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Tadschikistan gehört gewiss nicht zu jenen Ländern, von denen jeder auf Anhieb weiß, wo sie liegen. Bis zum Tage seiner Unabhängigkeitserklärung (9. September 1991) war es eine kleine, stark von Moskaus Unterstützung abhängige Sowjetrepublik, die ein Schattendasein im äußersten Süden der UdSSR führte.
Neben weiteren, thematischen Karten
bei ReliefWeb ist insbesondere der plastische Eindruck von der Oberflächenbeschaffenheit aus der Satellitenperspektive
erhellend.
Tadschikistan ist ein kleiner Binnenstaat im Süden Zentralasiens mit einer West-Ost-Ausdehnung von 700 km und von Nord nach Süd erstreckt es sich über 350 km. Seine Fläche wird allerorten mit 143.100 km² angegeben (muss eigentlich 142.100 km² lauten, da 2002 Tadschikistan vertraglich 1.000 km² im Pamir an China abgetreten hat, das im Gegenzug auf weitere 28.000 km² Gebietsansprüche verzichtete; das zugehörige Protokoll wurde Januar 2011 vom Tadschikischen Parlament ratifiziert). Dies entspricht etwas mehr als einem Drittel der Fläche Deutschlands. – Tadschikistan grenzt im Westen und Norden an Uzbekistan (ca. 1330 km), im Norden an Kirgizstan (ca. 980 km), im Osten an China (ca. 520 km), und im Süden an Afghanistan (ca. 1340 km).
Historisch-politische Geographie
Als territorial-staatliche Einheit existiert Tadschikistan seit 1924 (in seinen heutigen Grenzen seit 1929), als es innerhalb des einheitlichen Gefüges der Sowjetunion als eine "nationale Republik" geschaffen wurde. Gewissermaßen im Widerspruch zu dieser staatlichen Einheit steht seine starke naturräumliche Zerklüftetheit. Hohe Gebirgsriegel zerschneiden das Land in distinkte Regionen, mit wenig Flachland (im Südwesten und Norden) sowie verteilt auf eine ganze Reihe von abgeschiedenen Tälern.

Die historisch-geographischen Hauptregionen des Landes spiegeln sich noch heute in seiner administrativen Großgliederung wider: 1) die Provinz Sughd im Norden (Teil des Beckens von Fergana, stand seit der 2. Hälfte des 19. Jh. unter russischer Herrschaft); 2) die Provinz Chatlon im Süden, und 3) nach Westen und Norden orientiert die "Gebiete unter direkter Regierungshoheit" in Zentraltadschikistan (die Regionen unter Pkt. 2) und 3) gehörten beide in Form einiger kleiner Statthalterschaften zu dem bis 1920 existierenden Emirat von Buchara); 4) die Autonome Provinz Berg-Badachschan (die Talausgänge zum Oberlauf des Oxus im Süwesten Badachschans gehörten einst noch zu Buchara, das Hochgebirge und Plateau der Pamire aber zum Zarenreich).
Umfängliche Zusammenstellungen von Basisdaten
zu Tadschikistan bieten zum Beispiel die Library of Congress oder die auf das Sammeln von Informationen
einschlägig spezialisierte CIA an. Darüber hinaus empfehlenswert sind statistische Daten
der Vereinten Nationen sowie ein breites, mehr entwicklungspolitisch orientiertes Länderprofil
bei der FAO.
Fotographische Impressionen
hat in größerem Umfang Mikhail Romanyuk ins Netz gestellt oder auch z.B. die deutsche Zeitschrift Wostok
. Seit einigen Jahren finden sich in zunehmendem Maße auch Videoclips
aus und über Tadschikistan im WWW.
Auch wenn Tadschikistan flächenmäßig ein recht kleines Land ist, so gestaltet sich doch sein Naturraum ausgesprochen extrem und abwechslungsreich. Gut 90% seines Territoriums sind gebirgig, wobei fast die Hälfte des Landes mehr als 3.000 m ü.M. liegt. Der höchste Punkt ist der Qullai Ismoili Somoni (7.495 m), der niedrigste liegt am Fluss Syr Darya
(300 m), der aus dem Becken von Ferghana
kommend das Land im Norden durchquert. Der Norden (die Provinz Sughd
) wird von ost-westlichen Ausläufern des Alai-Gebirges
gleich einem mächtigen Riegel von Zentral- und Südtadschikistan abgetrennt. Im Osten nimmt rund ein Drittel des Staatsterritoriums der Hochgebirgsknoten der Pamire
ein. Die Gebirgsmassive Tadschikistans sind von einer ganzen Reihe von tief eingeschnittenen Tälern durchzogen. Nach Westen hin läuft die Bergwelt allmählich in Vorgebirge und Hügellandschaften aus, die – außer im Südwesten – erst jenseits der Staatsgrenzen in die zentralasiatischen Steppen und Wüsten übergehen.
