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Zementfabrik in Daressalam, © Scheidtweiler

Wirtschaft und Entwicklung

BeschreibungInhalt
geschätztes BIP:20 Mrd. US-$
Pro-Kopf-Einkommen (Kaufkraftparität):1 426 US-$ pro Jahr
Rang der menschlichen Entwicklung (HDI):Rang 148 (von 169)
Anteil Armut (unter 2  $ pro Tag):90 %
Einkommensverteilung (Gini-Koeffizient):34,6
Anteil alphabetisierte Erwachsene:69 %

Tansania

Landesflagge Tansania

Wirtschaft: System und Politik

Die von Julius Nyerere begründete 'Ujamaa-Politik' (Swahili: Verwandtschaft, Bruderschaft) wurde zum Inbegriff des afrikanischen Sozialismus. Die Politik Nyereres hat die nationale Identität und konfliktfreie Koexistenz der vielen Ethnien gefördert. In wirtschaftlicher Hinsicht wirkten die zwei Jahrzehnte Ujamaa allerdings wie eine planwirtschaftliche Vollnarkose, deren NachwirkungenÖffnet externen Link in neuem Fenster bis heute spürbar sind. Das unter dem Druck von IWF und Weltbank 1986 eingeführte Liberalisierungsprogramm zur wirtschaftlichen Erholung war längst überfällig. Leider wurde es von einigen Akteuren als Freischein für ungezügelte Selbstoptimierung  missverstanden. Der Volksmund bezeichnete diese Politik einer fehlgeleiteten Liberalisierung daher als 'Ruksa-Politik' (Swahili 'Ruhusa': Erlaubnis). 

Seither wurde durch eine stärkere Armutsorientierung mehrfach nachgebessert und die Maßnahmen zur wirtschaftlichen Konsolidierung werden in ganzheitliche Entwicklungsstrategien ('Poverty Reduction Strategy Papers', PRSP) eingebettet, die im Land selbst erarbeitet werden - so wie die derzeit gültige zweite 'Nationale Strategie für Wachstum und Armutsbekämpfung'Öffnet externen Link in neuem Fenster (Abk. auf Swahili: MKUKUTA, siehe auch Regierungsseite zu 'poverty monitoring'Öffnet externen Link in neuem Fenster). Dabei wurde auch die Zivilgesellschaft mit einbezogen, wie eine Studie von R. Hofmeier und K. HirschlerÖffnet externen Link in neuem Fenster bestätigt (siehe auch 'PRSP-Watch'Öffnet externen Link in neuem Fenster von VENRO). Das 2007 mit dem IWF vereinbarte "Policy Support InstrumentÖffnet externen Link in neuem Fenster" markiert eine Schwerpunktverlagerung von der finanziellen Unterstützung des IWF hin zu einer reinen Politikberatung.

Integrale Bestandteile der WirtschaftspolitikÖffnet externen Link in neuem Fenster sind die Privatisierung der Staatsbetriebe sowie Anreize für ausländische DirektinvestitionenÖffnet externen Link in neuem Fenster, . Doch ist auch von einem 'AusverkaufÖffnet externen Link in neuem Fenster' des Landes an Ausländer die Rede, was zu Ressentiments gegenüber ausländischen Investoren (und Einwanderern mit tansanischer Staatsangehörigkeit) geführt hat. Ausländer sind dabei keineswegs nur als Großinvestoren in Tansania aktiv, sondern auch als Berater, Arbeitnehmer, Kleinhändler u. a.Öffnet externen Link in neuem Fenster

Einen sehr guten Überblick über die Strukturreformen in Tansania und ihre Wirkungen bietet der IWFÖffnet externen Link in neuem Fenster.

