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Niger ist ein multi-ethnischer Staat mit einer Bevölkerungszahl von mittlerweile 15,3 Millionen Menschen, die ständig am Wachsen ist (3,7%). Jedoch leben im Niger weit weniger verschiedene Ethnien als in den anderen westafrikanischen Nachbarländern. Das Nationalgefühl ist im Niger nicht sehr stark ausgeprägt, sondern zeigt sich eher wenn Nigrer im Ausland in der Diaspora leben. Sind sie zur Arbeitsmigration in Nachbarländern, so bildet sich Zusammengehörigkeit auf der Ebene der ethnischen Zugehörigkeit oder allenfalls regionalspezifisch, im fernen Ausland
sieht das anders aus. Die regionalen Wirtschaftsarten der unterschiedlichen Ethnien gleichen sich, wodurch sich auch ähnliche Lebensweisen ergeben. Außerdem verbinden Scherzbeziehungen
nicht nur intra-, sondern auch interethnisch. Die ethnische Zusammensetzung gliedert sich wie folgt:
(53%)
(21%)
(10%)
(10%)
/BeriBeri (4%)
(0,4%)
(0,2%)
Französisch ist Amts- und Verkehrssprache. Eine überragende Stellung als Verkehrs- und Handelssprache hat das Hausa
. Die Hausa sind traditionell Händler. Sie leben vor allem in den Großräumen der Städte Tahoua, Maradi und Zinder. Neben ihrer Muttersprache sprechen 75% der Nigrer Hausa, obwohl die offizielle Amtssprache Französisch ist. Der überweigende Teil der Bevölkerung ist multilingual, besonders bei den Nomaden ist es nicht ungewöhnlich, dass jemand 4 oder 5 Sprachen spricht. Jedes der oben angegebenen Völker hat seine eigene Sprache: Djerma/Songhai, Fulfulde, Tamasheq, Kanuri etc. Die neun Sprachen
des Niger sind höchst unterschiedlich. Einen Überblick bekommt man im Atlas
nigrischer Sprachen. Viele der Sprache werden weit über die Grenzen des Niger hinaus gesprochen, Hausa wird von ca. 120 Millionen Menschen gesprochen, Fulfulde
von etwa 25 Millionen, Tamasheq
von 1,2 Millionen. Die Sprachenkarte
Nigers weist aber auch auf die geographische Bedeutung der acht anderen Landessprachen hin.
Die Hausa sind traditionell Händler. Sie leben vor allem in den Großräumen der Städte Tahoua, Maradi und Zinder. Viele leben als Bauern. Die Djerma/Songhai leben vor allem in der Region Niamey und der Region des Flusses Richtung Gao. Sie sind sowohl Feldbauern als auch halbnomadische Tierhalter, aber auch Handwerker. Die Tuareg mit ihrer eigenen Schrift, dem Tifinaqh
, leben im Sahara-, Sahelraum (Mali, Niger, Libyen, Algerien, Burkina Faso). Sie leben in der Regel als nomadische Tierhalter, aber Untergruppen betreiben auch Gartenbau im Air-Gebirge. Traditionell gingen sie mit ihren Kamel-Karawanen bis in die Küstenländer, um Salz und Datteln zu bringen und Getreide mitzunehmen in die Sahara. LKWs wurden zu einer unschlagbaren Konkurrenz. Im südlichen Raum der Pastoralzone leben die Fulbe und Fulbe Woodaabe als traditionelle Rinderhalter, wenn man das bei Nomaden überhaupt so sagen kann – eher haben sie dort ihren angestammten und tradierten Bezugsort, ebenso wie im Westen in der Region Tera (ehemaliges Emirat Liptako). Durch Staatsgrenzen wurden traditionelle Wanderwege zerschnitten – mittlerweile gibt es glücklicherweise wieder Abkommen zwischen den Staaten über die „Transhumance transfrontaliere“. Zölle behindern den Handel, LKW's konkurrieren mit dem Kamelkarawanenhandel. Die Dezentralisierung mit der Einrichtung der Gemeinden hat sich der Situation, wie mit den Gemeinde-Übertritten der Nomaden umgegangen werden soll, noch nicht ausreichend angenommen. Durch die Ausweitung der sesshaften Landwirtschaft in der halbtrockenen Sahel-Zone werden nomadische Gruppen in den letzten Jahrzehnten immer weiter nach Norden abgedrängt. Die etwa 100.000 Woodaabe Nomaden Nigers gehören der Völkerfamilie der Fulbe an, zu der in Westafrika mehr als neun Millionen Menschen zählen. Während ein Teil der Fulbe sesshaft wurde und schon vor der Kolonialzeit Staaten gründete, haben die Woodaabe und andere nomadische Fulbe an ihrer Lebensweise als Rindernomaden festgehalten. Der Lebensrhythmus dieser Menschen orientiert sich ganz an den Bedürfnissen ihrer Rinder – deren Bedarf an Wasser und Weide. Die Tubu (Daza und Teda) leben als nomadisiernde Kleintierhalter in den östlichen Landesteilen und Richtung Tibestigebirge. Im Gegensatz zu den Tuareg haben sie eine egalitäre Gesellschaftsform und widerstanden allen Kolonialisierungsversuchen der Franzosen. Die Kanuri, oft mit den Haussa lebend, zumeist aber in den Oasen, sind spezialisiert auf die Salinenarbeit, die Dattelkultivierung und den Karawanenhandel. Araber und Mauren arbeiten und leben meist als (halb)nomadische Tierhalter.
