Direkt zum Seiteninhalt oder zur Haupt-Navigation oder zur Meta-Navigation oder zum Seitenabschluss.
Der Tschad die Wiege der Menschheit? Seit man den Schädel von Toumai
("Hoffnung auf Leben, Lebensmut"), eines ca. 7 Mio. Jahre alten Humanoiden im Djourab
gefunden hat, ist darüber eine hitzige Expertendiskussion
entfacht worden. Während der neolithischen Periode
war die heutige Sahelzone sehr fruchtbar und regenreich, was spektakuläre Felsenmalereien
im Tibesti und Ennedi
Gebirge im Norden des Tschad deutlich werden lassen. Von der frühen Besiedelung des heutigen Tschad zeugen ausserdem etliche Überreste von Tongefäßen und Steinwerkzeugen, die u.a. in der Gegend um den Tschadsee gefunden wurden. Besonders interessant gelten dabei die Funde vom legendären Volk der Sao
, das als eine der ältesten, eisenführenden Kulturen Westafrikas in die Geschichte eingegangen ist und sowohl einzigartige Bestattungsgefäße herstellte, als auch im städtebaulichen und künstlerischen Bereich wegweisend war.


In vorkolonialer Zeit wurde das Gebiet um den Tschadsee zum Knotenpunkt des Transsaharahandels
(Haupthandelsgüter waren Salz, Gold, Elfenbein, Gewürze und Sklaven). Die bedeutendsten zentralistischen Reiche waren Kanem-Bornou
, das ab dem 8. Jahrhundert zur dominanten Macht in der Tschadregion erstarkt war, und Baguirmi
und Quaddai, die etwa ab dem 16. Jahrhundert Kanem die Vormachtstellung nahmen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts versetzte der Sklavenhändler Rabah al-Zubair
aus dem heutigen Sudan die Region in Angst und Schrecken und unterwarf weite Teile der Gebiete um den Tschadsee. Erst den Franzosen unter General Lamy
, die Ende des 19. Jahrhunderts aus dem Süden in die heutigen Gebiete des Tschad eindrangen, gelang es im Jahr 1900, in der entscheidenden Schlacht bei Kousseri, ihm Einhalt zu gebieten.
Die Kolonialmacht Frankreich
konnte nur in einigen Teilen des südlichen und für sie nützlichen
, weil fruchtbaren Tschad (insb. wegen des Baumwollanbaus "Le Tchad utile" genannt) für 60 Jahre Fuss fassen, den nördlichen Teil verwalteten sie rein militärisch. Das Land hatte für die Franzosen überwiegend strategische Bedeutung, so dass auch die Infrastruktur in den Jahren der Kolonisierung nur rudimentär und jeweils nach den wirtschaftlichen und politischen Bedürfnissen ausgerichtet, aufgebaut wurde. Zu diesem Zwecke führten sie im Süden auch ein bescheidenes Bildungswesen ein.
1884 In Berlin (Kongokonferenz) wird Afrika auf dem Papier unter den europäischen Kolonialmächten aufgeteilt. Die Gebiete des heutigen Tschad werden Frankreich zugesprochen, das Ende des Jahrhunderts damit beginnt, von Süden kommend, die Gebiete zu besetzen.
1900 Die französisch besetzten Gebiete werden zum Protektorat Frankreichs, drei Jahre später zur Kolonie der Franzosen erklärt.
1908 Die Kolonie Tschad wird Teil des Verwaltungsgebietes von Französisch-Äquatorialafrika
.
1920 Das Gebiet wird zur eigenständigen Kolonie erklärt.
1934 Der Aouzou - Konflikt
nimmt seinen Anfang, da die Grenzziehung nach Norden (italienische Kolonie Libyen) von Italien nicht ratifiziert wird.
1946 Der Tschad wird als Überseeterritorium Teil der Französischen Union (Communauté Francaise). Im Land werden die ersten Parteien gebildet und Gabriel Lisette gründet zusammen mit anderen, aus dem Süden stammenden Intellektuellen, die Unabhängigkeitsbewegung 'Parti Progressiste Tchadien
' (PPT).
