrolliert und aggressiv, und was in beduselter Runde noch als trunkener Hahnenkampf zu allgemeiner Belustigung führen mag, bekommt auf privater Ebene schnell dramatische Züge. Es gibt viele Fälle von innerfamiliärer Gewalt
. Missbrauch der eigenen Kinder und Vergewaltigung innerhalb der Familie werden häufig von Nachbarn und Familienmitgliedern gedeckt. Die Frauenorganisationen
in Nicaragua sind sehr aktiv und versuchen auf den verschiedensten Ebenen (Beratung, Bildungsmaßnahmen und politische Arbeit), die Situation der Frau zu verbessern. Eine bekannte Organisationen ist z.B. Puntos de Encuentro
mit ihrer Zeitschrift "La Boletina". Überall gibt es lokale Initiativen, z.B. die Grupo Venancia
in Matagalpa mit ihrem Kulturzentrum "Guanuca".
Es ist unverkennbar, dass die sandinistische Revolution wichtige Entwicklungen im Sinne der Frauenemanzipation in Gang gesetzt hat. Zwar wurde das Wahlrecht für Frauen schon 1955 eingeführt, aber erst in den achtziger Jahren übernahmen viele Frauen eine aktive Rolle im politischen und sozialen Leben. Besonders augenfällig war das z.B. in der Polizei. Zudem verbesserten sich die Bildungschancen für Mädchen. Nach langen Debatten wurde auch der private Bereich zum politischen Thema. Eine Gesetzesreform stärkte die Rechte der Frau gegen männliche Gewalt in der Ehe, und die Abtreibungspraxis wurde liberalisiert. Langfristig wirkt sich seit 1979 der stetige Anstieg der Berufstätigkeit der Frauen aus. Im Hinblick auf die Bildung ihrer Kinder setzen sich heute die Eltern für Mädchen und Jungen die gleichen Ziele, und die Zahl der Mädchen, die im Sekundar- und Universitätsbereich eingeschrieben sind, übertrifft sogar die der Jungen.

Um so unverständlicher ist der Rückwärtsgang, den Präsident Ortega und die FSLN auf dem Gebiet der Frauenrechte eingelegt haben. Kurz vor der Wahl 2006 wurde mit den Stimmen der FSLN ein Gesetz verabschiedet, das alle Formen der Schwangerschaftsunterbrechung, auch in Notfällen (medizinische Indikation), unter Strafe stellt. Damit ist eine Regelung, die bereits vor hundert Jahren unter Präsident Zelaya eingeführt wurde, aufgehoben. Als klar wurde, dass die Behörden seitdem unerbittlich die Strafverfolgung betroffener Frauen und beteiligter Ärzte betreiben, machte sich in der nationalen und internationalen Öffentlichkeit Entsetzen breit. Die Proteste im Land dauern an, und der Konflikt zwischen der Regierung und den unabhängigen Frauenorganisationen ist ständig erbitterter geworden. 2008 wurden die Büroräume des MAM (Movimiento Autónomo de Mujeres
) polizeilich durchsucht, und ihre Sprecherinnen werden bis heute öffentlich verleumdet und schikaniert. Der Konflikt musste sich auch auf die EZ ausweiten, denn die Entwicklungsorganisationen, angefangen mit den Vereinten Nationen (UNDP), haben in den letzten 10 Jahren einen Großteil ihrer Arbeit auf die Genderfrage konzentriert. Es ist darum nicht verwunderlich, dass sogar die ehemalige Bundesentwicklungsministerin Wieczorek-Zeul öffentlich gegen diesen Verstoß gegen die weltweit anerkannten Frauenrechte protestierte. Amnesty International
hat immer wieder große Besorgnis wegen der Politik der FSLN-Regierung geäußert.