Der Großteil der nigrischen Bevölkerung (63 %) lebt unterhalb der Armutsgrenze. Den Lebensunterhalt bestreiten sie mit Subsistenzwirtschaft – sowohl Tierhaltung als auch Feldbau – oder mit Tätigkeiten im informellen Sektor.
Lohnarbeit zu finden, ist im Niger extrem schwierig; die Industrie ist wenig ausgebaut und die meisten Arbeitssuchenden auch nicht ausgebildet. Arbeit in der Industrie, im Dienstleistungsgewerbe zu finden, gelingt nur wenigen, da diese Sektoren zudem nur schwach entwickelt sind, so dass nur wenige Menschen hier ihr Einkommen verdienen können.
Es gibt einige Reiche im Niger und viel Arme – die Mittelschicht existiert kaum.
Stadt-Land-Verhältnis und Migration
Menschen vom Land ziehen mit der Hoffnung auf bessere Lebensbedingungen und der Aussicht auf Arbeit in die Stadt. Die Urbanisierung
nimmt rapide zu – besonders in Krisenzeiten – und liegt mittlerweile bei 17%. Die Analphabetenquote
auf dem Land beträgt etwa 90%. Besonders verarmte Nomaden, die ihre Herden verloren haben oder die wenigen verbliebenen Tiere Verwandten überstellt haben, ziehen in die Stadt und versuchen ihr Glück als Nachtwächter. Ebenso viele Bauern oder deren Kinder, die versuchen, sich als fliegende Händler, Schuhputzer, Autowäscher, Telefonkartenverkäufer oder mit einem Bauchladen durchzukämpfen. Viele Nigrer gehen auch in die Nachbarländer als Arbeitsmigranten, bevorzugt sind Nigeria und Libyen. Die Rücküberweisungen an ihre Familien sind nicht unbedeutend. Durch die Unruhen in Libyen wurden sie gezwungen, wieder in den Niger zurückzukehren. Und auch in den extrem Sharia-orientierten Landesteilen Nigerias ist die Situation immer problematischer geworden.
Niger fungiert zudem als Transitland für Menschen aus den westafrikanischen Küstenländern, aber auch für Asiaten, die sich auf den Weg nach Europa gemacht haben und von Niger aus die Wüste durchqueren wollen. Momentan sind etliche im Niger „gestrandet“, die in Libyen gearbeitet hatten.
