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Ruanda hat von April bis Juli 1994 einen schrecklichen Völkermord erlebt, der als größter Genozid seit dem Holocaust angesehen wird. Bis heute ist jede nennenswerte Entwicklungsaktivität, sei es in politischen, wirtschaftlichen wie soziokulturellen Bereichen, nach wie vor stark vom Genozid und seinen Auswirkungen geprägt.

Der Völkermord
in Ruanda, eine der blutigsten Tragödien überhaupt, fand vor den Augen der Weltöffentlichkeit statt. Er war von langer Hand geplant
und wurde mit unaussprechlicher Brutalität ausgeführt. Innerhalb weniger als drei Monaten wurde nahezu eine Million Menschen, also jeder 7. der damaligen Bevölkerung von 7 Millionen Einwohnern, ermordet.
Um ein fundiertes Verständnis des Genozids zu entwickeln führt der Weg der Ursachenforschung
über alle Etappen der Geschichte des Landes. Eine wichtige Rolle spielt dabei einerseits die aus dem kolonialen historischen Kontext entstandene ethnische (Hutu-Tutsi)
Polarisierung, andererseits die Veränderungen in der Weltpolitik, die umstrittene Rolle des Auslands
und vor allem die sozioökonomischen Aspekte (Bevölkerungsexplosion etc.) und die daraus resultierende Anfälligkeit der unter Armutsdruck stehenden Bevölkerung.
Ruanda hat eine jahrhundertealte Geschichte als Monarchie
, die sich auf eine Tutsi-Adelsklasse stützte, während der größte Teil der einfachen Bevölkerung aus Hutu bestand.

In der neueren Geschichte waren neben der Kolonisation, die das Land erst kurz vor 1900 erreichte,die Unabhängigkeit im Jahre 1962 und der Völkermord von 1994 die wichtigsten Ereignisse.

Ruanda war zusammen mit Burundi zunächst (bis 1916/18) Teil von Deutsch-Ostafrika
. 1916 besetzten belgische Truppen von Belgisch-Kongo aus das Land. Nach dem Ersten Weltkrieg erhielt Belgien das Mandat
zur Verwaltung von Ruanda-Urundi, zunächst vom Völkerbund, später der UNO.
Nach der Unabhängigkeit am 1. Juli 1962 folgten zunächst eine erste (1962-1973) und dann eine zweite Republik (Juli 1973-1994). Vor allem die erste Republik war begleitet von Massakern, Vertreibungen und Fluchtbewegungen von Batutsi. Seitdem lebten sie in den Nachbarnländern und in aller Welt. Von dort aus organisierten sie eine politische Opposition gegen Ruandas Regierung und bauten die Ruandische Patriotische Front (RPF)
, eine Rebellenarmee, auf.
Am 1. Oktober 1990 griff die RPF aus Uganda das Land an, um militärisch die Rückkehr von Flüchtlingen zu erzwingen. International vermittelte Verhandlungen führten zunächst zu einem Waffenstillstand im Juli 1992. Nach dem Friedensvertrag von Arusha
im Januar 1993 kam es aber mehr oder weniger zu einer politischen Blockade der Umsetzung der Vereinbarungen des Friedensvertrags. Radikale Kräfte waren nicht an der Kooperation mit dem Gegner in Übergangsstrukturen (Regierung, Parlament und Armee) bereit.
Am 6. April 1994 wurde das Flugzeug des damaligen Staatspräsidenten Juvenal Habyarimana beim Landeanflug in der Hauptstadt Kigali abgeschossen. Dies bot einer Gruppe von Regime-Hardliner aus dem nächsten Machtkreis des ermordeten Präsidenten den Anlass, den bereits ausgearbeiteten Plan zum Massenmord durchzuführen. Durch eingerichtete Propagandamedien
, vor allem durch den berüchtigten Mörder-Radiosender "Radio Milles Collines"
, ertönte der Aufruf zum Massenmord gegen die Tutsi und gegen die oppositionellen Hutu vorzugehen.

