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Zementfabrik in Duschanbe, © R.Eisener

Wirtschaft und Entwicklung

BeschreibungInhalt
geschätztes BIP:5,64 Mrd. US-$ (2010)
Pro Kopf Einkommen (Kaufkraftparität):1937 US-$ (2011)
Rang der menschlichen Entwicklung (HDI):Rang 127 von 187 (2011)
Anteil Armut (unter 2,15 $ pro Tag):47,2% (2009)
Einkommensverteilung (Gini-Koeffizient):29,4 (2011)
Anteil alphabetisierte Erwachsene:99% (2011)

Tadschikistan

Landesflagge Tadschikistan

Rückblick

In den ersten Jahren der staatlichen Souveränität trat die Wirtschaft Tadschikistans eine rasante Talfahrt an. Bis Mitte der 1990er Jahre fiel die landwirtschaftliche und industrielle Produktion auf etwa ein Drittel des Niveaus von 1991. Etliche Industriezweige kamen gänzlich zum erliegen. Im gleichen Zuge setzte eine unkontrollierte Staatsverschuldung begleitet von einer Hyperinflation ein.

Graphik Bruttoinlandsprodukt
Vergleichende Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts, 1989=100 (Quelle: ADB, Falkingham 2000)

Die wesentlichen Ursachen für diesen Niedergang finden sich: 1) im Zusammenbruch der Sowjetunion – Wegfall von Subventionen in Höhe der Hälfte des tadschikischen Staatshaushalts; Verlust von innersowjetischen Märkten, auf die Tadschikistan einseitig planerisch ausgerichtet war, und 2) in Auswirkungen des Bürgerkriegs 1992-97, dem Zehntausende zum Opfer fielen, der Hunderttausende in die Flucht trieb, und der laut Regierungsangaben 7 Mrd. US$ Schaden verursachte.

Die allergröbsten Folgen dieser Misere wurden für die Bevölkerung zunächst einmal durch Nothilfeprogramme und -aktionen einschlägiger internationaler Organisationen aufgefangen. Erst mit Ende der 1990er Jahre konnte sich allmählich auch praktisch der Trend durchsetzen, von der humanitären Hilfe weg- und zu Projekten der Ernährungssicherung und EZ hinzukommen. Im gleichen Zeitraum begannen bzw. verstärkten sich Aktivitäten zum Wiederaufbau und zur Entwicklung Tadschikistan seitens großer multilateraler Geber wie der Weltbank (WB), dem Internationalen Währungsfond (IMF), der Asiatischen Entwicklungsbank (ADB), und der Europäischen Bank für Wiederaufbau (EBRD). Nicht zuletzt im Zuge dieses Engagements begannen die von außen kommenden Entwicklungsbemühungen klarere Konturen anzunehmen und in einer sektoral gegliederten Strategie nachdrücklicher verfolgt zu werden.

Graphik EZ
Entwicklungszusammenarbeit sektoral 2008 (Quelle: Aid Coordination Unit)

Wachstum versus Stagnation

Die merkliche Verbesserung der Sicherheitslage im Land auf der einen Seite sowie Folgen des "11. September" 2001 auf der anderen Seite unterstützten, dass Tadschikistan mit der Jahrtausendwende gesamtwirtschaftlich gesehen in eine Phase des Wachstums eintrat.

Graphik Wirtschaftswachstum
Wirtschaftswachstum 1991-2006

Graphik BIP
Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts, 2005-2012 (Quelle: GTAI)

Das anhaltende, im Zuge der internationalen Finanzkrise lediglich gebremste Wirtschaftswachstum mag als Indikator einer gewissen Konsolidierung zu verstehen sein, entbehrt aber weitgehend einer soliden Grundlage. Es ist in erster Linie makroökonomisch begründet und basiert zu einem überaus hohen Prozentsatz auf Arbeitsmigration sowie zwei Exportgütern, die beide in bis heute staatseigenen Betrieben hergestellt werden: Aluminium (sorgt für rund die Hälfte der Exporterlöse, wobei aber Tadschikistan selbst über keine abbauwürdigen Bauxitvorkommen verfügt, sondern lediglich über eine riesige AluminiumschmelzeÖffnet externen Link in neuem Fenster aus sowjetischer Zeit), und Baumwolle (macht rd. 15% des Exports aus). Die Preise für diese Güter auf dem Weltmarkt sind unbeständig. Die einseitige Zusammensetzung der Exporterlöse setzte sich über die Jahre fort, auch wenn statistisch ein zunehmender Anteil des Dienstleistungssektors am BIP zu konstatitieren ist, welcher aber hinsichtlich der makroökonomischen Stabilität offenbar keine rechte Wirkung zeigt..