Die Frauen machen einen Anteil von 52,4 % an der nigrischen Population aus. Auf der Ranking-Liste GID
(Gender, Institutions, and Development Index), bei dem es um den Index von Frauendiskriminierungen und Frauenrechte geht, liegt Niger bei den letzten zehn Ländern an 114ter Stelle. Die soziale Position von Frauen wird maßgeblich vom Ehestatus, vom Alter und von der Anzahl der Kinder (Söhne) bestimmt. Mittlerweile liegt die Geburtenrate bei 7,8 Kindern. Frauen sind die Stütze der Gesellschaft; durch ihre Aktivitäten im Bereich der Subsistenzsicherung, im informellen Sektor oder in Handwerk und Markt-Geschehen halten gerade sie die Familien „über Wasser“. Die oberste Autorität in den islamisch orientierten Ethnien ist immer der älteste Mann der Generation. Polygame Haushalte i
n der Stadt sind vor allem bei den Haussa und Djerma verbreitet, aber auch auf dem Land haben Fulbe und Tuareg zunehmend mehrere Ehefrauen, was jedoch nicht ihrer eigenen kulturellen Tradition entspricht. Nach nigrischem Heiratsrecht hat die Frau im Falle einer Scheidung keinen Anspruch auf die Kinder nach deren 7. Lebensjahr. Die Frau verlässt in niemals das Gehöft ohne die Erlaubnis des Ehemannes in den streng moslemischen Gesellschaften. Die islamistischen Strömungen und Einflüsse haben die letzten Jahre – besonders in den Regionen Maradi-Zinder und entlang der Grenze zu Nigeria zugenommen, was sich entschieden auf die Autonomie der Frauen auswirkt. Denn grundsätzlich ist der Islam Westafrikas eher synkretistisch geprägt. Die traditionellen weiblichen Pflichten
sind neben der Erziehung der Kinder: Wasserholen, Beschaffung von Brennholz, Arbeit auf den Feldern, Melken der Tiere etc. Marktgeschäfte gehören jedoch auch oft dazu. Frauen der nomadischen Ethnien haben traditionell eine größere Autonomie: die Frauen besitzen eigene Tiere, gehen auf den Markt, verkaufen ihre Milch und können den Erlös für sich verwenden. Das Volk der Tuareg hat traditionell die Struktur des Matriarchats und insofern hat die Frau eine ganz andere Stellung in der Gesellschaft, nur nehmen auch hier islamische Einflüsse zu. In den oben genannten Regionen nimmt die Beschulung von Mädchen in Koranschulen zu. Denn die Eltern gehen davon aus, dass dort die Mädchen zu folgsamen, angepassten und den weiblichen Rollen entsprechenden jungen Frauen erzogen und nicht „verdorben“ werden. In den meisten Ethnien im Niger werden junge Mädchen häufig gegen ihren Willen von ihren Eltern verheiratet. 62 % der Mädchen zwischen 15-19 Jahren sind verheiratet, geschieden oder verwitwet.
Über die Schönheitsvorstellungen und die "Fettleibigkeit von Frauen" in einigen nigrischen Bevölkerungsgruppen (besonders bei arabischen Frauen) erzählt die Autorin Rebecca Popenoe in ihrem Buch "Feeding Desire" (2004). Ein großes Problem stellen die sogenannten Wöchnerinnen-Fisteln
dar. Es handelt sich um früh verheiratete Mädchen, die sehr früh schwanger werden, und bei denen bei der Entbindung die Harnblase verletzt wurde. Aus diesem Grund werden die jungen Mädchen häufig geschieden, verstoßen und leben abgegrenzt in Armut. Ein konkretes Beispiel ist der Fall der 16-jährigen Zainabou Baba
. In Niger kümmert sich die NRO "Santé de la reproduction pour une maternité sans risque" (SRMSR-DIMOL) um die hier genannten Fälle. Frauen besitzen kaum öffentliche Ämter und Entscheidungspositionen, erst allmählich bekleiden Frauen mehr offizielle Positionen.
Die Verwandtschaft ist in Westafrika die elementare Form der sozialen Organisation – in der Regel ist die Kleinfamilie nicht von Bedeutung. Die meisten Ethnien sind hierarchisch gegliedert (Ausnahme Tubu). Die Gliederung kann über
- Geschlecht
- Schicht/Kaste
- Beruf oder
- Alter
geschehen. Neben der Kaste der Noblen gibt es jene der Schmiede, Handwerker oder Griots. Jede Kaste hat spezifische Rechte und Pflichten.
Einen besonderen sozialen Status nehmen Griots
, Heilerinnen und traditionelle Hebammen, ein. Die kleinsträumliche, sozio-ökonomische Einheit ist das Gehöft, das sich aus mehreren Haushalten zusammensetzt. Nach wie vor gibt es Abhängige und Sklaven; die Zahl wird auf etwa 43 000 Personen geschätzt, wobei der Anteil der Frauen
größer ist als jener der Männer. Denn es zählen hierzu nicht nur die Menschen, die in traditionellen Abhängigkeitsverhältnissen leben (müssen), sondern auch jene neuen Abhängigkeiten: Kinder – meist Mädchen, die schon in jungen Jahren als sogenannte Hausangestellte arbeiten oder jene tier- und mittellosen Tierhalter, die sich bei großen Tierhaltern verdingen.
