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Gesellschaftlich betrachtet ist die Bevölkerung Tadschikistans ausgesprochen heterogen zusammengesetzt. Beim näheren Hinsehen – und das Bürgerkriegsgeschehen von 1992-1997 hat dies nur unterstrichen – sind eine ganze Reihe von mehr oder minder scharf ausgeprägten Bruchlinien entlang ethnischer, regionaler und lokaler Identitäten - aufsteigend patrilinearer Familienverbände (avlod), Clanwesen, Jahrgangsgruppen und Nachbarschaftsgemeinschaften zu erkennen. Diese Heterogenität ist nicht zuletzt historisch und topographisch begründet. Tadschikistan bildete durch seine Gebirgigkeit über Jahrtausende hinweg einen menschlichen Rückzugsraum (ein guter Indikator hierfür ist z.B., dass sich in einigen entlegenen Bergregionen noch Bevölkerungsreste finden, die ostiranische Sprachen
sprechen). Großangelegte Umsiedlungsaktionen, Migrations- und Emigrationsprozesse trugen im 20. Jahrhundert noch ein Übriges zur Fragmentiertheit der Einwohnerschaft des Landes bei. Gegen diese Erscheinung vermochten Bemühungen um die Bildung einer einheitlichen Nation der Tadschiken, die rund 65 Jahre lang unter sowjetischer Herrschaft liefen und bis heute auf teilweise recht ähnliche Weise fortgesetzt werden, nur begrenzt etwas auszurichten.


Der Bürgerkrieg 1992-1997 hat dem fragilen Sozialgefüge Tadschikistans in vielerlei Hinsicht schweren Schaden zugefügt. Nicht nur, dass er die genannten gesellschaftlichen Bruchlinien aufriss sowie erhebliche Migrations- und Fluchtbewegungen auslöste, sondern er trug auch bedeutend dazu bei, dass nun weite Teile der Bevölkerung in grobe Armut gestürzt sind.
Das Bevölkerungswachstum wird derzeit auf etwas über 2% pro Jahr geschätzt; fast die Hälfte der Bevölkerung ist unter 20 Jahre alt; mehr als 70% leben auf dem Lande; die dort herrschenden niedrigen Einkommen und Beschäftigungslosigkeit sind der Hauptgrund für eine extrem hohe Arbeitsmigration. Letztere hat zwar zur Folge, dass durch die Geldtransfers der Migranten fehlende oder mangelhafte Sozialleistungen kompensiert werden, und mithin maßgeblich zum Sinken der Armutsrate beigetragen haben, aber die Arbeitsmigration zieht auch gesellschaftlich negative Auswirkungen nach sich. Da über 70% der Migranten verheiratet sind, ist nicht nur das Phänomen vieler von Frauen geführter Haushalte und eine Feminisierung der Landwirtschaft zu beobachten, sondern in den letzten Jahren hat auch die Anzahl zurückgelassener oder gar verlassener Frauen bedeutend zugenommen, die rechtlichen Problemen, Armut und sozialer Stigmatisierung ausgesetzt sind. Erste Schätzungen
gehen von 2-300.000 solcher Problemfälle aus.
Die Analphabetismusrate wird offiziell mit unter 1% angegeben, dürfte aber höher liegen (in einer Sommer 2006 erschienenen Studie zum Bildungswesen ist auf der Basis einer offiziellen Statistik von 12% die Rede). Die Armut auf der einen Seite und die Mängel im Gesundheitswesen auf der anderen schlagen sich in erhöhter Kindersterblichkeit (2007 laut Statistik 67 bis zum Alter von 5 Jahren auf 1000 Geburten) und verminderter Lebenserwartung (durchschnittlich ca. 67 Jahre) nieder. – Eine erste breitangelegte Bestandsaufnahme der sozio-ökonomischen Lage
Tadschikistans ist 2005 unter der Ägide der Weltbank fertiggestellt worden. Die aktuellste offizielle Datenerhebung erfolgte 2007 im eingeschränkten Rahmen eines Survey des Lebensstandards
.