Grafik Wachstum
Quellen des Wachstums, in % nach Sektoren gewichtet (Quelle: ADB)
Grafik Export
(Quelle: IWF)

Graphik BIP sektoral
BIP sektoral 1990-2009 (Quelle: Weltbank)

Die RücktransfersÖffnet externen Link in neuem Fenster tadschikischer Arbeitsmigranten sind ein Wachstumsfaktor, der seit 2004 unversehens zu erheblicher Bedeutung aufgestiegen ist. Aus der Not der Bevölkerung geboren, hat das Phänomen ArbeitsmigrationÖffnet externen Link in neuem Fenster im Lauf der Jahre gewaltige Dimensionen angenommen. Es wird geschätzt, dass 2008 von gut 1,5 Mio Arbeitsmigranten (98% davon nach Russland) an die 2,5 Mrd. US$ (praktisch die Hälfte des BIP) nach Tadschikistan und dort zu einem guten Teil in privaten KonsumÖffnet externen Link in neuem Fenster, aber auch kleinere Privatinvestitionen geflossen sind.

Grafik Rücktransfers
Rücktransfers der Arbeitsmigranten (Quelle: IWF)
Grafik Rücktransfers

Langfristig aber ist die tadschikische ArbeitsmigrationÖffnet externen Link in neuem Fenster eher als ein wirtschaftlicher Risikofaktor einzustufen (Abhängigkeit vom russischen Markt; hohe soziale Kosten; fehlender (qualifizierter) lokaler Arbeitsmarkt gepaart mit mangelnden Reformen im Privatsektor macht das Land für Direktinvestoren unattraktiv...). Weitere Risiken bergen die seit 2005 wieder steigenden Außenschulden (Mitte 2011 auf über 2 Mrd. US$ beziffert), die zunehmend negative Handelsbilanz, und dass sich staatliche Investitionen fast ausschließlich aus Entwicklungshilfe finanzieren.

Der Weg Tadschikistans zu hinreichender wirtschaftlicher EigenständigkeitÖffnet externen Link in neuem Fenster und Stabilität ist noch weit, zumal sich an der binnenwirtschaftlichen Basis nach wie vor wenig substantielle Veränderungen ergeben. Es ist ein Niedriglohnland mit weitverbreiteter und tiefer Armut (das durchschnittliche Monatsgehalt wurde seitens der Regierung für Anfang 2008 mit 44 US$ angegeben, der minimale Warenkorb damals mit 62 US$ bewertet. Nach einer Erhebung der Weltbank lebten 1999 rd. 80% der Bevölkerung unter dem Existenzminimum, darunter ca. 17% in extremer Armut. Aktuellere SchätzungenÖffnet externen Link in neuem Fenster geben den Bevölkerungsanteil unterhalb der Armutslinie von 41 US$ pro Monat mit 53% an, wobei sich bedenkenswerterweise der Prozentsatz der Bevölkerung in extremer Armut, insbesondere auf dem LandÖffnet externen Link in neuem Fenster, praktisch nicht verändert hat.

Tadschikistans mangelhafte und überalterte Infrastruktur ist trotz einiger Reparatur- und Verbesserungsprojekte an den Hauptverbindungen in jüngerer Zeit nach wie vor von Verfallserscheinungen gezeichnet. So wird z.B. innerhalb einer Studie der ADB von 2011 zum Transportsektor TadschikistansÖffnet externen Link in neuem Fenster festgestellt, dass 80% der ca. 14.000 km Straßen mehr als reparaturbedürftig sind. – Das staatliche Bildungs- und Gesundheitswesen leidet schon länger laufenden Reformbemühungen zum Trotz unter groben Mängeln. – Es herrscht hohe Arbeitslosigkeit (offiziell um die 2,5%, laut Weltbank und Arbeitsministerium betrug sie jedoch 2008 33% und nach inoffiziellen Schätzungen bis zu 40%; die Jugendarbeitslosigkeit soll, besonders in den ländlichen Gebieten bei teilweise über 60% liegen). – Kinderarbeit ist mittlerweile zu einem Phänomen von Bedeutung geworden. Schätzungen sprechen von 10.000den Kindern, die auf diese Weise zum Überleben ihrer Familien beitragen. In jüngerer Zeit hierzu erstellte StudienÖffnet externen Link in neuem Fenster zeigen, dass regierungsseitige Verbote von Kinderarbeit im Grundsatz nicht viel bewirkt haben. Etwa das Verbot von Schüler- und StudentenarbeitÖffnet externen Link in neuem Fenster bei der Baumwollernte (von 2010) führte zwar behördlicherseits weitgehend dazu, keine Kinder mehr auf die Felder zu schicken, aber arme Haushalte können offenbar auf eine solche Aufbesserung ihres Einkommens schlecht verzichten. – Zu guter Letzt bleibt festzuhalten, dass eine gravierend hohe Zahl an Fachkräften und gut ausgebildeten Spezialisten bereits in den 1990er Jahren das Land verlassen hat und bis heute nicht ersetzt werden konnte. Zweifelsohne erschwert dieses Phänomen die Umsetzung von Modernisierungsvorhaben.