Die Bildungssituation im Niger ist sehr beunruhigend. Offiziell besteht eine Schulpflicht von 10 Jahren und das staatliche Schulsystem ist kostenlos, aber häufig sind die Lehrer nicht sehr motiviert und fühlen sich in manchen Schulen auf dem Land „strafversetzt“. Das Schulsystem folgt dem Vorbild Frankreichs. Das Ausbildungssystem ist dreigliedrig: Grundschule, weiterführende Schule und Universität. Die Grundschule dauert 6 Jahre und schließt mit einem Diplom (C.E.P.E.). Eine Aufnahmeprüfung berechtigt zum Besuch der weiterführenden Schule (allgemeines Kollegium und technisches Kollegium und danach Lyceum). Der Baccalauréat (Abitur nach französischem Muster) berechtigt zum Universitätsstudium. Die durchschnittliche Schülerzahl je Klasse liegt oft bei 60, wobei auch Werte über 100 erreicht werden. Auf dem Land wird die Amtssprache Französisch von den SchülerInnen fast überhaupt nicht beherrscht. Ein Hauptproblem v.a. im ländlichen Raum ist der notorische Lehrermangel. In den letzen Jahren eröffneten immer mehr private Schulen (Kindergarten, Primarschule, weiterführende Schule) ebenso wie private Ausbildungsinstitute und Universitäten. Besondere Bedeutung kommt den Missionsschulen zu, die sehr zuverlässig in ihrer Arbeit sind und sogar zum Großteil von muslimischen Kindern besucht werden.
Insgesamt sind die Grundschulen wenig effektiv, so dass weniger als 40 % der eingeschulten SchülerInnen die letzte Grundschulklasse erreicht. Bei den SchülerInnen ist zum großen Teil jedoch eine hohe Motivation vorhanden, die mittlerweile durch immer mehr Eltern gefördert wird. Auffällig ist dies gerade bei jenen ethnischen Gruppen, die bislang kaum an der Bildungsentwicklung teilhatten, den Nomaden. Die Einschulungsraten sind ebenfalls tief, liegen aber immerhin bei fast 60 %. Mittlerweile sind immer mehr Eltern motiviert, ihre Kinder in die Schule zu schicken und ergreifen Initiativen dafür, dass Schulen eingerichtet werden. Allein mit dem Aufbau eines Schulhauses ist es nicht getan. Um Lehrer zu motivieren, in entlegene Gegenden zu kommen, wird mit privat initiierten Projekten seitens der Eltern versucht, den Lehrern einen Lohnzusatz zu geben. Die Frage bleibt natürlich: wie geht es nach der Schule weiter? Denn der Niger bietet nicht genug Ausbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten
An einigen Schulen findet leider erst jetzt bilingualer Unterricht – in der Muttersprache und in Französisch - statt. Pädagogisch orientierte Projekte sind darin involviert, dies zu fördern. Die Gestaltung eines bilingualen Unterrichts, der den Kindern den Schuleinstieg erleichtern soll, wird von einigen Projekten gefördert; das setzt aber das Vorhandensein geeigneten Lehrpersonals voraus. Die UNESCO
betont die Bedeutung dieser Unterrichtsform.
Berufsbildung im deutschen Sinne existiert nur dort, wo ehemalige Projekte eine Berufsausbildung initiiert haben. Berufsausbildung findet aber informell statt, Kinder – meist Jungen - gehen bei einem Handwerker „in die Lehre“, oder fahren beispielsweise mit den Busunternehmen mit und erfahren alles, was sie als Mechaniker-Chauffeur brauchen im Laufe der Jahre.
Im Niger gibt es eine staatliche Universität (Abdou Moumouni
). Seit 2011 gibt es drei weitere Universitätsstandorte: Tahoua, Zinder und Maradi. In Tahoua können Bank- und Rechnungswesen, Ökonomie und Management studiert werden, in Zinder werden Raumordnung und Urbanistik angeboten, in Maradi werden Elektrotechnik, Maschienenbau und Bauingenieurwesen gelehrt. Informationen über die beiden anerkannten technischen Berufsschulen in Maradi und Niamey finden Sie bei der UNESCO
. In Say hat die Islamische Universität des Niger ihren Sitz. In den letzen Jahren sind private Bildungsinstitutionen im ganzen Land dabei, sich zu etablieren. Gegründet und gefördert werden diese Einrichtungen sowohl von einheimischen als auch ausländischen Geldgebern. Im religiösen Bereich ist ebenso eine Zunahme von Koranschulen zu verzeichnen.