Vom 7. April bis Juni 1994 wurde daraufhin ein Völkermord an Tutsi begangen, begleitet von der Liquidation von dissidenten Bahutu. Die RPF nahm die Kampfhandlungen gegen das den Völkermord organisierende Regime wieder auf. Sie eroberte bis Juli den Norden, Osten und Südosten sowie die Hauptstadt, danach auch den zentralen und nördlichen Westen des Landes. Französische Truppen
besetzten vorübergehend den Südwesten des Landes (von Ostkongo aus kommend).
Unmittelbar danach fanden zwei Millionen Flüchtlinge ihren Weg in den Nachbarländern, darunter viele der Milizionäre und Völkermörder. Die internationale Gemeinschaft
und seine Hilfsorganisationen machten gleich den nächsten Fehler. Statt die friedliche Rückkehr der Hutu-Flüchtlinge
von Kongo nach Ruanda zu unterstützen legten sie schnell Flüchtlingslager an der Grenze an - eine Aktion die, im Sinne der Nothilfe, notwendig aber auch umstritten war. Sie transportierten Tonnen an Lebensmitteln nach Goma und sahen wieder dabei zu wie eine Situation entstand, die zum nächsten Krieg führte und zur bis heute andauernden Destabilisierung der gesamten Region der großen Seen
.
Sowohl die Tutsi - Könige der Epochen vor und während der Kolonialzeit als auch die Hutu - Machthaber (Kayibanda
und Habyarimana
) der Zeit während der Unabhängigkeitsbestrebungen und nach der Unabhängigkeit, werden von Teilen der Gesellschaft hauptsächlich mit einer regionalen u. ethnischen diskriminierenden Politik sowie mit Gräueltaten gegen Angehörige der anderen ethnischen Gruppe in Verbindung gebracht. Sie rufen oft extrem emotionale Ressentiments hervor. Eine unumstrittene Persönlichkeit der Geschichte Ruandas gibt es nicht.

Ruanda ist eine Präsidialrepublik. Die heutige Verfassung
wurde am 26. Mai 2003 durch ein Referendum mit 93% Ja-Stimmen angenommen bei einer überwältigenden Wahlbeteiligung von 89,9%. Sie ist seit 4. Juni 2003 in Kraft. Besonderheiten sind die Festlegung eines Spektrums von Institutionen, die geeignet sind, den Prozess der nationalen Einheit und Versöhnung zu fördern wie das Amt des "Ombudsmanns", die nationale Einheits- und Versöhnungskommission
sowie die Kommission zum Kampf gegen den Genozid.
Ferner wurde die Regel, gemäß der die parlamentarische Mehrheitspartei nicht mehr als 50% der Kabinettsmitglieder stellen darf, in der Verfassung verankert. Elemente moderner Einstellungen wie vor allem zu Gender-Fragen
finden darin Beachtung. So ist z.B. in der öffentlichen Verwaltung und im Parlament eine Frauenquote von 30% festgeschrieben. Im Ergebnis hat dies nach den Wahlen zu einer Vertretung von Frauen in der Nationalversammlung von über 50% geführt, der weltweit höchsten parlamentarischen Frauenvertretung.
Der Präsident wird in allgemeinen Wahlen bestimmt. Das Parlament besteht aus zwei Kammern, der Nationalversammlung und dem Senat. Die politischen Parteien versammeln sich im so genannten "Abstimmungsforum" (Forum de concertation), wo Beschlüsse im Konsens gefasst werden.
Die Justizeinrichtungen bestehen aus dem Obersten Gerichtshof (Cour Suprême), "la Haute cour de la République", den Provinzgerichtshöfen, den Gerichtshöfen der Distrikte sowie speziellen Einrichtungen: Gacaca, Militärgerichte, etc.
Ruanda hat in den letzten Jahren eine umfassende Verwaltungsreform
durchgeführt, die seit 1. Januar 2006 konkret greift. Bereits 2001 schaffte eine Kommunalreform
die Grundlage der Selbstverwaltung auf der Ebene der Distrikte.