1958 Mit Billigung der Territorialen Versammlung wird der Tschad zur autonomen Republik innerhalb der Französischen Gemeinschaft ernannt.
1960 Am 11. August wird die Republik Tschad in die Unabhängigkeit von Frankreich entlassen. Die neuere Geschichte wurde durch die Politik des ersten Präsidenten des Tschad Ngarta Tombalbaye
und seine Nachfolger
entscheidend geprägt.
Einen groben Überblick zu allgemeinen Eckdaten der Geschichte
des Tschad von 1900 bis 2005 bietet das Netzwerk Afrika und neuere Daten eine Chronologie
von Jeune Afrique.
Die postkoloniale Geschichte des Tschad war geprägt von Bürgerkriegen und einer repressiven Staatsmacht. Nach hoffnungstragenden Anfangsjahren kam es durch Zentralismus und Repression schon früh zu Rebellionen
in verschiedenen Teilen des Landes. Die vielfach vom Präsidialregime gepredigte nationale Einheit wurde der kulturellen und ethnischen Vielfalt des Landes keineswegs gerecht. Der Tschad blieb nach seiner Entlassung in die Unabhängigkeit ein zerrissenes Land, in dem Menschenrechtsverletzungen und Flüchtlingsbewegungen an der Tagesordnung waren. Vor allem unter Hissène Habré
, der von 1982-1990 Präsident des Tschad war, mehrten sich die politischen Morde und Gewaltkampagnen. Dies führte 2005 zu einem internationalen Haftbefehl und Eröffnung eines offiziellen Verfahrens
gegen den Exdiktator, das allerdings noch keine großen Fortschritte zeigte. (Weitere Informationen finden Sie unter dem Stichwort 'Menschenrechte'.)
Idriss Déby, der heutige Präsident, erschien in den ersten Jahren nach seiner Machtübernahme 1990 als Hoffnungsträger und Erneuerer auf der politischen Bühne. Er versprach dem tschadischen Volk freie Wahlen, eine neue Verfassung und die Einberufung einer souveränen Nationalkonferenz. Durch diese sollten die Aufarbeitung der Konflikte der letzten Jahrzehnte und der Aussöhnungsprozess in Gang gebracht werden. Aber trotz der anfänglich positiven Entwicklungen sollte es erst 1996 zu den ersten freien Wahlen kommen, wobei deren Ergebnisse umstritten blieben. Der fragile Staatsapparat wird auch unter Déby weiterhin durch Rebellionen und gewaltsame Konflikte
vor allem im Norden und Osten des Landes destabilisiert.

Nach der Verfassung vom 14. April 1996 und in Anlehnung an das französche Modell ist der Tschad eine präsidiale Republik mit einem Mehrparteiensystem, aber mit stark autokratischen Zügen.
Per Referendum wurde die Verfassung
mit 61,5% der Stimmen am 31. März 1996 vom Volk angenommen. Erarbeitet wurde sie von der Souveränen Nationalkonferenz während einer dreijährigen Übergangsphase. Ihre Aufgabe wurde jedoch dadurch erschwert, dass sie zunächst die vorangegangen jahrzehntelangen gewalttätigen Konflikte aufarbeiten musste.
Seitens der Regierungspartei MPS wurde seit 2000 eine Verfassungsänderung
angestrebt, die die Beschränkung der Präsidentschaft auf zwei Legislaturperioden aufhebt. In einer gemeinsamen Deklaration haben sich fast alle Oppositionsparteien scharf gegen den Versuch Débys ausgesprochen, sich auf diese Weise weitere Wiederwahlen zu ermöglichen. Die Verfassungsänderung wurde dennoch im Mai 2004 durch das Parlament angenommen und vom Volk am 6. Juni 2005 durch ein Referendum
bestätigt. Voran gegangen waren schwere Vorwürfe der Opposition über Wahlmanipulationen
, die auch nach der Wahl aufrecht erhalten wurden.