Diese Zahlen beziehen sich jedoch auf die formale Bildung. Die religiöse Bildung an Koranschulen ist im Aufwind begriffen. Oft besuchen Kinder am Wochenende zusätzlich die Koranschulen. Eltern, die besorgt um ihre Mädchen sind und sie in erster Linie zu angepassten Hausfrauen und Müttern erziehen wollen, senden mit Vorliebe die Mädchen in Koranschulen. Über 50.000 Koranschulen
gibt es im Niger.
Ein wichtiges Informations- und Weiterbildungsmedium sind die kommunalen Radiostationen, die auch von internationalen Gebern
gefördert werden. Internationale Organisationen wie SNV, AFRICARE und der DED unterstützen diese dezentralen Rundfunkanstalten in den lokalen Sprachen, um den Zugang zu Informationen auch für marginalisierte Bevölkerungsgruppen zu erleichtern. Diese Radiostationen dienen weniger der Emission internationaler Nachrichten, sondern sind vielmehr eine lokales und regionales Kommunikationsmedium, welches über Ereignisse, Feste, aber auch Marktpreise u.ä. informiert. Entwicklungsorganisationen nutzen das Medium gern für Informations- und Sensibilisierungsmaßnahmen.
Über den nigrischen Gesundheitssektor gibt die WHO
einen guten Überblick. Zur Gesundheitssituation von Kindern (im Grundschul- und Gesundheitsbereich) bietet die Internetseite von UNICEF
ausführliche Informationen.
Vorhandene Krankheiten im Niger sind u.a. Gelbfieber, Tuberkulose, Meningitis, Lepra, Noma, Brucellose, Hepatitis, Bilharziose und HIV/Aids.
Mit dem Spezialprogramm des Präsidenten, welches durch die Rücklagenbildung finanziert wurde, die nach dem Schuldenerlass frei wurde, wurden u.a. 1000 Gesundheitszentren erbaut, nur fehlt es an oft an (qualifiziertem) Personal, Ausstattung und Medikamenten. So, dass diese Initiative eher wie ein Schein wirkt und eine rechte Enttäuschung für die Bevölkerung ist, die große Hoffnungen darauf gesetzt hatte. Krankenhäuser gibt es in größeren Städten wie Niamey, Tahoua, Maradi etc. Sie sind in der Regel staatlich geführt; an einigen wirken gut ausgebildete kubanische Ärzte unterstützend mit. Daneben gibt es private Krankenhäuser, Medizinstationen oder Ärzte – zum Teil auch unter europäischer Führung.
Eine Gesundheits-/Krankenkasse gibt es zwar, aber außer einigen Angestellten und Beamten sind wenige Menschen darüber versichert - „Sozialversicherung“ ist die Familie. Beim Krankenhausbesuch ist es für den Großteil der Bevölkerung so, dass erst die Mittel der Finanzierung der Behandlung vorgewiesen werden müssen. Medikamente müssen selbst gekauft werden etc. Die Versorgung in den Krankenhäusern geschieht in der Regel durch Verwandte. Der Zustand der Krankenzimmer ist nicht sehr ermutigend: durchgelegene, verdreckte Matrazen, keine Leintücher etc. Wer die Finanzen hat, kann sich natürlich auch eine gute medizinische Versorgung leisten.
Der Niger gehört nach Angaben einer Nationalen Studie von 2002 mit 0,87% Seroprävalenz zu den Niedrigprävalenzländern. Das bedeutet, dass 0,87% der Bevölkerung zwischen 15 und 49 Jahren mit dem HI-Virus infiziert ist. Die Statistik von HIV/AIDS Infektionen
hängt allerdings von der Bereitschaft der Menschen ab, sich testen zu lassen, von der Möglichkeit des Gesundheitssystems, diese Testungen durch professionelle Strukturen durchführen zu lassen und diese auszuwerten, sowie infizierten Menschen Perspektiven anzubieten. Auf all diesen Ebenen gibt es in Niger erhebliche Mängel. Die Zahl der gemeldeten AIDS Fälle kann deshalb nicht als Indikator für die Ausbreitung der Pandemie gesehen werden. Fachleute, die in den Risikoregionen des Landes arbeiten, schätzen die Seroprävalenz vielmehr auf 5 bis 6 %. Maßnahmen zur Verbesserung der Gesundheitssituation
sind im Niger zahlreich. Aufklärungskampagnen finden auf verschiedenen Ebenen – intensiv durch Entwicklungsprogramme gefördert – statt: Radioemissionen, Theaterdarbietungen. Aber die Information und das Problembewusstsein lassen gerade auf dem Land mehr als zu wünschen übrig. Unterstützung der AIDS-Kranken und von Hinterbliebenen gibt es nicht nur auf staatlicher, sondern auch auf privater Ebene
.