Die Republik Ruanda ist seit Anfang 2006 in fünf statt wie bisher in zwölf Provinzen aufgeteilt. Vier nach den Himmelsrichtungen benannten neuen Provinzen und die Hauptstadt.
Die Provinzen (Intara) unterteilen sich wie bis dahin in Distrikte (Akarere) und Sektoren (Imirenge). Die früheren 121, dann 106 Distrikte wurden jedoch zu 30 einflussreicheren zusammengelegt. Auch die Sektoren wurden zusammengelegt und haben mehr Möglichkeiten zur Organisation und politischen Beteiligung erhalten. Statt 1545 gibt es seit Anfang 2006 500 Sektoren, in denen jeweils 15.000 bis ca. 20.000 Menschen leben.
Hintergrund dieser Reform ist der Genozid von 1994. Das frühere zentralistische System hat nach Überzeugung der aktuellen Regierung den Völkermord begünstigt, in dem geordnete, wirksame Gegenbewegung behindert wurde. Ziel der Reform ist mehr Beteiligung und Mitspracherechte der breiteren Masse der Bevölkerung an der Entwicklung des Landes zu erreichen.
Der sichtbare Erfolg des Dezentralisierungsprogramms
in Ruanda ist mehr der Durchsetzungsmacht ihrer autoritär auftretenden nationalen Regierung und weniger der Akzeptanz der Bevölkerung zuzuordnen.
Die politische Stabilität ist weitgehend hergestellt worden. Dies war unmittelbar nach 1994 Priorität der Regierung.
Die Regierung von Präsident Paul Kagame
setzt auf nationale Einheit. Seine RPF
hat als Regierungspartei das Land fest im Griff. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass die Eingliederung geflohener Hutu und vormals exilierter Tutsi funktioniert hat. Wichtigstes gesellschaftliches Thema, neben dem wirtschaftlichen Wiederaufbau des Landes, bleibt die juristische und gesellschaftliche Aufarbeitung des Völkermords.
Bis heute fordern einerseits Angehörigen der Opfer des Genozids Gerechtigkeit und Entschädigung. Oppositionelle Kräfte
auf der anderen Seite Gewissheit über die Rolle der damaligen Befreiungsarmee der RPF. Sie werfen den Regierenden außerdem einen ungerechten Umgang vor insbesondere mit Opfern die es auch auf der Seite der Volksgruppe der Hutu zu beklagen gab.

Für die Drahtzieher des Völkermords richtete die UNO noch 1994 den Internationalen Strafgerichtshof für Ruanda (International Criminal Tribunal for Rwanda, ICTR
) in Arusha im Norden des Nachbarlandes Tansania ein. Bisher
wurden trotz hoher finanzieller Ausgaben nur 34 von insgesamt 80 Angeklagten verurteilt. 8 wurden freigesprochen und 2 wegen mangelnden Beweisen freigelassen. 34 Verdächtige stehen noch vor Gericht, 2 von Ihnen warten im Gefängnis auf den Beginn ihres Prozesses. 2 Angeklagte haben den Prozess nicht überlebt (Stand: September 2010).
In Ruanda haben ordentliche Gerichte in den ersten 10 Jahren erst ca. 10.000 Urteile gesprochen. Dabei saßen bis dahin 80.000 Verdächtige im Gefängnis. Im August 2005 wurden 36.000 Häftlinge mit der Begründung, dass sie ihre Mitschuld gestanden haben, auf freien Fuß gesetzt. Schnell wurde jedoch klar, dass die nationalen und internationalen Versuche, Mittäter des Genozids zu verurteilen, die Erwartungen nicht erfüllen konnten.
Mangels Alternativen entschied sich die Regierung 1999 aus pragmatischer Notwendigkeit, für die Revitalisierung der so genannten "Gacaca"
, eine traditionelle Form von Gerichtsverfahren. Dieser neue Versuch der Regierung die Wahrheit zu finden und Täter zu bestrafen, kam nur mühsam zu Stande.