Von vielen Beobachtern wurde Ortegas Haltung in der Abtreibungsfrage mit dem „Pacto“ und seinen guten Beziehungen zu Kardinal Obando y Bravo erklärt. Eine genauere Betrachtung der Dinge zeigt jedoch den größeren Zusammenhang. Die Reden des Präsidentenehepaars sind von Bekenntnissen zur „Liebe“ und zum „Leben“ durchdrungen. Außerdem ist in Nicaragua eine breite Wirkung der Kampagnen zu verzeichnen, die konservative Abtreibungsgegner von den USA aus auf dem ganzen amerikanischen Kontinent durchführen. Wenn man dann noch den Einfluss der katholischen Kirche und der fundamentalistischen Protestanten hinzurechnet, so zeigt sich, dass Ortegas Haltung mehr ist als ein taktisches Spiel. Er sucht auf diese Weise politische Unterstützung im rechten politischen Lager.

Das nicaraguanische Schulsystem
gliedert sich in die Vorschule (Preescolar), die sechsjährige Grundschule (Primaria) und eine fünfjährige Sekundarstufe (Secundaria); nach 11 Schuljahren kann man die Abiturprüfung (Bachillerato) ablegen. Ein großer Teil der Schulen, besonders im Sekundarbereich sind Privatschulen, für die Schulgeld bezahlt werden muss; sie werden von ca. 19% der Schüler besucht. Zu den renommierten privaten Gymnasien (Colegios) gehören das Instituto Pedagógico La Salle, die Deutsche Schule
und das Colegio Calasanz de Nicaragua
. Als Beispiel für eine pädagogisch engagierte Kinderbetreuung sei hier der Montessori Kindergarten in Managua
genannt.
Im Hochschulbereich sind vor allem zwei große Institutionen wichtig: Die staatliche „Universidad Autónoma de Nicaragua“ (UNAN
) und die katholische „Universidad Centroamericana“ (UCA
). Zu nennen ist auch die Technische Universität in Managua (UPOLI
). An der Atlantikküste gibt es zwei Universitäten: Die "Bluefields Indian and Carribbean University" (BICU
) im Süden (gegründet 1991) und die „Universidad de las Regiones Autónomas de la Costa Caribe de Nicaragua“ (URACCAN
) mit Sitz in Bilwi (Puerto Cabezas), gegründet 1995.

Im ganzen Land haben sich nach der Liberalisierung der Hochschulgesetzgebung seit 1990 ca. 40 private Universitäten etabliert, deren akademisches Niveau teilweise als dürftig zu bezeichnen ist. Die Verfassung Nicaraguas sieht vor, dass 6% des Haushaltes für den universitären Bildungsbereich vorbehalten sind. Darüber gibt es alljährliche Auseinandersetzungen, bei Studentenprotesten gab es in vergangenen Jahren sogar Tote. Der unabhängige Nationale Rat der Universitäten CNU
, der über die Zulassungen von Universitäten, Studienordnungen, Abschlüsse usw. befindet, klagt über die eklatante Verteuerung der universitären Ausbildung.
Das nicaraguanische Bildungswesen
ist seit 1990 ausgesprochen leistungsschwach und unterfinanziert. Bis 2006 besuchten fast 20% der Kinder überhaupt keine Schule; nur rund 30% der Schulabgänger erreichten einen Abschluss. Offiziell sind 23% der erwachsenen Bevölkerung Analphabeten. Die Bildungsausgaben erreichten nur 4,7% des BIP, womit Nicaragua selbst hinter so armen Ländern wie Honduras und Bolivien zurückbleibt. Die neoliberale Austeritätspolitik hat einen Sparkurs zur Folge gehabt, der unter dem Deckmantel der „Schulautonomie“ dazu geführt hat, dass die öffentlichen Schulen von den Eltern Beiträge für die Einschulung, für Baumaßnahmen und Lehrmaterial erheben mussten. Die Lehrergehälter sind die schlechtesten in Mittelamerika. Eine Grundschullehrerin erhält ungefähr 100 US$/Monat. Wenn sie nach San José/Costa Rica geht, kann sie dort als Haushaltshilfe mehr verdienen.