Der Staatspräsident
ist Oberbefehlshaber der Streitkräfte und Chef des Ministerrats (Regierungskabinett) und ernennt als solcher den Premierminister, der seinerseits die Regierung
bildet.
Der Präsident wird für fünf Jahre in Direktwahl nach Mehrheitswahlrecht gewählt, wobei es ggf. zur Stichwahl zwischen den beiden erstplatzierten Kandidaten kommen kann. Die durch das Parlament und per Referendum vom Volk angenommene Verfassungsänderung erlaubt dem Präsidenten seit 2005 die Ausübung mehrerer Mandate.
In der Verfassung sind die rechtlichen Grundlagen für Gewaltenteilung, Mehrparteiensystem, Grundrechte und Dezentralisierung festgeschrieben, wobei z.B. für Letzteres die Bedingungen noch nicht alle erfüllt sind. Zwar wurden seit September 1999 mehrmals neue Verwaltungseinheiten gebildet (seit 2008 bestehen 22 Regionen
mit 61 Départements), diese sind jedoch noch nicht alle funktionstüchtig. Auch wurde die 2. Parlamentskammer, d.h. der Senat, als gesetzgebende Gewalt und Repräsentant der Gebietskörperschaften, bis jetzt nicht geschaffen.
Die Nationalversammlung (Assemblée Générale) als 1. Parlamentskammer hat 155 Abgeordnete
, die vom Volk für vier Jahre gewählt werden. Allerdings haben die Abgeordneten ihr Mandat schon mehrmals eigenmächtig verlängert. Finanzielle Schwierigkeiten wurden für die Verschiebung der Parlamentswahlen 2001 und auch für die letzte Mandatsverlängerung 2006
angeführt.
Das Rechtssystem
des Tschad ist geprägt von der Koexistenz verschiedener Systeme, dem staatlichen, dem traditionellen, lokalen (von Ethnie zu Ethnie unterschiedlichen) und dem islamischen Recht.
Das staatliche tschadische Rechtssystem basiert auf französischem Kolonialrecht. Bis heute wird etwa das französische Zivilrecht von 1958 modifiziert angewandt, andere Rechtsgebiete, wie das Strafrecht, wurden durch eine nationale Gesetzgebung neu definiert. Über ein einheitliches Familienrecht
wird seit Jahren hitzig debattiert, ohne zu einem einvernehmlichen Ergebnis gekommen zu sein.
Die Justiz ist nur formell unabhängig und steht unter dem Druck der Exekutive. Neben unzureichender personeller und materieller Ressourcen ist das System stark reformbedürftig. Korruption und Vetternwirtschaft auf allen politischen und Verwaltungsebenen behindern Entwicklungsmöglichkeiten und Transformationsprozesse.
Das Gericht
und der Cour Suprême
sind formal die höchsten rechtlichen Instanzen im Land.
In der Révue Juridique
werden Einblicke in einige Rechtsfälle, Urteile und neue Vorhaben zur Gesetzgebung gegeben.
Die Polizei
, Gendarmerie, Armee
, Garde Nationale et Nomade (GNNT)
sind zuständig für die innere Sicherheit. Allerdings herrschen auch hier korrupte Strukturen vor und die meisten Sicherheitsposten sind von regierungsnahen Personen oder Mitgliedern aus dem Clan oder der Ethnie des Präsidenten besetzt. Den Sicherheitsdiensten werden immer wieder Übergriffe auf die Zivilbevölkerung, Willkür, Folter, Verschwindenlassen und Vergewaltigungen vorgeworfen, wobei die Täter fast immer mit Straflosigkeit rechnen können.
Die Kriminalität breitet sich aufgrund der beschriebenen unzureichenden Strukturen, eines schwachen Staates und einer schwachen Justiz weiter aus, so dass von Betroffenen oft zur Selbstjustiz gegriffen wird. Auch Übergriffe auf Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, meist mit dem Ziel Wertgegenstände und vor allem Fahrzeuge zu erbeuten, häufen sich besonders im Osten des Landes.