Seit März 2005 arbeiteten rund 12000 Gacaca-Gerichte über das ganze Land verteilt. 2006 traten diese oft kontrovers
diskutierten Dorfgerichte
in die Entscheidungsphase ein und warfen erneut ihren langen Schatten auf das angestrebte friedliche Zusammenleben der Bevölkerung voraus. Es bestand die Gefahr dass die Gerichte Schauplatz eines persönlichen Rachefeldzuges würden oder zum persönlichen wirtschaftlichen Vorteil missbraucht würden. Zweifel kamen in der Tat immer wieder durch einige ungerechte Urteile auf.
Die Gacaca-Tribunale werden ihre Arbeit Ende 2012 abschliessen. Das Strafmaß
für Verurteilte variiert zwischen Lebenslange Gefängnisstrafe und Reparationszahlungen bzw. gemeinnütziger Arbeit.
Die innenpolitische Lage
in Ruanda wird weiterhin von den Folgen des Völkermords von 1994 geprägt. Wichtigstes Thema bleibt das Dezentralisierungsprogramm der Regierung, das auch einen Faktor der politischen Demokratisierung darstellt. Durch Kommunalwahlen und Kompetenzverlagerung auf untere Ebenen wird die Bevölkerung zunehmend in die politischen Entscheidungsprozesse eingebunden.
Nach dem Völkermord und militärischen Sieg hat die "Ruandische Patriotische Front" (RPF) am 19. Juli 1994 eine Koalitionsregierung gebildet. Pasteur Bizimungu
wurde zum Präsidenten ernannt. Es folgte eine Übergangsphase mit am Arusha-Vertrag angelehnten Übergangsregierungen, die bis 2003 dauerte.
Von 1994 bis 2003 besaß Ruanda ein Übergangsparlament mit nur einer Kammer und 70 Sitzen. Gegründet wurde es am 12. Dezember 1994 durch ein Abkommen mehrerer Parteien. Die Mitglieder wurden durch die Verträge von Arusha bestimmt.
Politische Organisationen waren bis 2003 verboten. Dementsprechend fanden erst im August und September 2003 die ersten Nachkriegswahlen für Parlament und Präsidentenamt
statt. Aus den Wahlen ist die dominierende Partei RPF mit einer überwältigenden Mehrheit (73%) hervorgegangen. Der RPF-Kandidat und amtierende Präsident Kagame bekam über 95% der Stimmen. Vor allem der Wahlkampf war weder frei noch gerecht.
Seitdem besteht das Parlament
in Ruanda aus zwei Kammern: der Chamber of Deputies mit 80 Sitzen und dem Senat mit 26 Sitzen. Amtierender Präsident
und damit Staatschef ist seit April 2000 Paul Kagame (FPR). Er setzt den Regierungschef und seine Minister ein. Der Präsident wird alle 7 Jahre direkt vom Volk gewählt.
Die letzten Parlamentswahlen fanden planmäßig, zum zweiten Mal
nach dem neuen Anfang 1994, statt. Gewählt wurden im September 2008 die 80 Mitglieder des Abgeordnetenhauses sowie im September 2011, 14 der 26 Sanatoren des Zwei-Kammer-Parlaments.
Die Wahlergebnisse
haben erwartungsgemäß zu keiner Überraschung geführt. Die übermächtige regierende Partei RPF baute ihre Dominanz in den gewählten Institutionen weiter aus. Mit einem Zuwachs von rund 5 Prozent auf 78,7 Prozent gewann das RPF-geführte Parteienbündnis die Parlamentswahlen deutlich.
Die Frauenquote
stieg von bisher 48 auf 56 Prozent. Somit bekam Ruanda als erstes Land der Welt ein Parlament, dessen Abgeordnete mehrheitlich Frauen sind. Mit Rose Mukantabana wurde die erste Parlamentpräsidentin
gekürt.
Alle Parteien waren zuvor an der Regierung beteiligt und haben im Wahlkampf
hauptsächlich ihre Gemeinsamkeiten betont. Eine richtige Opposition gibt es in der ruandischen Parteienlandschaft nicht.