Die neue Regierung Ortega hat 2007 eine große Bildungsoffensive angekündigt und wichtige Maßnahmen ergriffen: Sie hat die Schulautonomie aufgehoben und den Besuch öffentlicher Schulen wieder kostenlos gemacht. Außerdem hat es die Regierung zu ihrem Ziel erklärt, den Analphabetismus in kürzester Zeit abzuschaffen. Dazu wird die kubanische Methode „Yo, sí puedo“ angewandt. Kuba liefert dafür die technische Ausrüstung. Die Alphabetisierungsstellen werden in den Häusern der freiwilligen Helfer eingerichtet, die den Lerngruppen beim Verstehen der Lehrvideos helfen. Die Erfolge der neuen Schul- und Alphabetisierungspolitik müssen noch abgewartet werden. Die Hoffnungen darauf sind groß, und die neuen Verhältnisse haben vielerorts zu einem Ansturm auf die viel zu kleinen und schlecht ausgestatteten Schulhäuser geführt. Allein die Verbesserung des Personals und der Gebäude erfordert ungeheure Investititonen, die die Regierung erst noch ermöglichen muss.
Das öffentliche Gesundheitssystem in Nicaragua ist nicht in der Lage, Kranke adäquat zu versorgen oder notwendige Operationen durchzuführen. Wer über die nötigen Mittel verfügt, vertraut sich lieber dem privaten Sektor auf dem freien Markt an. Angestellte und Beamte gehören zu den wenigen, die dem staatlich regulierten Versicherungssystem angehören: Dieses kommt noch am ehesten dem uns bekannten deutschen System nahe; alle seine Einrichtungen haben private Träger.

Der Großteil der Bevölkerung aber ist auf das öffentliche System angewiesen, und hier hat lange genug der absolute Mangel geherrscht. Die Regierungen Alemán und Bolanos investierten nicht mehr in das öffentliche System. Wer behandelt werden möchte, musste selbst Zwirn zum Nähen einer Wunde, Blutplasma, Mull oder Medikamente mitbringen. Die Ärzte waren dauernd überlastet und mussten sich durch einen langen Streik 2005 den Anschluss an das zentralamerikanische Gehaltsniveau erkämpfen. Der wichtige Bereich der Prävention, Aufklärung und Beratung kam fast ganz zum Erliegen. Die Regierung Daniel Ortega hat angekündigt, das Gesundheitssystem grundlegend zu reformieren
und wieder für alle kostenfrei und qualitativ hochwertig anzubieten.
In Nicaragua stirbt man leicht an Krankheiten, die an sich nicht tödlich sein müssten. Diese Ungleichheiten in der Gesundheitsversorgung
sind notorisch, und auch die Korruption
hat den Gesundheitssektor nachhaltig geschädigt. Man kann nur hoffen, dass diese Zustände bald der Vergangenheit angehören mögen.
Das öffentliche Gesundheitssystem ist offiziell, ebenso wie die Bildung, gratis. Dies nützt allerdings wenig, wenn Behandlungen nicht durchgeführt werden, weil die dazu notwendigen Medikamente oder Materialien nicht vorhanden sind - die Krankenhausapotheken sind leergefegt. Zwar gibt es in den zahlreichen Apotheken in den Städten nahezu alles zu kaufen, die Preise jedoch sind horrend.
In Nicaragua arbeitet die Organización Panamericana de Salud, die auch grundlegende Informationen
zum Land bietet. Zu erwähnen ist auch das staatliche Gesundheitsinformationszentrum CISAS
und das Nationalen Forschungszentrums zu Gesundheit CIES
in der Nationalen Universität.
Etwa 0,2% der Bevölkerung ist HIV positiv
. Zur Situation im Land und Daten zu AIDS informiert diese Seite von UNAIDS
.

Die katholische Kirche hat seit der Kolonialzeit eine herausgehobene Stellung in der Gesellschaft und Politik des Landes. Obwohl Staat und Kirche seit den liberalen Reformen des 19.Jahrhunderts formal getrennt sind und nach der Verfassung Religionsfreiheit herrscht, ist das katholische Christentum ein Teil der nationalen Identität geblieben. Die Kirche trägt wichtige Staatsakte mit, und die Bischöfe geben regelmäßig vielbeachtete Stellungnahmen zu nationalen Fragen ab. Gute Schulen und ein Teil der universitären Ausbildung sind in der Hand katholischer Orden, und damit hat die Kirche einen großen Einfluss auf die Erziehung der Mittel- und Oberschicht behalten. Alle Ortschaften, vom kleinsten Dorf bis zur Hauptstadt, feiern die Feste ihrer Ortsheiligen mit Messen und großen Prozessionen; sie geben der Religion damit eine zentrale Bedeutung in ihrem sozialen Leben.