Waffen: Aufgrund der allgemeinen angespannten Sicherheitslage, rechtsfreier Räume und großer Unterstützung von seiten externer Akteure (z.B.Sudan) haben sich Waffenlieferungen
an die verschiedenen Rebellengruppierungen im Zeitraum von 2004 bis 2008 im Vergleich zu den Vorjahren verfünffacht. Dies hat zu weiterer Militarisierung und Verunsicherung im gesamten Land geführt.
Minen: Die Gefährdung durch Landminen
ist vor allem im Norden des Landes (Ennedi, Tibesti) seit der Verminung des Gebietes während der libysch-tschadischen Auseinandersetzungen um den Aouzou-Streifen ab Mitte der 70er Jahre akut. Nach Angaben der International Campaign to ban Landmines sind mehr als 280 000 Menschen durch Minen bedroht und seit 2006 hat sich auch die Gefahr scharfer, nicht explodierter Munition
(UXO), die bei Rebellenangriffen verwendet wurde, extrem erhöht.
Minenräumungsprojekte
werden immer wieder durch die instabile politische Situation in den betroffenen Gebieten behindert. Eine umfassende Analyse der Situation
und vermehrte Aufklärungsarbeit soll die Gefährdung eindämmen.
Mit der Einführung des Mehrparteiensystems haben sich dutzende Parteien
gebildet. Ihre Wählerbasis beruht zumeist auf ethnischer Zugehörigkeit, die sich über die regionale Herkunft des jeweiligen Kandidaten definiert. Die wichtigste und beherrschende politische Kraft ist die vom Staatspräsidenten geführte Mouvement Patriotique du Salut (MPS)
, die derzeit mit 110 von 155 Abgeordneten im Parlament vertreten ist.
Die wichtigsten legalen Oppositionsparteien
wie z.B. A.C.T.U.S
von Fidel Moungar, die UNDR von Kebzaboh
oder die FAR von Yorongar
, die mit weiteren vier Kandidaten
bei der Präsidentschaftswahl 2001 gegen Déby angetreten waren, beklagten sich - wie bereits bei den vorherigen Wahlen 1996 - über massive Wahlbehinderungen und Unregelmäßigkeiten und fochten die offiziellen Wahlergebnisse
an. Bei den Parlamentswahlen 2002 kam es zum Wahlboykott einiger Oppositionsparteien. International wurden die Wahlen aber als "einigermaßen fair" angesehen, was in einem ausführlichen Dossier aus tschadischer Perspektive
kritischer bewertet wird. Weitere Oppositionsgruppierungen wie FNTR
, PLT und FUDP haben in dem Portal Al-Wihda
und der UDT
ein Forum gefunden.
Die CPDC
(Coalition des partis pour la défense de la Constitution) ist ein überparteiliches Bündnis aus Oppositionsparteien, die sich 2005 aufgrund der damals geplanten Verfassungsänderung zu einem Boykott des Referendums und der sich daran anschließenden Präsidentschaftswahlen 2006 zusammenschlossen.
Im April 2008 nahm Déby vier Oppositionsmitglieder
des CPDC in sein Kabinett
auf. Darunter auch Youssouf Saleh Abbas, der seit 2008 das Amt des Premierministers bekleidete aber im März 2010 seinen Rücktritt
wegen Differenzen mit Déby verkündete. Abbas stammt aus dem Osten des Landes und war in den 90ern aktiv in der Rebellenbewegung MDJT tätig war. Neuer Premierminister ist seither Emmanuel Nadingar
, vormals für Dezentralisierungsfragen zuständig und enger Vertrauter des Präsidenten. Die Absetzung
des alten Premiers wird von Beobachtern als politischer Schachzug im Hinblick auf die anstehenden Wahlen gewertet.