Sektoren

Unter den WirtschaftssektorenÖffnet externen Link in neuem Fenster sind v.a. der BergbauÖffnet externen Link in neuem Fenster und der TourismusÖffnet externen Link in neuem Fenster Beispiele für diese ambivalente EntwicklungÖffnet externen Link in neuem Fenster: Sie werden von ausländischen Unternehmen dominiert, haben aber auch in besonderer Weise zum Aufschwung der Wirtschaft beigetragen und sind die großen Hoffnungsträger der Konjunktur. Ganz allmählich scheint sich das Defizit in der AußenhandelsbilanzÖffnet externen Link in neuem Fenster zu verringern: Der Bergbau hat hieran wesentlichen Anteil, aber auch die traditionellen landwirtschaftlichen Exportkulturen wie Kaffee, Tee, Baumwolle, Sisal, Cashewnüsse und Blumen. Zu den wichtigsten Abnehmerländern zählen Indien, China und Japan in Asien sowie die Niederlande und Deutschland in Europa. Importiert werden v.a. Maschinen und Fahrzeuge, Erdöl und chemische Erzeugnisse, Produktionsmittel und Konsumartikel. Der wichtigste Handelspartner ist hier China, gefolgt von Indien, Südafrika, USA, Großbritannien, Japan und Deutschland. Die Staaten der Ostafrikanischen Gemeinschaft (Burundi, Kenia, Ruanda, Tansania, Uganda) haben seit dem 1. Januar 2010 eine uneingeschränkte ZollunionÖffnet externen Link in neuem Fenster, ab dem 1. Juli sogar einen gemeinsamen MarktÖffnet externen Link in neuem Fenster, der u.a. durch den freien Verkehr von Waren, Kapital und Arbeitsplätzen gekennzeichnet ist. Um der Privatwirtschaft den Zugang zu den Märkten der umliegenden Länder zu erleichtern, wurden in Tansania 'Export Processing ZonesÖffnet externen Link in neuem Fenster' eingerichtet.

Die LandwirtschaftÖffnet externen Link in neuem Fenster wird noch lange den weitaus größten Anteil am Bruttoinlandsprodukt des Agrarstaates Tansania halten. Sie dient vier Fünfteln der Bevölkerung der eigenen Subsistenz, bzw. ist deren wichtigste Einnahmequelle. Das  Hauptnahrungsmittel ist ein dicker Maisbrei (Ugali), der häufig mit Bohnen oder Blattgemüse und - wenn verfügbar - Fleisch verzehrt wird. Die Landwirte haben zwar von der Deregulierung der Märkte profitiert, allerdings ist das Gesamtniveau der landwirtschaftlichen Produktion nach wie vor ausgesprochen niedrig, so dass es regional immer wieder zu Hungersnöten kommt. Wie in anderen afrikanischen Ländern bleibt der ländliche Raum weit hinter den Entwicklungen in den Städten zurück: Während auf dem Land selbst die Stromversorgung vielerorts eine vage Zukunftsvision ist, wird in den Städten längst mit kabellosen Internet-Verbindungen weltweit kommuniziert. 

Per Definition ist der informelle SektorÖffnet externen Link in neuem Fenster jener Teil der Volkswirtschaft, der nicht in der offiziellen Statistik erfasst ist. Amtliche Schätzungen gehen jedoch davon aus, dass de facto mehr als die Hälfte des Volkseinkommens von 'fliegenden Händlern' (Wamachingas), Straßenküchen (Mama Lishe) und anderen Tätigkeiten im 'Heiße-Sonne-Sektor' (Jua-Kali-Sektor) Tansanias erwirtschaftet wird.  

 

Näherinnen unter freiem Himmel (© Scheidtweiler)

Verschuldung

Tansania ist ein Land mit hoher StaatsverschuldungÖffnet externen Link in neuem Fenster. Es gehört  jedoch auch zu den ersten und größten Nutznießern der Initiativen für 'Heavily Indepted Poor Countries (HIPC)' und der 'Multilateral Dept Relief Initiative (MDRI)', auch wenn diese bei weitem keine vollständige EntschuldungÖffnet externen Link in neuem Fenster herbeiführen werden. Tansania bleibt weiterhin in hohem Maße abhängig von zinsgünstigen Krediten und Schenkungen. Es wird erwartet, dass der Staatshaushalt auch in den kommenden Jahren zu etwa 40 % aus dem Ausland finanziert wird. 

Indikatoren, Statistiken und Analysen

Mit der geringen Produktivität in der Landwirtschaft sind die LebenshaltungskostenÖffnet externen Link in neuem Fenster korreliert, von denen 55,9 % für die Ernährung verwendet werden. An zweiter Stelle kommt der Posten 'Fortbewegung' (9,7 %), dann 'Energie und Wasser' (8,5 %) sowie 'Getränke und Tabak' (6,9 %).

"In Tansania verdient ein Huhn, das ein Ei legt, mehr als ein Lehrer", beklagt sich ein Staatsdiener. Und doch lassen die wirtschaftlichen KennziffernÖffnet externen Link in neuem Fenster Tansania als einen 'rising star of Africa' erscheinen. Eine positive Bilanz der wirtschaftlichen Entwicklung zieht nicht nur die WeltbankÖffnet externen Link in neuem Fenster. Die positiven Wirtschaftstrends, die für Tansania über viele Jahre hohe Wachstumsraten von 5 % und mehr ausgewiesen haben, waren selbst während der Weltfinanzkrise nur moderat betroffen. 