Dennoch wird der Einfluss der Amtskirche
auf den Alltag der Nicaraguaner häufig überschätzt. Die Institution ging aus den liberalen Reformen finanziell und personell geschwächt hervor, und der große Priestermangel bewirkte, dass ihre Präsenz im 20.Jahrhundert im wesentlichen auf die Städte und die wohlhabenden Schichten beschränkt blieb. Die Volksreligiosität, in der indianische und afrikanische Elemente fortleben, entwickelte sich zum großen Teil außerhalb der Kirche. Die große Mehrheit der Bevölkerung ist bis heute katholisch, aber nicht kirchlich im strengen Sinne; viele begnügen sich damit, die Taufe und die Beerdigungsriten in Anspruch zu nehmen, bewahren aber im übrigen eine deutliche Distanz zum Klerus. Außerdem erhielt die katholische Kirche in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts eine starke Konkurrenz in Form der protestantischen Missionen, die schnell in den Unterschichten Fuß fassen konnten.

Die Amtskirche ist traditionell konservativ, antiliberal und antikommunistisch eingestellt. Das kirchliche Leben geriet in den 60er Jahren aber stark in Bewegung, denn Priester aus Spanien, USA und anderen Ländern kamen nach Nicaragua. Sie bauten die kirchliche Basisarbeit in den Armenvierteln und auf dem Lande neu auf. Sie konnten auf neue Weise an die Volksreligiosität anknüpfen. Da sich viele von ihnen nach links entwickelten und zu Parteigängern der Theologie der Befreiung wurden, wuchs damit ein enormes innerkirchliches Konfliktpotential, das bis heute spürbar ist. Bekanntermaßen engagierten sich prominente Priester wie die Brüder Fernando und Ernesto Cardenal in der sandinistischen Revolutionsregierung der 80er Jahre, sahen sich deshalb aber mit scharfer Kritik aus dem Vatikan konfrontiert. Die neue Basisbewegung verschob die politischen Kräfteverhältnisse und bewirkte, dass sich die Amtskirche wenigstens um eine vermittelnde Rolle in den sozialen und politischen Konflikten bemühte. Das wirkte sich positiv im Friedensprozess am Ende der 80er Jahre aus, der ein Ende der Bürgerkriege in Zentralamerika brachte und nicht umsonst in Esquipulas/Guatemala, der zentralen Wallfahrt Zentralamerikas, beschlossen wurde. In Nicaragua beteiligte sich die Kirche im Zeichen der „nationalen Versöhnung“ an den Projekten zur Wiedereingliederung der Flüchtlinge und „Contra“-Kämpfer.
Die Internetseiten der Erzdiözese Managua
und der Bischofskonferenz von Nicaragua
ermöglichen Einblicke in das Leben der Amtskirche. Eine aktuelle Studie
zeigt, dass die Stärken und Schwächen der kirchlichen Arbeit je nach Region sehr unterschiedlich zu beurteilen sind.
Der Protestantismus in Nicaragua hat schon eine längere Geschichte in Form der Herrnhuter Brüdergemeine (Iglesia Morava/Moravian Church
) an der Atlantikküste (historischer Überblick
), der lutherischen Kirche
und der Baptisten
. In den 60er Jahren erfuhren die protestantischen Kirchen in Nicaragua (wie in ganz Lateinamerika) eine enorme Ausbreitung auf die Mittel- und Unterschichten, woran die evangelikalen und pfingstkirchlichen Richtungen den größten Anteil hatten, da sie missions- und konversionsorientiert arbeiteten und große Unterstützung aus den USA erhielten. Eine anerkannte Institution ist das baptistische Hospital
in Managua (gegründet 1928). Vom wachsenden sozialen Engagement der Protestanten zeugt die Organisation CEPAD
, die als Hilfsorganisation bereits nach dem großen Erdbeben in Managua 1972 gegründet wurde; sie ist heute ein anerkannter Partner der EZ, u.a. der Entwicklungsorganisationen der evangelischen Kirche in Deutschland.