Eine unter vielen Korruptionsaffairen
im Oktober 2009 hatte die Inhaftierung und Vernehmung des 'zweiten Mannes im Staat', Generalsekretär Haroun Kabadi
und weiterer Minister vor Gericht zur Folge. Dabei ging es um einen öffentlichen Beschaffungsauftrag, bei dem mehrere Milliarden Francs CFA Bestechungsgelder geflossen sein sollen.
Präsidentschaftswahl 2006: Schon im Vorfeld der Wahlen, im April des Jahres, brachte eine Rebellenoffensive
das Land an den Rand eines Bürgerkriegs. Die FUCD
unter Mahamat Nour Abdelkerim maschierte am 13. April 2006 in N`Djaména ein, um das Regime Déby zu stürzen und konnte nur mit Hilfe französischer Unterstützung abgewehrt werden. Trotz heftiger Proteste und dem Boykott der Opposition
wurden wie geplant am 3. Mai 2006 die Präsidentschaftswahlen
friedlich, aber mit einer sehr geringen Wahlbeteiligung, abgehalten. Déby konnte diese mangels nennenswerter Gegenkandidaten mit 64,67% der Stimmen für sich entscheiden. Das Netzwerk von Vereinigungen der tschadischen Zivilgesellschaft CSARP
stellte massive Wahlmanipulationen fest und fordert ein Nationales Forum für Frieden und Versöhnung. Von der Internationalen Gemeinschaft
wurden die Wahlen akzeptiert, um eine weitere Destabilisierung zu vermeiden, wie die International Crisis Group
kritisch beleuchtet. Die Kommunalwahlen werden seit Jahren immer wieder angesetzt und dann verschoben. Als Gründe werden immer wieder fehlende finanzielle Mittel als auch die unzureichenden, aber dafür notwendigen kommunalen Strukturen, angegeben.
Wahlen 2010/2011: Voraussichtlich sollen am 28. November 2010 die nächsten Parlamentswahlen
durchgeführt werden, im Dezember sollen die Kommunalwahlen folgen. Kritische Stimmen bemängeln die 'Unsichtbarkeit' der Opposition
bezüglich des Wahlkampfes. Die Opposition ihrerseits beschuldigt Regierungsstellen und Vertreter der commission électorale indépendante (CENI), Manipulationen an den neu erstellten Wählerregistern
vorgenommen zu haben. Für April 2011 sind dann auch die nächsten Präsidentschaftswahlen angesetzt.
Am 13. August 2007 hat sich die Allianz des CPDC (Coalition des partis pour la défense de la Constitution) zu einem von der EU vermittelten Abkommen
mit der Regierung zusammengesetzt, das die Wahlgesetzgebung neu regeln und Richtlinien für eine innere Demokratisierung erarbeitet soll. Zudem sollen die Weichen für die Parlamentswahlen 2010 gestellt werden.


Seit 2005 sieht sich die Regierung Déby einer immer stärker werdenden Oppositon auch aus den inneren Reihen der Macht ausgesetzt. Öffentliche Streiks
wegen geringer Bezahlung
und enormer Preissteigerungen im Zuge der Finanz und Wirtschaftskrise oder lang ausbleibender Lohn- und Rentenzahlungen häufen sich. Desertierende Militärs
, Vorwürfe wegen Zwangsrekrutierungen
und die erstarkenden Rebellenbewegungen sind im Kontext des Konflikts mit dem Sudan
und der innenpolitischen Krise zu sehen. Die Flüchtlingssituation im Darfur und Osttschad sowie der Konflikt um die Verwendung der Erdöleinnahmen
verschärfen die Auseinandersetzungen.
Die Regierung des Tschad hatte den Vertrag über die Finanzierung eines Zukunftsfonds
aus den Einnahmen der Ölförderung aufgekündigt, um die Mittel zur Bewältigung der gegenwärtigen Krisenherde einzusetzen, weswegen die Weltbank die Gelder auf einem Treuhandkonto in London eingefroren hatte. Im September 2008 hat sich die Weltbank dann ganz aus dem Projekt zurückgezogen.