Geschlechterverhältnis
Im Gender Gap Index
des Weltwirtschaftsforums rangiert Tadschikistan 2009 auf Platz 87 unter 134 Staaten und im Global Gender Gap Report
für 2011 auf Platz 96 von 135 - mit etwas Abstand vor Ländern des Nahen und Mittleren Ostens, aber auch mit einigem Abstand hinter anderen ehemaligen Sowjetrepubliken Zentralasiens. Dies Ergebnis deckt sich mit dem Befund, dass in Tadschikistan seit den 1990er Jahren eine Rückkehr der Frau in althergebrachte Rollenmuster
unter patriarchaler Dominanz zu beobachten ist. Für diese Entwicklung lassen sich wenigstens zwei begünstigende Faktoren benennen: das Bürgerkriegsgeschehen 1992-97 und die hohe Armutsrate. Die damit verbundenen allgemeinen und spezifischen Probleme haben auch die Aufmerksamkeit der UN-Frauenorganisation
und des USAID
auf sich gezogen – sinkende Partizipation von Frauen am gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Leben; geringeres Einkommen für gleiche Arbeit; mangelhafter Schutz vor Gewalt
, insbesondere auch häuslicher
; Früh- und Zwangsverheiratung, Polygamie (mittlerweile soll jeder 10. Mann mehrere Frauen haben)...
Zu spezifischen Schwierigkeiten in Tadschikistan gehören der fühlbare Anteil an Haushalten, die notgedrungenermaßen allein von Frauen
geführt werden; stark erschwerter Landerwerb für Frauen (Frauen stellen 70% der Arbeitskräfte in der Landwirtschaft, aber nur 1% sind Landeigentümerinnen); sinkender Frauenanteil in Politik und Verwaltung (4% bzw. 11%; gegen diesen Trend hat sich Mai 2011 eine parteiübergreifende Gruppe von Politikerinnen
formiert); fehlender (gesetzlicher) Schutz bei nicht staatlich registrierten (rein religiösen) Eheschließungen und für (laut Gesetz illegale) Zweit- und Drittfrauen.
Obwohl schon seit rund einem Jahrzehnt das Bildungswesen
zu einem prioritären Ziel entwicklungspolitischer Maßnahmen geworden ist, erscheint die Lage in diesem einst, zu sowjetischer Zeit gut ausgebauten Sektor nach wie vor bedenklich – Tadschikistan läuft Gefahr, seines "Humankapitals" verlustig zu gehen und eine verlorene Generation zu erzeugen:
Gemäß den Befunden eines August 2006 vorgelegten Strategiepapiers
des Bildungsministeriums (in Zusammenarbeit mit der Weltbank, ADB und UNICEF
erstellt) hat sich in der Konsequenz u.a. ergeben, dass mittlerweile unter den 20-30jährigen ein wesentlich niedrigerer Bildungsgrad als unter den über 40-jährigen herrscht. Angesichts solcher Defizite scheint ein 2003-2008 in 5 ausgewählten Distrikten angelaufenes, bis 2013 verlängertes und mit über 24 Mio US$ gefördertes Modernisierungsprojekt
des Bildungswesens durch die Weltbank, das zum moderaten Ziel hatte, einen weiteren Abstieg des Bildungswesens zu vermeiden, eher ein Tropfen auf den heißen Stein zu sein. Erfolge bei der Rehabilitierung und Modernisierung stellen sich nur zögerlich ein, auch etwa im Bereich der verstärkt in den Fokus geratenen Aus- und Fortbildung
von Erwachsenen. 2010 hat sich das Bildungsministerium an die Ausarbeitung einer neuen Nationalen Entwicklungsstrategie des Bildungswesens gemacht. Die langgeplante Herausgabe neuer Schulbücher ist auf 2013 verschoben. Seit vielen Jahren auch im Bildungsbereich stark engagiert ist die Agha Khan Stiftung
, die sich unter anderem auch durch die Gründung einer länderübergreifenden Zentralasiatischen Universität
für die entlegenen Bergregionen hervorgetan hat.