Der Protestantismus, der früher einmal das Bekenntnis einer kleinen, am Ausland orientierten Randgruppe war, ist heute zu einer ernstzunehmenden, vielfältigen Kraft in der Gesellschaft geworden. Nach der Volkszählung 2005 gehören über 20% der Bevölkerung einer der Kirchen und Sekten an. Die große Wachstumsphase seit 1960-1990 scheint vorbei zu sein, aber die Protestanten bauen ihre Institutionen aus, haben eigene Radiosender, Seminare und Universitäten gegründet und werden politisch aktiv, und zwar keineswegs nur auf der rechten Seite des politischen Spektrums.
Im Übrigen ist anzumerken, dass auch in Nicaragua die Zahl der Menschen zunimmt, die sich keiner Religion zugehörig fühlen. 1995 gaben 7,5% aller Befragten an, dass sie nicht religiös sind; 2005 war ihre Zahl auf 15,7% gewachsen (Angaben nach Censo 2005).
Eine schöne Einladung nach Nicaragua ist das Gedicht des argentinischen Schriftstellers Julio Cortazar, Noticias para viajeros
. Viele Intellektuelle und Dichter sind wie er zur Zeit der sandinistischen Revolution nach Managua gekommen, und ihre Publikationen haben unser Bild von Nicaragua mitgeprägt. Hier seien nur einige Namen genannt: Antonio Skármeta, Eduardo Galeano, Günther Wallraf, Franz Xaver Kroetz, Erich Fried
, Dorothee Sölle oder Salman Rushdie (Das Lächeln des Jaguars. Ein Reise durch Nicaragua, München 1998).
Man sagt, jeder Nicaraguaner sei ein Poet, und tatsächlich wird die schöne Literatur in diesem Land ganz besonders geschätzt und gepflegt. Das zeigen u.a. die die Geschichte der nicaraguanischen Literatur
von Sergio Ramírez und der Aufsatz Nicaragua und die Globalisierung der Poesie
von Hermann Schulz. Es ist kaum ein Zufall, dass zwei der bedeutendsten Dichter spanischer Sprache aus Nicaragua stammen:

Zunächst ist hier Ruben Darío
(1867-1916) zu nennen (Werke und Kritik finden Sie auf der Seite Dariana
). Er verbrachte zwar den größten Teil seines Lebens im Ausland, aber er hat stark nach Nicaragua zurückgewirkt und ist heute ein regelrechter Nationalheld. Das von den Nicaraguanern geliebte Bonmot "Si la patria es pequeña, uno grande la sueña" stammt von ihm. Die Bedeutung von Darío liegt darin, dass er den Abschied von der bislang herrschenden höfischen Dichtung Spaniens einleitete. Zu seiner Wirkung schreibt Hermann Schulz: „Kein Bürgerhaus, kaum eine Hütte, in der nicht ein Bild des Dichters oder eine meist zerfledderte Ausgabe seiner Werke zu finden ist… Es ist vor allem der Glaube an die Bedeutung der Poesie für die Verankerung des Lebens, die mich so beeindruckt hat; man kann auch sagen: für die Identität als Mensch, als Nicaraguaner, als Weltbürger. Denn der Poesie Nicaraguas haftet –trotz alle Beschäftigung mit sich selbst- etwas Weltläufiges an.“

Die zweite Ausnahmeerscheinung ist der Dichter und Mystiker Ernesto Cardenal
. Er war Trappistenmönch in den USA und hat eine berühmte Basisgemeinde und klosterähnliche Gemeinschaft auf der Insel Solentiname im Nicaragua-See begründet; er war ein prominenter Unterstützer der sandinistischen Revolution und wurde Kulturminister in den achtziger Jahren; heute zählt er zur sandinistischen Dissidenz und muss darum kleinliche Schikanen
der Regierung erdulden. Seine Dichtung („Gebet für Marilyn Monroe“; „Nicaragua Stunde Null“, „Psalmen“) sucht einen ganz eigenen Weg zwischen Weltabgewandtheit und politischem Engagement, zwischen Innerlichkeit und modernem Alltag („Exteriorismus“). Cardenal hat Weltruhm erworben und gilt heute als Nobelpreiskandidat. In Deutschland hat er durch die im Peter Hammer Verlag erschienenen Übersetzungen schon seit den 1970er Jahren eine große und begeisterte Leserschaft gefunden.