An Wasser herrscht im Prinzip kein Mangel. Fast 60% der Ressourcen der zentralasiatischen Region liegen in Tadschikistan. Dort gibt es über 900 Flüsse, die mehr als 10 km lang sind, insgesamt 28.500 km. Der Wasserablauf (pro Jahr mehrere km³) erfolgt nach Westen in Richtung des heute weitgehend ausgetrockneten Aralsees
und wird durch zahlreiche Gletscher reguliert, die mehr als 8.000 km² Fläche, mithin rund 6% des Landes bedecken. Unter diesen befindet sich mit dem Fedchenko-Gletscher
einer der größten der Welt. – Die Hauptflüsse sind der Syr Darya im Norden und der Pandsch (Oberlauf des Amu Darya
) im Süden entlang der afghanischen Grenze, zu dessen breitem Einzugsbereich u.a. die für Südwest-Tadschikistan wirtschaftlich wichtigen (Wasserkraft, Irrigation) Nebenflüsse Vachsch und Kafirnihon zählen. Aus dem Gebirgsriegel zwischen Zentral- und Nordtadschikistan nimmt der Zaravschon seinen Lauf nach Westen, wo er in Uzbekistan für die Bewässerung der Flussoasen Samarkand und Buchara sorgt und sich dann verliert.
Klima
Tadschikistan befindet sich in der subtropischen Zone mit kontinentalem Klima
, je nach Höhenlage arid bis semiarid, lange heiße bis kurze warme Sommer, kurze milde bis lange strenge Winter. Die Wechsel zwischen den Hauptjahreszeiten erfolgen relativ abrupt. In Zahlen ausgedrückt: die Jahresniederschlagsmengen liegen im Tiefland und den Tälern bei 100-200 mm (auf dem Hochplateau des Ostpamir z.B. auch deutlich unter 100 mm), in einzelnen Gipfelregionen der Gebirge können aber auch 2.000 mm überschritten werden. Die Temperaturextreme reichen in Tieflagen von um die 0°C im Winter bis an +50°C im Sommer, im Hochgebirge bewegen sich die Extreme von +10-20°C im Sommer bis zu punktuell an die -60°C im Winter.
Natürliche Ressourcen
Trotz des Wasserüberflusses und der zu Hochwasserzeiten (Schnee- und Gletscherschmelze im Frühjahr und Sommer) von den Flüssen mitgeführten Sedimente, die über die Jahrtausende für fruchtbare Böden im Tiefland und den Tälern sorgten, beträgt die ackerbaulich nutzbare Fläche Tadschikistans nur etwas über 6% seines Territoriums. Sein Wasserkraftpotenzial ist enorm (auf 527 Terawatt geschätzt), wird derzeit aber zu weniger als 4% genutzt. Auch mit Bodenschätzen ist Tadschikistan reich gesegnet (fossile Brennstoffe, Gold, Silber, Zink, Blei, Quecksilber, Antimon, Wismut, Molybdän, Wolfram u.a. seltene Metalle, Edelsteine und Mineralien), jedoch viele der Lagerstätten sind nur schwer erschließbar.
Fauna und Flora
Die naturräumlichen Extreme Tadschikistans schlagen sich auch in der Gestaltung einer reichhaltigen Tier- und Pflanzenwelt nieder – eine der Attraktionen
des Landes, über das sich gleich einem Mosaik unterschiedliche Ökosysteme
mit großer Biodiversität
ausbreiten. Die Spannweite der Vegetation
erstreckt sich von tropisch über arid und alpin bis zu polar. Unter den rund 5.000 höheren und 3.000 niederen Pflanzenarten zählen Dutzende als endemisch, und es finden sich allein ca. 400 Heilpflanzen, die nicht nur in der traditionellen Medizin verwendet werden. Die ökologisch produktivsten Bedingungen bieten Berg- und Auenwälder (Tugai
) sowie alpine Wiesen.