Die weibliche Beschneidung wird im Niger nach wie vor praktiziert. Es engagieren sich weltweit Organisationen gegen diese Praktiken; seien es internationale wie UNFPA
oder nationale, dies zu unterbinden. Genitalverstümmelung
im Niger wird vor allem von der nigrischen ONG CONIPRAT (das Nigrische Komitee gegen traditionelle Praktiken) bekämpft. Nach einer Erhebung sind 5 % (nach offiziellen Zahlen) der jungen Mädchen (vor allem Songhai-Djerma, aber auch einge Fulbe-Gruppen) Opfer von Beschneidungen. Die Sensibilierungsmaßnahmen von CONIPRAT zielen darauf ab, Dorfchefs und Ehemänner über die gefährlichen Konsequenzen zu informieren, aber auch Beschneiderinnen neue Einkommensquellen zu verschaffen. Am 11. Juli 2003 nahmen die 53 Mitgliedstaaten der Afrikanischen Union
(AU) bei ihrem 2. Gipfeltreffen in Maputo ein Protokoll auf, welches vor allem für die Rechte von Frauen in Afrika als Regelwerk gelten soll. Das Maputo-Protokoll
soll Frauen vor jeder Form des Missbrauchs schützen. Als völkerrechtlicher Vertrag stellt das Protokoll einen wichtigen Bezugsrahmen auch in der Entwicklungszusammenarbeit dar.
Die kulturelle Identität der Bevölkerung Nigers liegt ganz klar auf der Ebene der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Ethnie. Zum Beispiel: selbst wenn ein Pullo (Singular von Fulbe) seine Muttersprache – das Fulfulde - nicht mehr sprechen kann und nur rudimentär versteht, in der Stadt groß geworden ist, nie ein Rind gehütet hat, so fühlt er sich doch ganz und gar als Mitglied dieser Ethnie. Er ist sozialisiert mit den Anforderungen dieser Kultur, mit den Tabus, Regeln und Pflichten. Und so definiert sich seine Zugehörigkeit. Zwar nehmen inter-ethnische Heiraten zu, aber dies wird von den „Alten“ nicht gutgeheißen, da das kulturelle Selbstverständnis anders sei. Viele junge Menschen sehen dies jedoch anders und wollen selbstverständlich ihre freie Wahl treffen bei der Wahl ihres Partners. Es gibt Scherzbeziehungen
zwischen verschiedenen Ethnien, die einen entspannten Umgang miteinander gewährleisten. Dies sind oft Konfliktvermeidungs- und Regelungsmechanismen.
In ländlichen Gegenden sind die kulturellen Traditionen und Ausdrucksformen nach wie vor existent und werden gelebt. Eine besondere Bedeutung kommt hierbei den Griots zu, die Geschichte und Geschichten einer Person, einer Gruppe, eines Dorfes etc. darbieten. Sie sind das kulturelle Gedächtnis, die Hauptbewahrer des oralen Wissens. Sie präsentieren ihre Gesänge aber auch zu ‚modernen’ Anlässen, binden aktuelle Themen mit ein und können als Außenseiter der Gesellschaft auch frei kritisieren.
Ein besonderes kulturelle Gemeinschaft stiftendes Element im Niger ist das traditionelle Ringen.
Fußball ist sozusagen der moderne Nationalsport Nummer 1, er schmiedet die Menschen verschiedener Ethnien und Geldbeutel zusammen, überall wird gebolzt, werden Bälle aus allen möglichen Materialien von den Jungen hergestellt, eigene Fussballschuhe sind ein ganz besonderer Schatz. Die Niederlage beim CAN 2012
gegen Tunesien in der letzten Minute durch einen Handfehler (ähnlich jenem Fehler von Maradona 1986) stimmt sozusagen die gesamte nigrische Nation traurig.