Schattenwirtschaft
Zwei problematische Wirtschaftsfaktoren von unbestimmter Größe stellen seit Jahren Korruption und Drogenhandel vor (2007 wurden rund 5,2 Tonnen Rauschgift, darunter 2,5 Tonnen Opium und 1,5 Tonnen Heroin konfisziertÖffnet externen Link in neuem Fenster, im 1.Halbjahr 2010 waren es 2 t Rauschgift, darunter 540 kg Heroin. Dies wird auf einen nur geringen Anteil an derjenigen Menge von Drogen geschätzt, die das Land im Transit von AfghanistanÖffnet externen Link in neuem Fenster her passieren). Transparency International listet Tadschikistan im Corruption Perceptions IndexÖffnet externen Link in neuem Fenster für 2011 auf Platz 152 von 183. Eine 2007 vom UNDP veröffentlichte Studie zur SchattenwirtschaftÖffnet externen Link in neuem Fenster beziffert den informellen Sektor für 2005 auf 60,93% des BSP (32,98% Steuerhinterziehungen, 14,74% Eigenproduktion und -konsum von Nahrungsmitteln, 13,21% Schwarzarbeit und Tauschgeschäfte), wobei Einkünfte aus kriminellen Aktivitäten bei dieser Studie nicht berücksichtigt wurden. Zur Frage der Korruption im Land hat das Strategische Forschungszentrum unter dem Präsidenten 2006 einen eigenen Survey der öffentlichen MeinungÖffnet externen Link in neuem Fenster vorgelegt und 2010 dazu eine NachfolgeuntersuchungÖffnet externen Link in neuem Fenster durchgeführt. Aus letzterer geht hervor, dass seit 2006 der Anteil korrupter Dienstleistungen von 60% auf 83% gestiegen ist, das Risiko in eine Bestechungssituation zu geraten von 31% auf 46%, und Forderungen nach Bestechung sind von 25% auf 40% gewachsen. Als korrupteste Strukturen gelten: die Verkehrspolizei (32,3%), medizinische Einrichtungen (30,6%), Institutionen für Höhere Bildung (23,9%) und die Antkorruptionsbehörde (21,4%).

Investitionsklima
Die von der Tadschikischen Regierung nach außenhin signalisierte Reformbereitschaft ist aufs engste mit der Werbung von Gebern und Investoren verbunden. Wegen schlechter Regierungsführung und mangelhaften Investitionsklimas herrscht auf jener Seite jedoch merkliche Zurückhaltung. Private ausländische Direktinvestitionen stagnieren seit Jahren auf dem sehr niedrigen Niveau von unter 5% des BIP. Im Index of Economic FreedomÖffnet externen Link in neuem Fenster rangiert Tadschikistan 2012 auf Platz 129 unter 179 Ländern. Der Doing Business ReportÖffnet externen Link in neuem Fenster der Weltbank stuft das Land für 2012 hinsichtlich seiner Geschäftsfreundlichkeit auf Platz 147 von 183 Staaten ein, wobei es z.B. in den Rubriken "grenzüberschreitender Handel", "Kreditaufnahme" und "Baugenehmigungsverfahren" jeweils an 177. Stelle landete. Zur Frage des dementsprechend schwach ausgebildeten Sektors der Kleinen und Mittleren UnternehmenÖffnet externen Link in neuem Fenster, des schlechten Investitionsklimas und der mangelnden strukturellen Reformen nahm 2006 die International Finance CorporationÖffnet externen Link in neuem Fenster der Weltbankgruppe ausführlich Stellung. Eine NachfolgeuntersuchungÖffnet externen Link in neuem Fenster von 2009 zeigt, dass sich an der Schwäche des KMU-Sektors in diesem Zeitraum grundlegend kaum etwas geändert hat, auch wenn mittlerweile in ihm 50% aller Erwerbstätigen im Lande beschäftigt sind und im Lauf der letzten 10 Jahre eine Vielzahl an Mikrofinanz-EinrichtungenÖffnet externen Link in neuem Fenster aktiv geworden ist.