Auch wenn es keine Wahlpflicht in Ruanda gibt, liegt die Wahlbeteiligung mit über 95 Prozent extrem hoch. Der Druck, an kollektiven gesellschaftlichen Prozessen, wie eben wählen zu gehen, ist sehr hoch, Grund ist die überwiegende Angst und Ungewissheit bei der Bevölkerung vor eventuellen späteren Folgen.
Die letzten Präsidentschaftswahlen
fanden planmäßig am 9. August 2010 statt. Schon im Vorfeld bestand kein Zweifel daran, dass der amtierende Präsident Kagame diese Präsidentschaftswahlen, zum zweiten Mal nach dem Völkermord von 1994, haushoch gewinnen würde, laut amtlichem Endergebnis
mit 93,08 %. Bemerkenswert waren die landesweit friedliche Stimmung beim Urnengang sowie eine fast hundertprozentige Wahlbeteiligung.
Schon während der Wahlkampfphase
demonstrierte Präsident Paul Kagame, Kandidat der übermächtigen Regierungspartei RPF, seine deutliche Überlegenheit. Mit großem Gefolge in militanter Stimmung hielt er überwältigende Wahlkampfveranstaltungen mit Volksfestcharakter ab. Alle 30 Distrikte des Landes überboten sich mit Rekordzahlen an Beteiligten. Dagegen konnten die drei weiteren Kandidaten
jeweils nur bescheidene Menschenmengen um sich versammeln.
Das ungewöhnlich gute Wahlergebnis für Kagame wurde im In- und Ausland insgesamt anerkannt. Eine kontroverse Berichterstattung resultierte dagegen aus den Begleitumständen des vorangegangenen Wahlkampfes
. Mal wurde der siegreiche Paul Kagame
mit besonderen Meriten als Visionär gelobt, mal wurde er von einigen seiner Kritikern als Diktator beschimpft. Das Ansehen Kagames in der internationalen Gemeinschaft ist äußerst zwiespältig. Zwar wird die dynamische Entwicklung des Landes durch Kagame gelobt, jedoch wird die mangelnde Meinungsfreiheit und Nichteinhaltung demokratischer Rechte kritisiert.
Das staatliche Presseamt ORINFOR betreibt Radio Rwanda
(ein UKW- und KW-Programm) sowie das staatliche Fernsehen und im Schriftbereich die Wochenzeitung IMVAHO
(nur auf Kinyarwanda) und die 14-tägig erscheinende Zeitung NOUVELLE RELEVE
. Die auflagenstärksten Zeitungen sind neben IMVAHO die Militärzeitung INGABO (monatlich) und die katholische 14-tägig erscheinende Zeitung Kinyamateka.
Oppositionszeitungen sind UMUSESO und UMUCO. Englischsprachig erscheint New Times
(dreimal pro Woche), Newsline und Focus, bzw. französischsprachig Grands Lacs Hebdo (alle wöchentlich). Die Presseagentur RNA
(Rwanda News Agency) veröffentlicht Pressedepeschen. Deutsche Welle, RFI
, BBC
und Voice of America
sind in Kigali über UKW zu empfangen.
Pressefreiheit
ist nicht garantiert. Einheimische Journalisten, die gegenüber der Regierung eine kritische Haltung einnehmen, gehen ein hohes Risiko ein. Es hat in der Vergangenheit mehrere Fälle von Gewalt gegen Journalisten
gegeben. Eine positive Entwicklung stellt das öffentliche Treffen von Journalisten aller Couleur mit dem Präsidenten dar, welches regelmäßig (einmal im Monat) stattfindet. Dabei kann man letzter Zeit zunehmend die Bereitschaft bei Journalisten beobachten, auch unbequeme Themen direkt anzusprechen
Eine positive Meldung ist die vollständige Abschaffung der Todesstrafe
im Juli 2007. Die Abschaffung der Todesstrafe sei ausschließlich aus nationalem politischem Interesse erfolgt. Damit ist das größte Hindernis für eine Überweisung von Angeklagten durch das Internationale Strafgericht für Ruanda an die Justiz in Kigali beseitigt. Auch die Strafe der ca. 600 Menschen, die derzeit wegen Genozids zum Tode verurteilt sind, sollen nun in lebenslängliche Haftstrafen umgewandelt werden. Die Menschenrechtslage
in Ruanda bleibt dennoch im Allgemeinen kritisch. Problematisch bleibt die Situation in den überfüllten Gefängnissen. Insassen müssen jahrelang oft weder mit regulären Akten noch konkreter Beweisführung auf Gerichtsverhandlungen warten. Fälle von Amts- bzw. Machtmissbrauch sowie ungeklärte Fälle von verschwundenen Personen sind keine Seltenheit. Eine mögliche Verwicklung in den Genozid liefert dazu immer wieder eine bequeme Begründung.