In den größeren Städten nehmen in den letzten Jahren die asiatischen Kampfsportarten zu, die bei der Jugend sehr beliebt sind.
Der Niger zeigt eine bunte Vielfalt traditioneller und moderner Kunst- und Handwerksschaffungen. In der Hauptstadt Niamey bietet sich das gesamte Spektrum nigrischer Handwerks- und Kunsthandwerksfertigkeiten. Schmiede
verarbeiten Bronze, Silber und Gold zu Schmuck, Tafelgeschirr und Tierfiguren. In ihren Arbeitsbereich fällt auch die Lederverarbeitung (Schuhe, Kissen, Anhänger, CD-Dosen etc.). Flechtarbeiten
(Untersetzer, Matten) werden vor allem von den Frauen erstellt. Wunderschöne Stickarbeiten der Woodaabe, bei denen Frauen und Männer diese Arbeiten ausführen, Steinarbeiten der Tuareg, Bandweberei und vieles mehr zeigt das Kaleidoskop. Einige Dörfer im Flussbereich sind für ihre guten Tonarbeiten bekannt. Im Nationalmuseum präsentieren sich die verschiedenen Handwerke. Niger nimmt regelmäßig an der internationalen Handwerksmesse SIAO
in Burkina Faso teil.
International bekannt sind die nigrischen FilmemacherInnen, wie Ramatou Keita "Aleesi une actrice africaine", Oumarou Ganda
"L'exilé", Moustapha Allasane, Inoussa Housseini etc. Der im Jahr 2004 verstorbene französische Ethnologe und Filmemacher Jean Rouch
hat sich seit den 50er Jahren für die nigrische Filmszene engagiert und regelmäßig mit nigrischen Filmemachern zusammengearbeitet. Jährlich im Februar finden in Niamey die "rétrospective du cinéma au Niger" statt.
Die bekanntesten nigrischen Autoren sind Boubou Hama
, Issa Ibrahim, Amadou Ousmane, Amadou Ide und der Dichter Hawad. Im Musikbereich sind vor allem folgende Gruppen international erfolgreich: Mamar Kassay,
Denke Denke, Abdalla Oumbadougou
, die Woodaabe-Tuareggruppe Etran Finatawa, die Rap-Band Was Was etc.
Bekannt ist auch der Begründer der nigrischen Modemesse FIMA
, der Modeschöpfer Alphadi
, der in sein Werk traditionelle Elemente nicht nur einbindet, sondern immer auf der Suche ist nach traditionellen Materialien, Gestaltungen etc., die er in seinen extravaganten Moden
verarbeitet.
Die "La Cure Salée
" (Salzkur) – traditionelle Zusammenkunft von Nomaden in den Gebieten salzhaltiger Weiden - wird immer stärker zu einem Kultur-Event, welches von Jahr zu Jahr mehr Touristen anzieht; ebenso wie die großen Versammlungen der Woodaabe nach der Regenzeit.
Das Spektakel der Francophonie
, welches im Dezember 2005 in Niger stattfand, ist immer wieder eine großes Ereignis, welches die francophonen Länder verbindet. Es fand im Niger nur gerad im Jahr einer großen Dürre statt.
Besondere Ereignisse stellen immer wieder interessante Fußball-Veranstaltungen dar, denn Fußball ist fast so etwas wei ein Nationalsport. So hatte das Qualifizierungsspiel
für den Afrika Cup 2012 vom 10. Oktober 2010 enorme Bedeutung für den Niger, der sich nun endlich einmal einspielen konnte. Am 14. November 2010 konnte die nigrische Mannschaft den starken Nachbarn Benin besiegen
.
Kunst zeigt sich täglich in den verschiedenen Bauwerken der Lehmarchitektur. Wenngleich die Tradition der Scraffiti nicht so verbreitet ist wie in anderen Regionen Afrikas. Jeder Getreidespeicher ist ein Kunstwerk. Leider ist der größte seiner Art im Niger dem Regen anheim gefallen – er maß wohl ca. 20m im Durchmesser.