Gegen ein solch abträgliches Image versucht naturgemäß die Regierung anzuwirken, z.B. indem 2007 das "Aid Coordination Unit beim Präsidenten" in ein Staatskomitee für Investment und StaatseigentumsmanagementÖffnet externen Link in neuem Fenster umgewandelt wurde, das neben der Wahrnehmung seiner ursprünglichen Aufgaben nun auf einer speziellen Website mit InvestitionsmöglichkeitenÖffnet externen Link in neuem Fenster in Tadschikistan wirbt. Gezielt um deutsche Investoren wirbt eine tadschikische HandelsvertretungÖffnet externen Link in neuem Fenster.

Industrie und Landwirtschaft

Zementfabrik
Zementfabrik in Duschanbe (Foto: © R.Eisener)
Kartoffelernte
Kartoffelernte im Rascht-Tal (Foto: © R.Eisener)

Wirtschaftsziele
Gemessen an den noch sehr mangelhaften Rahmenbedingungen erscheinen die Pläne der Regierung zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes äußerst hochfliegend. Die Planer setzen auf eine regionale und internationale Vermarktung natürlicher Ressourcen (Wasser und Hydroenergie, Gold, Silber, Kohle, Zink, seltene Metalle, Edelsteine) und hochwertiger Landwirtschaftserzeugnisse bzw. deren Weiterverarbeitung (Baumwolle, Textilien, Obst, Gemüse). Durchaus Unterstützung fanden so gerichtete Vorstellungen in der Strategie der WeltbankÖffnet externen Link in neuem Fenster für die Jahre 2006-2009. Deren wesentliche Eckpunkte liefen hinaus auf: 1) die Möglichkeiten für die Entfaltung unternehmerischer Tätigkeiten auf dem Lande und in der Stadt zu verbessern, 2) die Qualität des Humankapitals zu erhalten und zu verbessern, und 3) das Wasserkraftpotential zu nutzen. Hieran hat die Weltbank in ihrer neuen Strategie für 2010-2013Öffnet externen Link in neuem Fenster nur insofern etwas geändert, als sie nun entschieden für eine Abkehr vom Baumwollanbau zugunsten eigener Nahrungsmittelproduktion eintritt.

Karte Wasserkraftpotential
Wasserkraftpotential

Karte Wasserkraftwerke
Wasserkraftwerke (ca. 2006; Quelle: Tadschikisches Außenministerium)

Neben Wiederbelebungsmaßnahmen für einst sowjetische Großprojekte: Staudammbau in RoghunÖffnet externen Link in neuem Fenster (3600 Megawatt, erfordert Investionen in Milliardenhöhe; dem russischen Großinvestor RusAl wurde im September 2007 von der Tadschikischen Regierung der Vertrag gekündigt) und Sangtuda I (700 Megawatt; dieses Projekt konnte Sommer 2009 mithilfe einer 75%-igen russischen Beteiligung abgeschlossen werden; der tadschikischen Eigenanteil ist nicht bezahlt) sind inzwischen die Planungen bei ganzen Kaskaden von Staudämmen und Kraftwerken an den Flüssen Tadschikistans angelangt. Um mit dem Staudammbau in RoghunÖffnet externen Link in neuem Fenster weiterzukommen, hatte die Regierung Ende 2009 die Bevölkerung dazu aufgerufen, Anteilsscheine an diesem Projekt zu kaufen. Im Zuge dieser Aktion konnten bis Sommer 2010 über 180 Mio US$ eingenommen werden. Allerdings soll dabei der Anteilskauf – insbesondere bei Staatsbediensteten – teilweise unter Zwang erfolgt sein. Der IWF hat daraufhin diese Form der Projektfinanzierung unter Hinweis auf negative Folgen für das Wachstum und die Sozialindikatoren kritisiert, und schließlich vermochte die Weltbank nicht nur dieser Aktion ein Ende zu setzten, die ihrer Meinung nach zu einer Erhöhung der Armutsrate um 2% geführt hat, sondern konnte auch einen vorübergehenden Baustop in Roghun erwirken. Im Gegenzug hat die Weltbank versprochen, sich um die Finanzierungsfrage zu kümmern, vorausgesetzt, dass zwei in Auftrag gegebene GutachtenÖffnet externen Link in neuem Fenster positiv ausfallen: 1) zu den technisch-wirtschaftlichen Aspekten des Staudammprojekts, und 2) zu seinen sozialen und ökologischen Auswirkungen. Die ökologische Einschätzung zielt insbesondere auf Einwände Uzbekistans gegen das Projekt und der soziale Aspekt betrifft u.a. den Anteilsscheinverkauf, aber z.B. auch den bereits angegangenen, nun gestoppten Plan der tadschikischen Regierung, 30.000 Menschen aus dem Überflutungsgebiet der Talsperre in den Süden des Landes umzusiedeln (bereits in sowjetischer Zeit war es mehrfach zu großangelegten Umsiedlungsaktionen aus der Region Garm in den Süden gekommen, was dann eine der blutigen Konfliktlinien im Bürgerkrieg 1992-1997 bildete).