Einen holistischen Ansatz für die Klassifizierung von Ländern hinsichtlich ihres Entwicklungsniveaus verwendet das UNDP mit dem Human Development IndexÖffnet externen Link in neuem Fenster (HDI). Er berücksichtigt neben dem Lebensstandard auch andere wichtige ParameterÖffnet externen Link in neuem Fenster

Tansanias Position (derzeit 148 von 169) in der HDI-RanglisteÖffnet externen Link in neuem Fenster der Länder ist deutlich besser, als seine Position in der BIP-Rangliste (171 von 174). Wer die Situation der Menschen in Tansania kennt, wird bestätigen, dass eine allzu pessimistische Einstufung der Lebensverhältnisse in Tansania (gegenüber anderen afrikanischen Ländern) kaum gerechtfertigt ist. Das bestätigt auch der 1997 geschaffene 'Human Poverty IndexÖffnet externen Link in neuem Fenster' (HPI): Zwar leben 32,5 % der Bevölkerung in extremer Armut, in mehr als einem Drittel der Entwicklungsländer ist dieser Anteil jedoch noch höher. Der HDI ist seit 2001 kontinuierlich gestiegen (0,467 vs. 0,400). Im selben Zeitraum ist die Lebenserwartung, nachdem sie zuvor v.a. aidsbedingt stark gefallen war, um 7 Jahre auf 51,0 Jahre angestiegen und das Pro-Kopf-Einkommen bei Kaufkraftparität ist sogar um 43 % von 520 US$ auf 744 US$ pro Jahr gewachsen.

In Analogie zum Human Development Index berechnet UNDP einen Gender-Related Development IndexÖffnet externen Link in neuem Fenster, der neben den erwähnten Entwicklungsparametern auch die Gleichberechtigung der Geschlechter berücksichtigt. Der GDI liegt kaum unter dem HDI (0.464), so dass man in Tansania nicht von einer 'Feminisierung' der Armut sprechen kann. 

Der voluminöse fünfte 'Poverty and Human Development ReportÖffnet externen Link in neuem Fenster' der tansanischen Regierung (2009) ist ein weiterer Beleg für die beachtlichen Fortschritte des Landes. Trotzdem wird Tansania voraussichtlich wohl nur einzelne der 'entwicklungspolitischen JahrtausendzieleÖffnet externen Link in neuem Fenster' (Millennium Development Goals) erreichen. Die Gründe hierfür sind zahlreich und werden von Analysten entsprechend unterschiedlich gewertetÖffnet externen Link in neuem Fenster.

Entwicklung und Entwicklungspolitik

Die Entwicklung der Landwirtschaft gehört zu den Prioritäten der tansanischen Regierung (© Scheidtweiler)

Tansania auf eigene Füße zu stellen ('self-reliance'), war eines der Ziele von Julius Nyereres Ujamaa-Politik. Anspruch und Wirklichkeit hätten nicht weiter auseinander liegen können: Kaum ein anderes Land wurde derart mit Hilfe überschüttet wie Tansania - und mit derart wenig Erfolg. Der Begriff 'Donor-economy' beschreibt eine Wirtschaft, die zu einem großen Teil fremdfinanziert ist, was auf Tansania zutrifft. Viele sind bemüht, Mitarbeiter in einem der internationalen Projekte zu werden. Ein besonders weit verbreiteter Projektautotyp wurde in der 'Pajero-Kultur' Tansanias zum Sinnbild für beruflichen Erfolg. Dabei hat das 'Nikolaus-Syndrom' der Geber auf der Empfängerseite das 'Abhängigkeitssyndrom' verstärkt. Der Mangel an Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten, der durch den Sklavenhandel, die Kolonialzeit und die Alleinherrschaft der CCM eine lange Vorgeschichte hat, ist nur schwer zu überwinden. 