Ruandas Regierung geht regelmäßig, selbst in der Elite, immer wieder hart gegen Korruption vor. Eine spektakuläre Verhaftung dieser Art stellt der Gerichtsprozess gegen den mächtigen Bankier Alfred Kalisa
dar. Ihm werden u.a als Bankchef die Vergabe vieler "Insiderkredite" ohne ausreichende Sicherheiten vorgeworfen. Der Fall Kalisa ist allerdings auch politischer Natur. Als langjähriger Berater des Präsidenten und Mitwisser, vor allem im Zusammenhang mit dem Kongokrieg, sind seine Chancen auf einen fairen Prozess gering.
Der im April 2002 verhaftete frühere Staatspräsident Bizimungu
wurde wegen illegaler politischer Aktivitäten und des Schürens ethnischer Gegensätze im Juni 2004 zu 15 Jahren Haft verurteilt, wurde aber inzwischen durch eine Amnestie des Präsidenten wieder frei gelassen.
Eine 1999 gegründete nationale Menschenrechtskommission
verfügt über Untersuchungs- und Interventionsbefugnisse, es bestehen allerdings berechtigte Zweifel an der Effizienz der Kommission und ihrer Regierungsunabhängigkeit.
Im Dachverband CLADHO (Collectif des Ligues et Associations de Défense des Droits de l'Homme) sind fünf nichtstaatliche Menschenrechtsorganisationen vereint. LIPRODHOR
(Ligue Rwandaise pour la Promotion et la Défense des Droits de l'Homme) wirkt im Justizbereich ebenso wie die LDGL
(Ligue pour les droits de l´Homme dans la region des Grands Lacs) als regierungskritische, unabhängige Organisation. IBUKA
(Association des rescapés du Génocide) nimmt sich der Interessenvertretung der Genozidüberlebenden an.
Anfang 2008 hatte Ruanda eine Reihe hochrangiger offizieller Besuche zu verzeichnen. Zunächst kam der UN Generalsekretär Ban Ki-Moon
Ende Januar, gefolgt im Februar von Bundespräsident Horst Köhler
und US Präsident George Bush
.
Am 6. Februar 2008 stellte ein spanischer Untersuchungsrichter Haftbefehle
gegen vierzig hochrangige Militärs der ruandischen Armee aus. Hintergrund war eine Klage von neun spanischen Familien, die diese wegen der Ermordung von Spaniern zu unterschiedlichen Zeitpunkten in Ruanda und Kongo, eingereicht hatten. Präsident Kagame, der ebenfalls auf der Liste der Angeklagten steht, aber als Staatschef Immunität genießt, hat daraufhin die Anschuldigungen vehement zurück gewiesen und die spanische Justiz als arrogant bezeichnet.
Bei der Ende 2006 stattgefundenen Eskalation des diplomatischen Konflikts zwischen Paris und Kigali zeichnete sich Ende November 2009 überraschend Entspannung ab. Beide Länder meldeten am 29. November 2009 ihre Entscheidung diplomatische Beziehungen wieder aufnehmen. Die neue französische Regierung von Nicolas Sarkozy, insbesondere der Außenminister Bernard Kouchner, war bemüht eine Lösung des Konflikts herbeizuführen.