Andere Großprojekte sind: die Modernisierung und der Ausbau der Aluminiumschmelze in Tursunzoda (planerisch auf eine Produktion von über 500.000 t angelegt, die derzeitige Jahresproduktion beträgt ca. 1 Sechstel davon und verbraucht dafür 40% des im Lande hergestellten elektrischen Stroms), und schließlich die Wiederherstellung und Pflege der Baumwollmonokulturen.

Landwirtschaft
Aktuellen Angaben zufolge beläuft sich die landwirtschaftliche Anbaufläche Tadschikistans auf 5,1% des Territoriums, weitere 1-2% sind durch Erosion und Versalzung der Nutzung entzogen; rund 70% der Anbaufläche sind bewässert. Nach Angaben des Ministeriums für Landwirtschaft haben 97% des nutzbaren Landes in den letzten 15 Jahren stetig an Qualität eingebüßt. Die Anbaufläche ist in diesem Zeitraum um das 6-fache gesunken – mit anderen Worten: jährlich verliert Tadschikistan 50.000 ha Anbaufläche.

Die schon vor rund 10 Jahren in Gang gesetzte LandreformÖffnet externen Link in neuem Fenster realisierte sich nur schleppend, zunächst vorrangig auf dem Papier. Offiziell waren 2004 bereits 578 der ehemals 612 Staatsfarmen in 22.285 sog. Dehqon-Farmen (von dihqon = Bauer) umgewandelt worden. Auf der anderen Seite aber sind z.B. 86,3% der in der Landwirtschaft Tätigen als Arbeiter bei Großbetrieben angestellt und jene wiederum operieren noch weitgehend in einem Gefüge alter kommando-administrativer Strukturen. Besonderns augenscheinlich ist dies im BaumwollsektorÖffnet externen Link in neuem Fenster (nimmt 40% der Anbaufläche ein), der sich real noch immer in staatlicher bzw. staatsnaher privater Hand befindet und im Grunde noch planwirtschaftlich organisiert ist, da die Entscheidungen über Anbau und Ernte noch immer einer Staatskontrolle unterliegen. Bei den BaumwollbauernÖffnet externen Link in neuem Fenster hat sich auf der unteren Ebene durch Unrentabilität des Anbaus ein gewaltiger Schuldenberg angehäuft, dessen Ausmaße Oktober 2008 bei 700 Mio US$ lagen und dabei in etwa den Gewinnen entsprachen, die auf der oberen Ebene erzielt worden sind. Im Frühjahr 2007 war mit Unterstützung der Weltbank von der Regierung ein ReformprogrammÖffnet externen Link in neuem Fenster im Baumwollsektor aufgenommen worden und die ADB hat sich im Bereich Landwirtschaft für 2008-10 ganz auf eine Lösung des Baumwollschuldenproblems konzentriert. Mai 2009 fiel die Entscheidung, insgesamt 550 Mio US$ Schulden der Baumwollbauern abzuschreiben und 154 Mio US$ von den Investoren im Baumwollsektor an die Nationalbank zurückzahlen zu lassen. Neuerlich ist – insbesondere im Norden – die Baumwollanbaufläche zugunsten von Nahrungsmittelanbau gekürzt worden (Tadschikistan importiert mehr als die Hälfte seiner Nahrungsmittel). Der in jüngster Zeit erkennbare Trend zur Ausweitung des eigenen Nahrungsmittelanbaus wird von der EBRD mit einem speziellen FinanzierungsprogrammÖffnet externen Link in neuem Fenster unterstützt.