Bei aller Reichhaltigkeit der Natur ist allerdings auch zu verzeichnen, dass derzeit nur noch etwa 3% des Landes bewaldet
sind. Die Auenwälder, die bis in die 1950er Jahre noch Tiger beherbergten, sind in den letzten 80 Jahren auf etwa ein Fünftel ihrer ursprünglichen Größe geschrumpft, und schließlich leiden die Wälder und Wiesen u.a. unter Folgen von Überweidung. Zwar stehen 21% des Landes unter Naturschutz, aber dies zuvörderst nur auf dem Papier. Die Folgen von illegaler Holzgewinnung, Wilderei und anderer zivilisatorischer Eingriffe sind unübersehbar. So stehen beispielsweise von den 84 registrierten Säugetierarten mittlerweile 42 auf der Roten Liste der seltenen und bedrohten Spezies – darunter der Schneeleopard
und das Marco Polo Schaf
.
Im Environmental Performance Index
für 2012 wird Tadschikistan auf Platz 121 unter 132 Ländern eingestuft. Es findet sich damit im hinteren Feld unter den schwächsten Kandidaten wieder. Ein solches Ranking ist sicherlich relativ zu nehmen, da es gerade bei Entwicklungsländern häufig einer soliden Datenbasis ermangelt. Aber erste Bestandsaufnahmen
um die Jahrtausendwende deuten auf teilweise empfindliche ökologische Störungen in Tadschikistan hin, sowohl durch Altlasten als auch durch Vernachlässigung und Raubbau seit den 1990er Jahren.
Flächenübergreifende Hauptumweltprobleme
sind Wasserverschmutzung (Abwasser, Eintrag toxischer Stoffe) und Bodenverschlechterung (Erosion, Versalzung, Desertifikation) sowie Entwaldung
und schwindende Biodiversität
. Eher punktuell stellt sich die Frage der Verschmutzung durch unsachgemäß deponierten Haus- und Industriemüll, etwa im Fall der Hauptstadt
oder der riesigen Altlast von Uran-Abfalldeponien
im Norden des Landes. Umweltschutz
und ein Bewusstsein dafür sind in vielen Bereichen noch gering ausgebildet. Laut einer Mai 2008 publizierten Studie der Weltbank beliefen sich die (theoretischen) Kosten für Umweltschäden 2006 auf 9,5% des BIP. Im gleichen Jahr 2006 legte die Tadschikische Regierung einen Umweltaktionsplan
vor, der die Tragweite der Problematik gut zu erkennen gibt, aber schon allein angesichts der schieren Größe der Aufgaben bislang kaum ansatzweise
zur Umsetzung gekommen ist.
Neuere Beobachtungen zeigen, dass die fragile Natur Tadschikistans sehr empfindlich auf Klimaveränderungen
oder Folgen des Klimawandels
reagiert. Da das Land in einer Zone hoher seismischer Aktivität
liegt, ist es einem hohen Risiko von Naturkastrophen
(Erdrutsche, Schnee- und Schlammlawinen) ausgesetzt, das durch ökologische Veränderungen noch erhöht
wird.
Duschanbe – Vorstadtstraßen aus den 1970-1980er Jahren


Mit rund 52 EW/km² weist Tadschikistan gemessen am Weltmaßstab eine durchschnittliche Bevölkerungsdichte auf. Diese verteilt sich jedoch sehr ungleich: 100-150 EW/km² im Tiefland, 1-5 EW/km² in den Gebirgsregionen. Fast ¾ der Bevölkerung leben im ländlichen Raum, wobei Tadschikistan zur Zeit weniger als die Hälfte seines Nahrungsmittelbedarfs aus eigenem Anbau decken kann. An größeren Städten von über 100.000 EW verzeichnet das Land nur zwei: 1) die Hauptstadt Duschanbe
mit laut Statistik rund 650.000 EW (halboffiziellen Angaben zufolge um einiges mehr), die seit Ende der 1920er Jahre aus einem kleinen Marktflecken heraus entwickelt wurde, und 2) die Metropole des Nordens Chudschand
mit an die 150.000 EW – eine Gründung Alexanders des Großen und zu sowjetischen Zeiten Zentrum einer bedeutenden Industrieregion.