Ruanda hatte am 24. November 2006 beschlossen sämtliche diplomatischen Beziehungen zu Frankreich
abzubrechen. Der französische Botschafter musste innerhalb von 24 Stunden das Land verlassen.
Auslöser war, wie schon mal 2004, ein Untersuchungsbericht von Jean-Louis Bruguière
, ein französischer Antiterrorismus-Richter. In dem 64-seitigen Dokument verlangt er die Ausstellung von Haftbefehlen gegen neun führende Persönlichkeiten in Ruanda, die allesamt zur früheren Rebellenführung der RPF und bis heute zur näheren oder ferneren Umgebung von Präsident Paul Kagamé gehören. Ursächlich dafür ist die seit Jahren anhaltende Polemik um die Rolle Frankreichs während des Völkermords im Frühjahr 1994.
Im Gegensatz zu Belgien
, den USA
und den Vereinten Nationen
(die seit 2000 eine Selbstkritik leisteten, weil sie nichts gegen den Völkermord unternommen hatten) hat Frankreich
bislang keine Entschuldigung gegenüber Ruanda abgelegt.
Am 29. November 2009 wurde Ruanda als 54. Mitglied in den Commonwealth
aufgenommen. Diese positive Entscheidung auf den mit Schwierigkeiten behafteten Aufnahmeantrag
fiel am Tag der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zu Frankreich.



Die Regionalpolitik wird seit einigen Jahren vom Konflikt im Osten der Demokratischen Republik Kongo
geprägt. Von dort aus operiert die gegenüber der ruandischen Regierung feindliche Rebellenarmee der "Front de Libération du Rwanda (FDLR)"
.
Im so genannten ersten afrikanischen Weltkrieg
, der dem Völkermord in Ruanda folgte, standen sich vor ein paar Jahren noch Ruanda, Uganda und Burundi in der Demokratischen Republik Kongo, Kongo, Angola, Zimbabwe und Namibia auf dem Schlachtfeld gegenüber.
Immer wieder kam es zu massiven Flüchtlingsbewegungen
. Millionen von Flüchtlingen, Binnenvertriebenen und Rückkehrern leben dort unter dramatischen Bedingungen. Nahezu vier Millionen Menschen kamen ums Leben.
Der zweite Konferenz der Großen Seen
hat Anfang Dezember 2006 einen Pakt für Sicherheit, Stabilität und Entwicklung in Zentral- und Ostafrika ausgehandelt.
Eine weitere wichtige Meldung ist der Beitritt Ruandas und Burundis
im Juni 2007 in die Ostafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft (EAC)
. Das Verhältnis zu den ostafrikanischen Nachbarn wird grundsätzlich vom Streben nach regionaler Integration beherrscht.
Die Beziehungen zu Deutschland
sind seit der kurzen kolonialen Vergangenheit (1898-1916) bis heute gut geblieben. Diese eher kurze koloniale Besatzung Deutschlands verbindet man in Ruanda überwiegend mit positiveren Erinnerungen, wie z.B. mit Bauplänen einer regionalen Eisenbahnlinie. Deutschland genießt ein hohes Ansehen als Partner ohne eigennütziges Interesse. Zwischen dem Bundesland Rheinland-Pfalz und Ruanda besteht bereits seit 28 Jahren eine Länderpartnerschaft
besonderer Art.
Jacques Nshimyumukiza
ist Architekt und in seinem Fachgebiet Umwelt- und Raumplanung als Consultant tätig. Nebenberuflich organisiert und leitet er Projekt- und Studienreisen nach Ruanda, hauptsächlich im Rahmen der langjährigen Länderpartnerschaft zwischen Ruanda und dem Bundesland Rheinland-Pfalz. Seit 2002 ist er als Landeskunde-Tutor für Ruanda und Burundi bei der GIZ tätig.
Auf Anregungen und Kommentare würde ich mich sehr freuen
Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im Dezember 2011 aktualisiert.
Weiterführende Literatur zu den Themen:
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