Globale Finanzkrise

Als die internationale Finanzkrise Ende 2008 hereinbrach, war Tadschikistan schon in zweierlei Hinsicht von Krisen betroffen:
1) Im Winter 2007/08 mussten infolge von extremer Kälte, Energie- und Nahrungsmittelknappheit schließlich internationale Hilfsmaßnahmen ergriffen werden. Die Ernte 2008 fiel um 30-40% geringer aus als die von 2007 und überdies war für 2008 aufgrund globaler Entwicklungen ein scharfer Preisanstieg bei Importwaren (insbesondere auch für Brot und anderen Waren des Grundbedarfs) zu verzeichnen.
2) Anfang 2008 sah sich der IWF genötigt, mehr als 47 Mio US$ (gestundet bis Februar 2009) zurückzufordern, weil die tadschikische NationalbankÖffnet externen Link in neuem Fenster falsche Angaben zur Finanzlage des Landes gemacht hatte. Die infolgedessen eingeleitete externe Wirtschaftsprüfung bei der Nationalbank erbrachte neben weiterem Prüfungsbedarf – insbesondere auch bei den großen staatseigenen Betrieben, deren Finanztransaktionen als intransparent gelten – weitere Ungereimtheiten. Jene betreffen nicht zuletzt die Finanzierung des Bauwollsektors, wo seit 1997 Gelder ausländischer Geber im großen Maßstab umgelenkt worden waren und z.B. hunderte von Millionen an den Büchern vorbei als Garantien an die Firma KreditInvest gingen, welche sich im Besitz der Familie des langjährigen Nationalbankchefs befindet. Letzterer wiederum bekleidet anschließend das Amt eines der Stellvertretenden Premierminister, betraut mit dem Landwirtschaftssektor...

Die Frage des problematischen Umgangs mit Geldern und Gebern seitens der tadschikischen Führung ist vorerst etwas hinter der internationalen Finanzkrise 2008/09 verblasst, deren Folgen für Tadschikistan sich milder auszunehmen scheinen als zunächst angenommen. Die großen multilateralen Geber sahen die Hauptgefahr von sinkenden Exporterlösen für Aluminium und Baumwolle sowie vom Rückgang der Transfers der Arbeitsmigranten ausgehen. So setzten sie sich für 2009 als Hauptziel, die finanzielle und makroökonomische Stabilität des Landes zu erhalten. In diesem Zuge erhielt der tadschikische Haushalt (zweckgebunden in den Strukturen der Armutsbekämpfung) einige kräftige Finanzspritzen (20 Mio US$ von der Weltbank, 38,7 Mio vom IWF, 40 Mio von der ADBÖffnet externen Link in neuem Fenster). Gleichzeitig wurde der Wechselkurs des Somoni flexibel gehalten (fiel bis Ende 2009 um fast 50%) und die Regierung griff zu Steuerminderungen und Haushaltskürzungen (nicht im Gesundheits- und Sozialbereich). In einem KurzresümeeÖffnet externen Link in neuem Fenster von November 2009 gab sich der IWF zwar von einem glimpflichen Ausgang relativ überzeugt (geringes Wachstum für 2009 und Normalisierung für 2010 erwartet), musste aber auch zugeben, dass die Krise vorrangig Haushalte mit Niedrigeinkommen hart traf (Preiserhöhungen, vermehrte Arbeitslosigkeit...). Nach ersten Zahlen der ADB ist 2009 das Wirtschaftswachstum von 7,9% auf 3,4% gesunken, maßgeblich verursacht durch den Fall der Rücktransfers um ca. ein Drittel sowie Einbußen bei Produktion und Export von Baumwolle (-28%) und Aluminium (-46%). 2010 trat in allen Bereichen eine Erholung ein (was sich in einer Wachstumsrate von wohl wieder über 6% ausdrückt). Problematisch bleibt der Bankensektor, auf dem eine übergroße Zahl an Problemkrediten lastet. Die Rücktransfers von Arbeitsmigranten sind mittlerweile wieder auf alte Höhen geklettert (über 40% des BIP; die Nationalbank rechnet mit 2,96 Mrd. US$ für 2011). Somit fällt derzeit der Ausblick auf die wirtschaftliche LageÖffnet externen Link in neuem Fenster und Zukunft Tadschikistans, etwa seitens der Weltbank, verhaltenÖffnet externen Link in neuem Fenster optimistisch aus.