Die Liste der Ausnahmebegabungen und Berühmtheiten endet nicht mit Darío und Cardenal, sondern fängt mit ihnen erst an. Hier seien noch Sergio Ramírez
und Gioconda Belli
genannt, beide weltbekannt und Erfolgsautoren auch in Deutschland. Das literarische Leben in Nicaragua ist reich und vielfältig, und aus der Generation der 90er Jahre
sind viele neue AutorInnen hervorgegangen. werden Ihnen hier vorgestellt. Weitere Autoren finden Sie beim Centro Nicaragüense de Escritores
, auf der Seite www.dariana
und beim Schriftstellerinnenverband
.
Die beiden großen Tageszeitungen haben Kulturbeilagen: Nuevo Amanecer
und La Prensa Literaria.

Nicaragua ist reich an traditionellen Festen, sei es auf kommunaler oder nationaler Ebene. Es gibt eine erfreulich hohe Zahl von gesetzlichen Feiertagen
, und gerne werden die jeweils angrenzenden Werktage vor und nach einem Feiertag ebenfalls frei gemacht; das ergibt dann eine „Brücke“ (puente). Praktisch alle Feste haben einen religiösen Hintergrund - einige rühren von der katholischen Religion her, die die spanischen Eroberer der Bevölkerung aufzwangen, andere beruhen auf Riten und Zeremonien, die die indigene Bevölkerung vor der Ankunft der Spanier pflegten. Eine besondere Berühmtheit ist der Palo de Mayo
(Fernsehbericht
und Aufführung
); das ist ein Tanz, ein Fest und eine Musikrichtung der Bevölkerung in der Atlantikregion, der aus einem englischen Brauch und afrikanischen Traditionen hervorgegangen ist.

Die wohl größte Prozession ist das Fest des Santo Domingo, des Stadtheiligen von Managua. Die Gritería
und das Fest der "Purísima", die am 8. Dezember in León gefeiert werden, ist eine ekstatische Form des Marienkults
mit vielen traditionellen, lokalen Elementen. Eine richtig populäre Fiesta mit Bombenstimmung ist die Prozession des San Jerónimo
am 30.September. Da geht es nicht so feierlich zu wie bei den Prozessionen in Antigua/Guatemala; hier wird die kleine Heiligenfigur durch die Straßen von Masaya getragen und unter dem Gejohle der Menge heftig geschwenkt und geschüttelt. Die Semana Santa
, die Karwoche oder Osterwoche, wird überall im Land mit großen Prozessionen und Feiern begangen. Außerdem sind dies die wichtigsten Ferien, denn die Hitze wird im März/April, also am Ende der langen Trockenzeit, in den Städten schwer erträglich. Wer es sich irgendwie leisten kann, verbringt dann ein oder zwei Wochen am Strand. Der Tag der nationalen Unabhängigkeit
wird am 15.September mit großen Umzügen und Festen gefeiert.
Jenseits der Tradition hat die Jugend heute ihre eigene Kultur und Freizeit
.

In Nicaragua spielt der Sport eine sehr große Rolle. Im Fernsehen und in den Zeitungen gibt es ausführliche Sportberichte. Während die Nachbarländer Costa Rica und Honduras eindeutig dem Fußball anhängen, ist der Volkssport Nicaraguas der amerikanische Baseball. Das bekannteste Idol aus diesem Sport ist Dennis Martínez
, der in den Jahren 1985-1998 ein Starspieler in der American League
(USA) und der National League (Kanada) war. Fußball
mag es auch geben, aber das ist eher nebenbei. Der andere populäre Sport ist das Boxen. Der berühmteste Boxer ist der mehrfache Weltmeister Alexis Argüello
(1952-2009). Der populäre Argüello (Bilder
) wurde noch im November 2008 für die FSLN zum Bürgermeister von Managua gewählt, schied aber im Juli 2009 durch Selbstmord aus dem Leben. Ob das aus rein privaten Gründen geschah oder wegen eines politischen Zerwürfnisses mit dem Präsidentenpaar, ist Gegenstand heftiger Debatten. Im Sommer 2010 wurde von der Regierung Ortega ein Denkmal für Arguello
auf der Carretera Masaya errichtet und feierlich eingeweiht, obwohl die Umstände seines Todes weiterhin ungeklärt sind.
