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In Tansania leben gut 45 Millionen Menschen. Die Hälfte der Bevölkerung, die jedes Jahr um 1 bis 2 % wächst, besteht aus Kindern und Jugendlichen bis 18 Jahren. Gerade in den Städten, in denen schon mehr als ein Drittel der Bevölkerung lebt, schreitet die 'Modernisierung' im sozialen und kulturellen Bereich schnell voran.
Die ethnische Vielfalt Afrikas ist beinahe so groß wie jene der gesamten übrigen Welt. Allein in Tansania gibt es etwa 140 verschiedenen Ethnien
, jeweils mit eigener Sprache
. Nur wenige Volksgruppen haben mehr als eine Millionen Angehörige und ethnische Konflikte spielen in Tansania praktisch keine Rolle. Keine Ethnie Tansanias hat eine so große mediale Sichtbarkeit wie die Massai
, dabei hat dieses nilotische Volk nur einen Bevölkerungsanteil von 1 %. Die mit Abstand größte Ethnie (Bantu)stellen die Sukuma
südlich des Viktoriasees. In Tansania ist man stolz darauf, dass das Swahili
zur nationalen Identität beigetragen hat. Im Gegensatz zu vielen anderen afrikanischen Staaten, in denen es neben den Lokalsprachen meist nur eine europäische Amtssprache zur Verständigung im beruflichen Umfeld gibt, wird in Tansania von fast allen Menschen das Swahili als gemeinsame Amts-, Verkehrs- und Umgangssprache akzeptiert. Die zweite Amtssprache, Englisch, wird in Tansania dagegen selbst auf höchster Ebene oft nur dann verwendet, wenn Ausländer anwesend sind. Mit Englisch mag man sich als Tourist und unter Umständen sogar im Berufsleben in Tansania behelfen können. Um aber in der faszinierenden Kultur des Gastlandes heimisch zu werden, müssen Sie Swahili erlernen. Sie können diese Sprache dann auch in einigen Nachbarländern anwenden, denn es ist die am weitesten verbreitete afrikanische Sprache. Als solche wurde sie auch neben Englisch, Französisch, Portugiesisch und Arabisch als offizielle Arbeitssprache der Afrikanischen Union zugelassen. Zum Selbststudium bietet sich ein Internetkurs
an, aber im deutschsprachigen Raum finden sich auch viele Swahili-Kurse und -Lehrer
. Fortgeschrittene werden dem Swahili-Programm der Deutschen Welle
folgen können.
In Tansania erreichen formalisierte soziale Sicherungssysteme
nicht einmal 3 % der Bevölkerung. Selbst die relativ kleine Gruppe der formal Beschäftigten, die in eine Rentenkasse einzahlt, kann nicht auf eine existenzsichernde Altersrente
hoffen. In eine Krankenversicherung zahlen oft nur diejenigen ein, die sich diesen 'Luxus' leisten können und an eine Arbeitslosenversicherung ist gar nicht erst zu denken. Wer alt, arbeitslos, arm oder krank wird, ist auf die Solidarität in der Großfamilie angewiesen ('economy of affection'). Dass eine Gesellschaft, in der jeder Zweite unter der Armutsgrenze lebt, an diesen Herausforderungen nicht völlig scheitert, ist nur dem traditionellen System der gesellschaftlichen Kohäsion zu verdanken. Da dieses jedoch von den erfolgreichen Mitgliedern der Gesellschaft Einkommensverteilung verlangt, und somit auch ein erhebliches Hindernis für die wirtschaftliche Entwicklung darstellt, steht es unter einem erheblichen Modernisierungsdruck.

Gerade in den Städten ('Stadtluft macht frei') ist von den alten sozio-kulturellen Strukturen
häufig nicht mehr viel übrig, während neue tragfähige Strukturen, die diese ersetzen könnten, noch nicht entstanden sind. Gerade die Frauen
, von denen nur sehr wenige eine gut bezahlte Anstellung haben, tragen einen großen Teil der Last. Obwohl sie neben dem Haushalt auch für die Versorgung der Kinder, der Pflegebedürftigen und nicht selten der arbeitslosen Männer zuständig sind, werden die bestehenden Frauenrechte
oft durch gewohnheitsrechtliche Praktiken unterlaufen.