Entwicklungspolitische Landesaktivitäten

Gemessen mit den Kriterien des Human Development IndexÖffnet externen Link in neuem Fenster findet sich Tadschikistan 2011 an 127. Stelle unter 187 Ländern wieder und liegt damit im Feld der "mittel entwickelten Staaten". Umfänglich Auskunft zu Fragen der menschlichen Entwicklung in Tadschikistan gibt der nationale Human Development Report 2003Öffnet externen Link in neuem Fenster des UNDP, und mit den World Development IndicatorsÖffnet externen Link in neuem Fenster bietet die Weltbank aktuelles Zahlenmaterial an. Das UNDP hat Mai 2005 auch ein MDG Needs AssessmentÖffnet externen Link in neuem Fenster für Tadschikistan vorgelegt und Ende 2010 einen FortschrittsberichtÖffnet externen Link in neuem Fenster zur Frage der Erreichnung der MDGs. Mehr von ökonomischen Erwägungen geleitet richtet der August 2006 veröffentlichte zweite Entwurf einer nationalen Entwicklungsstrategie bis 2015Öffnet externen Link in neuem Fenster einen Blick in die Zukunft des Landes. Der jüngste, 2010 vorgelegte nationale Human Development Report des UNDP ist dem Thema ArbeitÖffnet externen Link in neuem Fenster gewidmet. Das UNDP konzentriert gemäß seinem Country Program Action Plan 2010-2015Öffnet externen Link in neuem Fenster die Arbeit auf fünf Bereiche: 1) Armutsreduzierung (Erreichung der MDGs), 2) Bekämpfung von AIDS, Malaria und TBC, 3) gute Regierungsführung, 4) Krisenprävention und Wiederaufbau, und 5) Umwelt und nachhaltige Entwicklung.  Nach Angaben der Vereinten Nationen sind allein seit 2003 bis Oktober 2007 insgesamt 1.726.064.202,00 US$ internationale Hilfe an Tadschikistan geflossen. Der größte bilaterale Geber sind die USA mit knapp 1 Mrd. US$ an Hilfsgeldern seit 1992.

Graphik Entwicklung
Entwickeltheit für 2006 (erstellt 2007, Quelle: Weltbank)
Graphik Entwicklung
Entwickeltheit für 2009 (erstellt 2010, Quelle: Weltbank)

Grafik zur Armutsentwicklung
Entwicklung der Armut (Quelle: UNDP)

Armutsbekämpfung
Im Juni 2002 hatte die Tadschikische Regierung – nicht zuletzt auf internationalen Druck hin – ein Strategiepapier zur ArmutsbekämpfungÖffnet externen Link in neuem Fenster – kurz: PRSP – vorgelegt. Darin wurden im wesentlichen drei Ziele benannt: 1) nachhaltig hohes Wirtschaftswachstum, 2) verbesserte Regierungsführung, und 3) verbesserter Zugang zu Sozialeinrichtungen und deren Ausrichtung auf die Betroffenen. Das April 2007 verabschiedete PRSP-2Öffnet externen Link in neuem Fenster für die Jahre 2007-2009 gibt zu erkennen, daß bei der Erreichung der drei genannten Ziele bis dahin nur sehr begrenzte Erfolge zu verbuchen waren. Lediglich das Wirtschaftswachstum war anhaltend, allerdings nach wie vor weitgehend makroökonomisch basiert. Das 2010 veröffentlichte PRSP-3Öffnet externen Link in neuem Fenster für 2010-2012 zielt noch immer auf Unterstützung politischer Reformen, nachhaltigen Wirtschaftswachstums und Entwicklung des Humankapitals. Mit dem Ziel einer Effizienzsteigerung durch Kooperation bei der ArmutsbekämpfungÖffnet externen Link in neuem Fenster gemäß PRS-3 haben sich große Geber und Entwicklungsorganisationen Ende 2009 auf eine Joint Country Partnership StrategyÖffnet externen Link in neuem Fenster für 2010-12 geeinigt.

Auf die Rahmenbedingungen und die strategische Ausrichtung der Entwicklung Tadschikistans haben die großen multilateralen Geber seit den späten 1990er Jahren maßgeblichen Einfluß gewonnen – dies gilt insbesondere für die WeltbankÖffnet externen Link in neuem Fenster, den Internationalen WährungsfondÖffnet externen Link in neuem Fenster, die Asiatische EntwicklungsbankÖffnet externen Link in neuem Fenster und die Europäische Bank für WiederaufbauÖffnet externen Link in neuem Fenster. Angaben des USAID zufolge sind die amerikanischen AktivitätenÖffnet externen Link in neuem Fenster finanziell bedeutend aufgestockt (im Gefolge des "11. September") und seit 2006 wieder etwas vermindert worden. Als ein weiterer multilateraler Akteur trat in den letzten Jahren langsam auch die Europäische UnionÖffnet externen Link in neuem Fenster mit Projekten vor Ort auf den Plan.