Ähnlich wie im Bildungsbereich haben zu niedrige Gehälter und ein geringer Haushaltsetat im staatlich geführten Gesundheitssektor
zu einer erheblichen Erosion geführt: Missmanagement, Personalmangel, sinkende Qualifikation, fehlende technische Ausstattung, Zerfall bestehender Einrichtungen und hohe Korruption (nach Angaben im zweiten Armutsstrategiepapier (von 2007) sollen 70% der finanziellen Ausstattung des Gesundheitsbereichs aus "inoffiziellen Privatzahlungen" resultieren). Besonders stark vom Verfall betroffen ist die medizinische Grundversorgung im ländlichen Raum. Diese Umstände tragen zweifelsohne zu der erhöhten Kindersterblichkeit und gesunkenen Lebenserwartung bei, ebenso wie zu einer verstärkten Gefahr der Ausbreitung von Seuchen und Infektionskrankheiten (AIDS
ist in Tadschikistan noch kein Faktor von gravierender Bedeutung; bedenklich stimmt allerdings, dass sich die Infizierungsrate in den letzten Jahren vervielfacht hat). Schon seit 1992 ist die WHO
vor Ort vertreten und hat jüngst ihre Zusammenarbeit mit der Regierung in gesundheitspolitischen Grundfragen noch einmal für 2010-11 vertraglich festgezurrt
- Stärkung der Kernfunktionen des Gesundheitssystems, Mutter-Kindschutz, Bekämpfung und Prävention von chronischen und Infektionskrankheiten. Auch wenn derzeit sich 108 Geber in einer Vielzahl von Projekten engagieren, so ist eine grundlegende Gesundheitsreform noch nicht erfolgt. Wie eine Studie des Gesundheitssystems
von 2010 zeigt, befand sich eine übergreifende Strategie 2009 noch in Vorbereitung, ein Gesetz zur Pflichtversicherung ist erst 2010 verabschiedet worden und der Gesundheitssektor leidet immer noch unter chronischer Unterfinanzierung, schlechter Qualität und geringer Nutzung.
Nicht zuletzt aufgrund der schwierigen äußeren Bedingungen, aber auch durch den Wegfall des sowjetischen Systemdrucks sind inner-gesellschaftliche Wertvorstellungen und Fragen der Weltanschauung in Tadschikistan seit den 1990er Jahren verschiedentlich ins Rutschen geraten.




Was westlichen Betrachtern an Tadschikistan als gewachsen orientalisch-islamisch mit irgendwie aufgesetzten Kennzeichen von Modernität erscheinen mag und sie demgemäß handeln lässt, ist dortiger Selbstwahrnehmung entsprechend – zumindest teilweise – eine Fehleinschätzung: "Der Westen soll uns [ehemalige zentralasiatische Sowjetrepubliken] als europäische Staaten anerkennen, aber mit muslimischen Kulturen" (Zitat eines Beraters des tadschikischen Präsidenten). Diese Aussage mag auf eine Ausfluchtsmöglichkeit gegenüber unliebsamen Begehren des Westens deuten, darf aber auch als ein Hinweis darauf verstanden werden, dass die Abfolge mehrerer, sowjetisch geprägter Generationen zu einer Herausbildung "neuer" Traditionen geführt hat, die nun gleichberechtigt neben "alten" bestehen.
Das "Alte" hat sich über die sowjetische Zeit im Gewand sogenannter nationaler Traditionen gehalten, jedoch auch starke Einbußen erlitten, z.B. durch einen Wechsel von der arabischen zur lateinischen (um 1930) und dann zur kyrillischen Schrift (um 1940) oder durch scharfe Verfolgungen religiöser Erscheinungen. Seit Ende der 1980er Jahre setzte ein rapides Wiederaufleben der Religion im öffentlichen Raum ein, das sich zunächst einmal hauptsächlich auf eine freie Glaubensausübung der Muslime konzentrierte, aber auch von einem steigenden Interesse am "politischen Islam" begleitet war. Der Verlauf des Bürgerkriegs 1992-97 setzte so ausgerichteten Interessen einen merklichen Dämpfer auf. Jenseits dessen ist ein klarer gesellschaftlicher Trend zum "friedlichen Islam" zu beobachten.