Tansania hat sich vor Jahren mit der 'Vision 2025Öffnet externen Link in neuem Fenster' ehrgeizige nationale Entwicklungsziele gesetzt (zu ehrgeizig, wie der Politologe Ernest T. MallyaÖffnet externen Link in neuem Fenster befindet). Mit der Verbesserung der politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen seit den 1990er Jahren, haben sich die Chancen auf nachhaltige Erfolge durch die   Entwicklungszusammenarbeit (EZ) verbessert. Die Schwerpunkte der deutschen EZÖffnet externen Link in neuem Fenster mit Tansania liegen im Bereich der  Wasserversorgung, des Gesundheitswesens und der Dezentralisierung. Die bilaterale EZ soll dabei zunehmend mit den Bemühungen anderer AkteureÖffnet externen Link in neuem Fenster harmonisiert werden und den Gestaltungsspielraum Tansanias erweitern. Hierzu haben sich zahlreiche bilaterale und multilaterale Akteure zu einer Development Partners GroupÖffnet externen Link in neuem Fenster zusammengeschlossen. Dabei soll die Zivilgesellschaft des Landes (NROs, Verbände, Selbsthilfegruppen, etc.) so gut wie möglich beteiligt werden. 

Die ZivilgesellschaftÖffnet externen Link in neuem Fenster Tansanias (NRO, Verbände, Selbsthilfegruppen, etc.) wird zunehmend an entwicklungspolitischen Prozessen beteilgt. Sie ist noch vergleichsweise jung, wächst aber in ihre Rolle als wirkungsvolles Korrektiv von Wirtschaft und Politik hinein. Seit der politischen Liberalisierung wollen aber immer mehr Menschen mitbestimmen und die Verantwortung für die Entwicklung ihrer Gemeinschaften selbst in die Hand nehmen. Die Liste der am Entwicklungsprozess des Landes beteiligten nationalen und internationalen OrganisationenÖffnet externen Link in neuem Fenster hat einen eindrucksvollen Umfang erreicht. Die Dachorganisation der tansanischen Nichtregierungsorganisationen ist die 'Tanzania Association of Non-Governmental Organizations' (TANGOÖffnet externen Link in neuem Fenster). Leider sind nicht alle NGO, die sich als lokale Partner für Entwicklungsprogramme empfehlen, von Bürgersinn geleitet und am Gemeinwohl orientiert. Der Autor dieses Portals hat diese Gruppe der NGO, die im Windschatten der integeren Institutionen agieren, den Begriff 'Business Oriented Non-Governmental Organization' geprägt: BONGO wird im Swahili (meist mit einem verschmitzten Lächeln) für 'Bauernschläue' gebraucht, mitunter aber auch für die Stadt Daressalam oder als Synonym für das ganze Land.

Aber: Wer sich auf Kosten der Allgemeinheit bereichert, riskiert, von der freien Presse angeprangert zu werden und mancher ist bereits von einem hohen Amt zurückgetreten. Das war in den 1980er Jahren noch fast undenkbar. Tansania hat das Image eines 'Fasses ohne Boden' verloren und ist wieder zu einem Hoffnungsträger geworden. 

Folgende Links führen Sie zu landesspezifischen Aktivitäten einzelner Organisationen und Institutionen:

CIMÖffnet externen Link in neuem Fenster, DEDÖffnet externen Link in neuem Fenster, DFIDÖffnet externen Link in neuem Fenster, EUÖffnet externen Link in neuem Fenster, Friedrich-Ebert-StiftungÖffnet externen Link in neuem Fenster, Friedrich-Naumann-StiftungÖffnet externen Link in neuem Fenster, Goethe-InstitutÖffnet externen Link in neuem Fenster, GIZÖffnet externen Link in neuem Fenster, Hanns-Seidel-StiftungÖffnet externen Link in neuem Fenster, Heinrich-Böll-StiftungÖffnet externen Link in neuem Fenster, IWFÖffnet externen Link in neuem Fenster, KfWÖffnet externen Link in neuem Fenster, Konrad-Adenauer-StiftungÖffnet externen Link in neuem Fenster, SIDAÖffnet externen Link in neuem Fenster, UNDPÖffnet externen Link in neuem Fenster, USAIDÖffnet externen Link in neuem Fenster, WeltbankÖffnet externen Link in neuem Fenster

Autor

Dr. Thomas Scheidtweiler
Dr. Thomas Scheidtweiler

Leiter des Referats "Nahost, Afrika, Lateinamerika" einer Stiftung der Bundesrepublik Deutschland zur Förderung der internationalen Forschungszusammenarbeit. Nebenberuflich Einsätze als Internationaler Wahlbeobachter und Landeskundetutor der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). 

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Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im Januar 2012 aktualisiert.

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