Der letzte Aufruf der UNÖffnet externen Link in neuem Fenster an die Geber von 2006 bezifferte sich auf einen Gesamtbedarf von rd. 51,3 Mio US$; zum geplanten Vorgehen in 2010-2015Öffnet externen Link in neuem Fenster legte das UN Country Team 2009 ein Papier vor (Finanzbedarf 281 Mio US$). Tadschikistan zählt zu den 189 Ländern, die sich im Jahr 2000 den Millennium Development GoalsÖffnet externen Link in neuem Fenster verpflichtet haben. Mit am längsten im Lande aktiv ist die Agha Khan StiftungÖffnet externen Link in neuem Fenster, deren ausgefeilte ProjekteÖffnet externen Link in neuem Fenster besonderer Hervorhebung wert sind. Desweiteren lassen sich der Einsatz der WelthungerhilfeÖffnet externen Link in neuem Fenster (DWHH, seit 1994 im Land), ein langsam zunehmendes Engagement der Deutschen Gesellschaft für Internationale ZusammenarbeitÖffnet externen Link in neuem Fenster (GIZ; bis 2011 vertreten durch die Gesellschaft für Technische ZusammenarbeitÖffnet externen Link in neuem Fenster (GTZ) und den Deutschen EntwicklungsdienstÖffnet externen Link in neuem Fenster (DED), des Centrum für Internationale Migration und EntwicklungÖffnet externen Link in neuem Fenster (CIM), der Kreditanstalt für WiederaufbauÖffnet externen Link in neuem Fenster (KfW), der Friedrich Ebert StiftungÖffnet externen Link in neuem Fenster (FES), des Deutschen Akademischen AuslandsdienstesÖffnet externen Link in neuem Fenster (DAAD) oder auch der eidgenössischen Direktion für Entwicklung und ZusammenarbeitÖffnet externen Link in neuem Fenster (DEZA) verzeichnen. Zu Aktivitäten deutscher EZÖffnet externen Link in neuem Fenster in Tadschikistan hält die Deutsche Botschaft in Duschanbe auf ihrer Website Informationen bereit. Einen guten Einstieg in entwicklungspolitische Themen und aktuelle Fragen bietet das umfangreiche Informationsportal des United Nations Coordination Unit in TajikistanÖffnet externen Link in neuem Fenster sowie auch die Website der Landesvertretung des UNDPÖffnet externen Link in neuem Fenster.

Die bilaterale deutsche Zusammenarbeit beschränkte sich zuerst (1992-1997) auf kleinere Projekte in den Bereichen Gesundheitsvorsorge, Beratung des Finanzministeriums, Verbesserung der Trinkwasserversorgung und der Saatgutqualität. Nach einer 5-jährigen Pause wurde 2002 die bilaterale Zusammenarbeit wieder verstärkt aufgenommen (Abschluß eines befristeten Partnerschaftsabkommens; August 2004 erfolgte ein Rahmenabkommen über Technische Zusammenarbeit). Dabei standen zunächst im Zentrum Projekte im Bereich der Wirtschaftsreformen (u.a. die Förderung von KMU). Von 2006 an konzentrierte sich die finanzielle Zusammenarbeit (FZ) auf den Gesundheitssektor und einen weiteren Schwerpunkt bildete die Zusammenarbeit bei der Aus- und Fortbildung von Lehrern. Die größte Fördersumme (20 Mio Euro bei einer Gesamtsumme der FZ 2002-04 von 35,1 Mio) floss in eine Erneuerung der Umspannstation des Wasserkraftwerks Nurek. Die Gesamtsumme der seit 2002 von der Bundesregierung zur Verfügung gestellten Mittel für Entwicklungsprojekte beläuft sich auf rd. 167 Mio Euro.

Über den Autor

Reinhard Eisener
Dr.phil., geb. 1956, Studium der Islamkunde, Iranistik und Geschichte. Seit den 1970er Jahren kontinuierlich Reisen und Forschungsaufenthalte im Nahen und Mittleren Osten, Russland und Zentralasien; zahlreiche Fachpublikationen.

Über Kommentare und Anregungen freue ich mich stets.

auf dem Bazar in Duschanbe

Letzte Aktualisierung

Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im März 2012 aktualisiert.

Literaturhinweise

Literatur zur wirtschaftlichen LageÖffnet externen Link in neuem Fenster Tadschikistans

Literatur zur EntwicklungszusammenarbeitÖffnet externen Link in neuem Fenster mit Tadschickistan

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