Für die meisten Tadschiken ist der Islam zumindest als eine Facette ihrer Kultur und im Bereich zentraler Ereignisse des Lebens (Geburt, Hochzeit, Tod) wichtig. Unter Jugendlichen lässt sich heutzutage bemerken, dass der Islam als Wertegeber, in spiritueller Hinsicht und als individuelle innere Erfahrung eine größere Rolle spielt als zuvor. In der religiösen Praxis ("Volksislam") verbreitet sind esoterische Vorstellungen, das Erleben des Göttlichen (in Träumen), Amulettwesen, Wahrsagerei und Heiligenkult. Außerdem bilden mit dem Islam assoziierte Vorstellungen seit jeher ein bedeutendes Fundament für zahlreiche Aspekte der gesellschaftlichen Moral und Normen. Dieser Bedeutung der Religion im Alltag hat etwa die Regierung, mit ihrem betont säkularen Anspruch, angesichts des allgemeinen Verfalls und schlechter Lebensbedingungen wertemäßig wenig entgegenzusetzen, zumal sie sich bis dato gegenüber öffentlichen Formen der Religionsausübung restriktiv
verhält und schon beim geringsten Verdacht auf Extremismus hart durchgreift. Zuletzt wurde 2009 das Wirken von Vertretern der Salafiya
verboten. Unter strikter Kontrolle stehen Einrichtungen des offiziösen Islam - die Moscheen, die 19 Madrasas (islamische Hochschulen) und ein "Islamisches Institut". Daneben existiert in einer Grauzone das weitverbreitete Phänomen privater religiöser Unterweisung – offiziell verboten und neuerdings auch unter Strafe gestellt (für Unterweisung bis zu 12 Jahre, für Teilnahme bis zu 8 Jahre Gefängnis), aber offenbar dennoch unter der Bevölkerung geschätzt. Welche Rolle das Phänomen von weit über 1000 Islamstudenten im muslimischen Ausland bei den Entwicklungen im Lande spielt, liegt weitgehend im Dunkeln, auch wenn gegen Ende 2010 der Präsident die fraglichen Auslandsstudenten mit dem Argument zur Rückkehr aufgefordert hat, dass sie an ihren Studienorten (z.B. der renommierten al-Azhar in Kairo) auf die Bahn des islamistischen Extremismus gebracht würden. Im vorläufigen Ergebnis dieser präsidialen Kampagne, sollen über 1500 Auslandsstudenten zurückgekehrt sein, sind aber ohne Arbeit... Ein kürzlich verabschiedetes neues Gesetz schreibt vor, dass Jugendliche unter 18 Jahren nicht in Moscheen oder Kirchen beten dürfen und eine säkulare Schule besuchen müssen.

Wie in der Gesellschaft und Alltagskultur so ist auch bei den Künsten ein Nebeneinanderher, Verschmelzung und wechselseitige Beeinflussung von traditionellen und westlichen Techniken, Formen und Genres zu verzeichnen – eine Folge der rd. 70 Jahre Sowjetherrschaft und der unter ihr favorisierten streng akademischen (westlichen) künstlerischen Ausbildung. Trotz eines starken Wegzugs, insbesondere auch von talentierten Künstlern, die seit den 1990er Jahren vorzugsweise ihr Glück im Ausland und auf dem internationalen Markt suchen, hat Tadschikistan noch immer Beachtenswertes zu bieten. Ein Blick auf altes und neues Kunst- und Kulturschaffen lässt sich über Naison
(= April; hier in der Bedeutung von "Frühling" verwendet) oder bei Tajik Artists
erhaschen. Als Ausbildungsstätte bietet sich das Staatliche Institut für Kunst
an. Mit der nötigen Geduld bzw. mit einer hinreichend schnellen Verbindung lässt sich z. B. auch diverse tadschikische Musik
aus dem Internet herunterladen. Zuvörderst von aktuelleren Erwägungen geleitet und von einst sowjetischen Vorstellungen eines nationalen Erbes geprägt dürfte sein, dass Tadschikistan eine ganze Reihe von archäologischen Stätten, Kultur- und Naturdenkmälern auf die Anwärterliste
zum UNESCO-Weltkulturerbe gesetzt hat.


Reinhard Eisener
Dr.phil., geb. 1956, Studium der Islamkunde, Iranistik und Geschichte. Seit den 1970er Jahren kontinuierlich Reisen und Forschungsaufenthalte im Nahen und Mittleren Osten, Russland und Zentralasien; zahlreiche Fachpublikationen.
Über Kommentare und Anregungen freue ich mich stets.

Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im März 2012 aktualisiert.
Portal zu Islam im Cyberspace
Literatur zu gesellschaftlichen Verhältnissen
in Tajikistan
Stephan, Manja: Das Bedürfnis nach Ausgewogenheit Moralerziehung, Islam und Muslimsein in Tadschikistan zwischen Säkularisierung und religiöser Rückbesinnung. Würzburg 2010
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