Die traditionelle Musik Nicaraguas ist im ganzen Land populär, wenn auch in den städtischen Millieus der Jugendlichen natürlich andere Musik gehört wird (das geht dann von Punk und Hard Rock über die bekannten tropischen Salsa-Rhythmen oder eigenwilligen Liedermachern bis hin zum Pop-Gedudel aus den Kulturindustrien der westlichen Welt.) Aus den zahlreichen Kneipen hört man meistens die mexikanischen „Rancheras“.

Ein typisch nicaraguanisches Instrument ist die Marimba (eine Art tropisches Xylophon), die in Monimbó (Indianerviertel von Masaya) zuhause ist. Im Gegensatz zu den großen Instrumenten in Mexiko und Guatemala ist hier eine Form der Bauernmarimba gebräuchlich (Marimba de arco), die man auf der Schulter tragen kann. Wenn dann noch als Begleitung ein „Cuatro“ (einfache Gitarre mit 4 Saiten), ein Schlagzeug oder ein paar „Maracas“ zur Hand sind, kann das Spiel beginnen. Alle Lieder sind ursprünglich Tanzstücke. In fast allen Kapellen ist das Akkordeon sehr beliebt. Auf Festen und Demonstrationen hört man oft die „Chicheros“, eine traditionelle Band mit Blechblasinstrumenten.

Die Brüder Mejía Godoy sind sicher die bekanntesten Musiker des Landes: Luis Enrique
, der 2005 60 Jahre alt
geworden ist, und sein Bruder Carlos
. Diese beiden Ausnahmemusiker pflegen keineswegs nur die Nostalgie der Revolutionsjahre, in denen sie eine wirklich überragende Rolle gespielt haben. Viele erinnern sich an die berühmte Aufführung des Liedes "Nicaragua, Nicaraguita"
1983. Sie sind innovative Musiker geblieben und führen ihr politisches und soziales Engagement auch in schwierigen Zeiten fort. Carlos hat bei der letzten Wahl für das Amt des Vizepräsidenten auf der Liste des MRS (Movimiento de Renovación Sandinista) kandidiert, was ihm erbitterte Anfeindungen aus der Regierungsriege eingetragen hat. Die Brüder Godoy unterhalten ein Musiklokal (La Casa de los Mejía Godoy
) im Herzen Managuas. Es ist sehr empfehlenswert, dort eine Aufführung anzuhören. Man hört nicht nur gute Musik, sondern wird auch mit dem typischen, sehr charmanten nicaraguanischen Humor unterhalten.
Eine nicht ganz so berühmte, aber ebenfalls gute Gruppe ist das Duo Guardabarranco
mit seiner Sängerin Katia Cardenal. Beliebte Tanzkapellen sind die Gruppen Macolla
oder Dimension Costeña
. Diese populäre Gruppe aus Bluefields hat viel dazu beigetragen, dass die Atlantikküste auch im Zentrum Nicaraguas mehr ins Bewusstsein gerückt ist. Eine interessante Band ist Perro Zompopo
. Natürlich gibt es auch Rock
, der meistens sehr, sehr laut ist.
Im Jahre 2009 ist mit "La Yuma-Die Rebellin" seit langem wieder ein Kinofilm in Nicaragua entstanden. Darin erzählt Florence Jaugey die Geschichte eines Mädchens, das sich als Boxerin einen Weg aus dem Elend und der Bandenkriminalität ihrer Herkunft freikämpfen möchte. Der ungeschönte Sozialrealismus des Films, der ganz auf eine heroische Überhöhung seiner Figur verzichtet, hat in der internationalen Kritik viel Anerkennung gefunden. Die Hauptdarstellerin Alma Blanco gilt als Entdeckung.