Die zerklüftete Topographie Tadschikistans setzt seiner verkehrstechnischen Erschließbarkeit enge Grenzen bzw. gestaltet diese sehr aufwendig. Das vorhandene Netzwerk an Straßen (rund 14.000 km, wovon 29% asphaltiert sind), Eisenbahnen (680 km Hauptlinien, zwischen denen wesentliche Verbindungen über das Nachbarland Uzbekistan laufen) und an Flughäfen (ingesamt 34, davon 4 mit festen Landebahnen, vom Rest sind nur 13 betriebsbereit) wurde zu Zeiten der Sowjetunion angelegt und ist seit den 1990er Jahren zunehmend in Verfall geraten. Die Transport- und Logistikkosten (90% des Passagier- und 68% des Güterverkehrs laufen über die Straße) zählen zu den höchsten der Welt. Wiederherstellung und Ausbau
der Verkehrsinfrastruktur werden lange Zeit in Anspruch nehmen, sind jedoch seit einigen Jahren spürbar angegangen worden, z.B. im Rahmen eines regionsweit geplanten Transportkorridorsystems
zwischen Asien und Europa.

)Die Staatsflagge Tadschikistans (rechteckiges Tuch im Verhältnis 1:2) besteht aus drei Längsstreifen, oben Rot und unten Grün in jeweils gleicher Breite, dazwischen anderthalbmal so breit ein weißer Streifen. In der Mitte des weißen Streifens befindet sich eine stilisierte goldene Krone mit 7 halbkreisförmig darüber angeordneten fünfzackigen Sternen. Die Farbe Grün steht für das Flachland und die Täler Tadschikistans, Weiß für Baumwolle, die als Hauptreichtum der Republik betrachtet wird, und für den Schnee und die Gletscher der Hochgebirge. Rot symbolisiert Völkerfreundschaft und die Einigkeit Tadschikistans.
Das Staatswappen (seit 28.12.1993) besteht aus einer Krone mit 7 Sternen darüber (s. auch Flagge) vor den Strahlen einer hinter Bergen mit schneebedeckten Gipfeln aufgehenden Sonne, die von einem Kranz aus Weizenähren und einem Baumwollzweig mit geöffneten Fruchtkapseln umrahmt sind. Der Kranz ist von einem Band in den Landesfarben umwunden und im unteren Teil von einem Buch überdeckt, das auf einem Lesegestell ruht.
Im Text
der Nationalhymne (am 7.9.1994 angenommen; ihre Melodie ist per Mausklick auf die Klaviertasten links zu hören) werden Wohl und Glück des freien Tadschikistan sowie innige Verbundenheit mit dem Vaterland besungen
.

Einen augenscheinlichen Bestandteil des offiziellen nationalen Selbstverständnisses bildet die Verknüpfung tadschikischer Staatlichkeit mit der historischen Herrschaft der iranischen Dynastie der Samaniden
in Transoxanien (9.-10. Jh.). In dies Selbstverständnis sind die heute in Nordostiran und in Afghanistan lebenden Tadschiken miteingeschlossen (ohne dabei expansionistische Absichten zu hegen). Das nebenstehend abgebildete Denkmal (Quelle: www.tajnet.com) des ersten unabhängigen Samanidenherrschers Ismo'il ibn Ahmad
(reg. 892-907) wurde anläßlich der 1999 abgehaltenen 1100-Jahrfeier der Samanidenherrschaft errichtet. Es steht an zentraler Stelle in der Hauptstadt Duschanbe, gegenüber dem Parlamentsgebäude.
Auf den untenstehenden Abbildungen ist zu sehen, was zuvor an gleicher Stelle auf dem selben Platz stand:



Reinhard Eisener
Dr.phil., geb. 1956, Studium der Islamkunde, Iranistik und Geschichte. Seit den 1970er Jahren kontinuierlich Reisen und Forschungsaufenthalte im Nahen und Mittleren Osten, Russland und Zentralasien; zahlreiche Fachpublikationen.
Über Kommentare und Anregungen freue ich mich stets.

Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im März 2012 aktualisiert.
Literatur zu Geographie und Umwelt
Tadschikistans
R.Middleton/H.Thomas: Tajikistan and the High Pamirs: A compagnion and Guide. 2.Aufl., 2011
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