Das Bildungswesen
und die Gesundheitssysteme
Tansanias waren einst vorbildlich in Afrika. Wegen der immer schlechter werdenden wirtschaftlichen Gesamtentwicklung v.a. während der 1980er Jahre, kam es jedoch auch in diesen Bereichen zu einem massiven Zerfall. Die später eingeleiteten Strukturanpassungsmaßnahmen zielten - mit Erfolg - primär auf eine wirtschaftliche Konsolidierung und auf 'weniger Staat', wodurch sich die Lage in den staatlichen Domänen Bildung und Gesundheit zunächst weiterhin verschlechterte. Inzwischen ist die Talsohle durchlaufen. Die Reformbemühungen, aber auch der Schuldenerlass, haben inzwischen signifikante Verbesserungen ermöglicht. Diese werden allerdings nach wie vor von den verheerenden Auswirkungen des HI-Virus
überschattet.
In den letzten Jahren wurden nicht nur im Bereich der Primar- und Sekundarschulen
Kapazitäten entwickelt, die erste Erfolge
zeitigen. Auch die Zahl der Hochschulen nimmt deutlich zu. Neben der University of Dar es Salaam
und der Sokoine University of Agriculture
in Morogoro, gibt es die dezentral operierende Tumaini University
der evangelisch-lutherischen Kirche (das 'Kilimanjaro Christian Medical Centre', KCMC
, ist eines der besten Krankenhäuser des Landes und liegt in Moshi), die St. Augustine's University
der katholischen Kirche in Mwanza, die State University of Zanzibar und weitere Hochschulen
.
Traditionelle ostafrikanische Kunst - in Form von wertvollen Gebrauchsgegenständen, Masken, Musikinstrumenten, etc. - wird man in Tansania kaum noch antreffen. Zwar sind 'Antiques' sehr in Mode gekommen, doch handelt es sich dabei fast ausnahmslos um dekorative Plagiate. Authentische Objekte erwirbt man eher auf internationalen Auktionen.

Unter den zahlreichen Kunstformen Tansanias
sind die Ebenholzschnitzereien
der Makonde auf der ganzen Welt bekannt. Die Makonde stammen aus dem Grenzgebiet von Tansania und Mosambik. Leider müssen die meisten Künstler ihre Phantasie und Intuition den Gesetzmäßigkeiten des (touristischen) Marktes unterordnen, so dass sehr viel Massenware produziert wird, für die der Begriff 'Airport Art' schon ziemlich schmeichelhaft ist. Die Makonde produzieren aber neben Aschenbechern, gedrechselten Kerzenständern und allen nur erdenklichen Variationen von Holzgiraffen durchaus auch großartige Kunst.

Die naive 'Tingatinga'-Malerei
ist nach einem genialen tansanischen Künstler benannt. Auch hier ist es jedoch heute nicht einfach, unter der touristischen Massenware anspruchsvolle Kunstwerke zu finden.
Architektonische 'Kunstwerke', die unter Denkmalschutz gestellt wurden, entstammen meist den Kulturen der Fremdherrscher und sind dementsprechend v.a. an der Küste und auf Sansibar (Stonetown
) zu finden.
Neben der westlichen Popmusik wird in Tansania häufig eine gitarrenbetonte Tanzmusik
gehört, die ursprünglich aus der Kongo-Region stammt ('Soukous') und von westafrikanischen ('Highlife') und karibischen Stilen beeinflusst ist. Vor allem an der Küste und zu Feierlichkeiten wird die tansanische Taarab-Musik
gespielt, die neben afrikanischen auch arabische und indische Musikelemente und -instrumente aufgreift.
Tansania hat viele Attraktionen, aber nur wenige Ausländer teilen mit den Tansaniern deren besondere Vorliebe für den Maisbrei 'Ugali
'. Das Reisgericht 'Pilau
' hingegen, das ursprünglich aus Indien stammt und v.a. zu besonderen Anlässen gekocht wird, sei sehr zur Nachahmung empfohlen.


Um zu verhindern, dass die Religion in Tansania wie in anderen Ländern Afrikas zu einem Politikum wird, wurde bei Volkszählungen seit 1967 nicht mehr nach der Religionszugehörigkeit gefragt. Man geht davon aus, dass sich das ursprünglich ausgewogene zahlenmäßige Verhältnis zwischen Christen, Muslimen und Anhängern traditioneller Religionen
inzwischen zugunsten der katholischen
und evangelisch-lutherischen
Kirchen verschoben hat, aber auch der islamische
Bevölkerungsanteil ist gewachsen. Häufig werden Elemente aus der autochthonen Spiritualität in den christlichen oder islamischen Glauben integriert (Synkretismus). Religiöse Konflikte waren in Tansania – ebenso wie ethnische Auseinandersetzungen – weitgehend unbekannt. Erst in jüngster Zeit gibt es eine Tendenz der politischen Instrumentalisierung
von Religion, insbesondere durch den Konflikt um die muslimisch geprägte CUF-Partei, die auf den Inseln Sansibars und an der Küste hohe Stimmenanteile verbuchen kann.

Leiter des Referats "Nahost, Afrika, Lateinamerika" einer Stiftung der Bundesrepublik Deutschland zur Förderung der internationalen Forschungszusammenarbeit. Nebenberuflich Einsätze als Internationaler Wahlbeobachter und Landeskundetutor für InWEnt.