Den Nicaraguaner/innen geht, wenn man so sagen darf, nichts über ihre eigene Küche. Ob in Los Angeles, in Berlin, Miami oder in San José: Überall gibt es die Fritanga und das Nacatamal, den Indio Viejo, Tarjadas, Quesillo, Vigorón, Chicharrón, die wunderbare Guirilla, den Baho. Allen voran aber steht des Nicas Leibgericht, das „Gallo Pinto“ (Reis und Bohnen), möglichst noch mit Tortilla; das gibt es zum Frühstück, zum Mittag- und zum Abendessen.
Mais bestimmt die nationale Küche, und der Einfallsreichtum in der unterschiedlichen Zubereitung der verschiedensten Gerichte - Süßspeisen, Getränke, Alkoholika, Eintöpfe, Gemüse, etc - ist beeindruckend. Besonders gesund ist die tägliche Kost nicht, denn Vieles ist fettig und kommt aus der Pfanne. Wer es sich leisten kann, isst auch viel Fleisch und Käse. Die meisten Gerichte sind sehr kalorienreich, wie ehedem auf dem Land, als man noch hart auf dem Feld arbeiten musste, aber eben auch lecker. Neben den bekannten Standards wie Bistec encebollado (Rindersteak mit Zwiebeln), Maduro (Kochbanane) und Crema (saurer Sahne) gibt es auch ausgesprochene Highlights wie Parilla (Rindfleisch vom Grill), Brocheta (Fleischspieß), Chuleta Caribeña (Kotelett mit Ananas), Meeresfisch, Garnelen in Knoblauchsoße, Ceviche, geschmorten Kürbis mit Hackfleisch usw.
Wer nicht zu Hause isst, besucht gerne eines der Restaurants
, die von Touristen besucht werden. Die schönsten muss man aber selbst finden, oder sich empfehlen lassen. Für das tägliche Mittagessen in der Arbeitspause kann man auch in einen „Comedor“ gehen; das ist eine Art Kantine, wo das Essen nur halb so viel kostet und meistens gut und liebevoll gekocht wird. Auch in den Straßenküchen (Fritangas) und im Markt kann man sehr gut essen. Hier finden sich alle tropischen Leckereien, Früchte und Gemüse zu billigen Preisen. Ein kritischer Blick hinter die Kulissen ist aber angebracht, denn manchmal besteht Infektionsgefahr, weil unsauberes Wasser verwendet wird.
Letzteres Risiko gilt natürlich besonders für Getränke, die man auf der Straße kauft. Die Vielfalt der tropischen Obstsorten ist beeindruckend, und aus allen werden Säfte zubereitet (leider in der Regel mit Unmengen Zucker), meist als „Fresco“ bezeichnet. Typisch ist auch der „Raspado“, ein eingedickter Fruchtsaft, der mit zerstoßenem Eis und Wasser aufgefüllt wird. Das Traditionsgetränk der Nicaraguaner, der „Tiste“ (eine Mischung aus Kakao und Süßmais, mit Wasser in einer Kalebasse angerichtet) ist fast verschwunden. Wenn die Geldbörse es erlaubt, wird meistens einfach ein Bier oder eine Cola bestellt.
In jedem Falle muss der nicaraguanische Rum („Flor de Caña“) gerühmt werden. Wenn man abends auf der Terasse oder vor der Haustür mit den Nachbarn plaudert und die Tageshitze nachgelassen hat, schmeckt er mit Limone, Eis und evtl. Cola einfach gut. Hier finden Sie Rezepte für bekannte Cocktails
.
Volker Wünderich, Jahrgang 1947, Privatdozent am Historischen Seminar der Leibniz-Universität Hannover, ist seit langem mit Nicaragua und Zentralamerika eng verbunden.
Publikationen: Sandino, Eine politische Biographie (Peter Hammer Verlag 1995); Mosquitia, die andere Hälfte Nicaraguas (Junius Verlag 1987); Mitherausgeber von Zentralamerika heute (Vervuert Verlag 2008).
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Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im März 2012 aktualisiert.
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