Kunst zeigt sich im alltäglichen Handwerk der Frauen und Männer, die traditionelle Elemente mit modernen Elementen zu verbinden wissen, wie oben beim Flechtwerk einer Canary - Abdeckung. Kunst sind aber auch die traditionellen Wassergräben wie hier in Azelik, die wohl jetzt den Uranminen anheim fallen werden. Und Kunst am Bau sieht man allenthalben – nicht nur bei einer Moschee wie jener unten.
Der Islam ist die Hauptreligion im Niger, der 95 % der Bevölkerung angehören. Der in Westafrika, so auch im Niger, weist eher eine gemäßigte Erscheinung auf. Der Islam im Niger ist synkretistisch geprägt und weist einige Elemente traditioneller Religonen und des Volksglaubens auf. Der Marabout beispielsweise versteht sich auf den Islam, aber er kennt auch viel traditionelles Wissen und versteht sich auf die Heilkunst, weiß um die Kräuter und manches mehr. Nicht jeder Marabout hat dementsprechend den gleichen Ruf, andere sind weit über lokale und regionale Grenzen bekannt und werden von Menschen von weither aufgesucht. Moslem sein bedeutet, Mitglied der islamischen Gesellschaft "umma" zu sein. Der Islam prägt das Leben der Gesellschaft im Niger, zeigt aber nicht jene Präsenz und Lebensbestimmung wie beispielsweise im Norden Nigerias. Über die Praxis des Islam im Niger
gibt eine in Jahr 2006 durchgeführte Studie gute Auskunft. Wie in vielen anderen Religionen glaubt man an übernatürliche Kräfte. Häufig sucht man seinen "Marabout" auf. In Form von Amuletten, Opferbringung und dem Trinken von Koranversen versucht der Mensch, sich z.B. gegen den "bösen Blick" zu schützen.
Islamistische Bewegungen breiten sich auch im Niger aus, in erster Linie in den Regionen Zinder und Maradi und entlang der nigerianischen Grenze. Hier haben die Koranschulen enormen Zulauf, auch was den Anteil Mädchen betrifft, da man diese hier besser versorgt und im traditionellen und islamischen Sinn erzogen wähnt. Denn die Mädchen sollten, nach der Vorstellung des Großteils der Bevölkerung, sowieso heiraten und dafür ist zu viel Schulbildung nicht nötig, aber eine gute religiöse Erziehung. Im Niger sieht man jedoch wenig völlig verschleierte Frauen, wenngleich relativ viele Frauen und Mädchen mit Kopftuch, zum Teil sicher auch von der Mode geprägt.
Verschiedene christliche Kirchen und Gruppen existieren im Niger, so dass christlich geprägte Ausländer auch hier Zugang finden. Ob asiatische Religionen durch die stärkere Präsenz von Organisationen aus dem asiatischen Raum stärkeren Zulauf haben werden, ist noch nicht abzusehen.
Der nigrische Islam ist als gemäßigt zu bezeichnen; islamistische Strömungen sind die Ausnahme.
Der Islam bestimmt bei vielen Menschen den Tagesrhythmus. Offiziell betet ein Moslem/eine Muslima fünf Mal am Tag, aber viele Arbeitsrhythmen lassen es nicht wirklich zu, die Gebete können dann am Abend nachgeholt werden. Ebenso darf ein Mensch, der sich auf Reisen befindet, die Gebete nachholen. Einem kranken Menschen sind sie erlassen. Es beten aber nicht alle Menschen fünf Mal am Tag, auch wenn sie formal Moslems sind. Der Ramadan – das jährliche Fasten - wird von sehr vielen Menschen eingehalten und erstaunlicherweise auch von solchen Muslimen, die sonst eher unregelmäßig beten. Die größten Feste im Jahreslauf sind Ramadan und Tabaski, das Schafschlachtfest, welches auch von allen gefeiert wird. Diese Feste haben auch etwas Gemeinschaft stiftendes, denn man besucht sich beispielsweise zum Fasten brechen, am Tabaski wird von dem geschlachteten Schaf an die Nachbarn verteilt.
Dr. Antje Bartelsmeier, Pastoralistin aus dem Oberallgäu, ist Ethnologin und Dipl.-Ing. agr.
Seit 1993 in der Entwicklungszusammenarbeit tätig als Beraterin, Gutachterin und Wissenschaftlerin. Lehraufträge und Assistententätigkeiten an verschiedenen Institutionen.
Ich freue mich auf Ihre Anregungen, Kommentare, Kritik.
Weiterführende Literatur zu den Themen:
Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im Januar 2012 aktualisiert.
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