Die außerparlamentarische und bewaffnete Opposition
(runterscrollen; les politico-militaires) mit ihren wechselnden Allianzen sorgt, wie schon 2000 die MDJT
unter Youssouf Tougouimi
, durch militärische Herausforderung der Zentralregierung immer wieder für politische Unruhen. Eine weitere Oppositionspartei ist u.a. die MDD
.
Die sich verstärkt aus dem Clan der Zaghawar formierende Opposition aus fahnenflüchtigen Militärs und Rebellengruppen im Osten des Tschad hat bereits im Jahr 2005 zu einer ersten übergreifenden Allianz
, der "Socle pour le changement, unité nationale et démocratie" (SCUD
), geführt, die damals Spekulationen über ein Ende der Ära Déby Nahrung gab.
2007 und 2008 haben sich die militärischen Auseinandersetzungen
weiter verschärft und eskalierten in einer großen Rebellenoffensive
am 2. und 3. Februar
2008, in der die Hauptstadt N'Djaména
kurzzeitig eingenommen wurde. Durch die Unterstützung französischer Truppen
konnte sich das Regime Déby einmal mehr an der Macht halten. Die chaotische Situation
während und nach den Kämpfen nutzte das Regime für sich, um willkürliche Verhaftungen von Oppositionspolitikern und Menschenrechtsaktivisten vorzunehmen. Zehntausende flüchteten nach den Kämpfen in N'Djaména in das nahegelegene Kousseri nach Kamerun
, wo sie behelfsmäßig in Notunterkünften untergebracht wurden.
Die Instabilität
des Landes nimmt zu, trotz verschiedener zwischen Déby und dem sudanesischen Präsidenten al-Bashir geschlossener Friedensabkommen
. Das letzte Abkommen zur Normalisierung der Beziehungen der beiden Staaten und zur Grenzsicherung wurde am 15. Januar 2010
geschlossen. Die meisten dieser Abkommen der letzten fünf Jahre waren jedoch nicht von langer Dauer.
Ende März 2008 hatten sich die damals bedeutendsten Rebellengruppen (UFDD, RaFD und FUC
), die bei dem Sturm auf N'Djaména beteiligt waren, zu einer großen Allianz
zusammengeschlossen und im Juni 2008 einen erneuten Vorstoß Richtung Hauptstadt versucht, der jedoch von Regierungstruppen abgewendet werden konnte. Auch 2009 und 2010 gab es immer wieder Kampfhandlungen und bewaffnete Vorstöße der Rebellen in Richtung N'Djaména.
Diese Konflikte
zwischen Regierungstruppen und Rebellen reißen vor allem im Osten und Norden des Landes nicht ab, so dass einige Hilfsorganisationen temporär oder auch gänzlich das Einsatzgebiet verlassen
(mußten), da die Sicherheit der Mitarbeiter nicht mehr gewährleistet werden konnte.
Ab Januar 2009 bestand eine weitere Allianz
(UFR) aus neun verschiedenen Rebellengruppen unter Timan Erdimi,
die sich seit April verstärkt Gefechte
mit der tschadischen Armee im Osten des Landes lieferten. Am 25. Juli 2009 wurde in Tripolis ein vielversprechendes Friedensabkommen
mit dem Mouvement National
, einer Koalition von drei Rebellengruppen geschlossen.
Die ANCD
(l'Alliance nationale pour le changement démocratique) ist eine neuere Rebellenallianz die sich im Mai 2010 formiert hat und auch die Absetzung des Regimes Déby anstrebt. Die Allianz setzt sich aus vier Gruppierungen zusammen, der CDR (Conseil démocratique révolutionnaire), der FSR (Front pour lesalut de la République), dem MDRT (Mouvement démocratique de rénovation tchadienne) und der UFDD (Union des forces pour la démocratie et le développement) unter Mahamat Nouri
.
Aus dem jüngsten Zusammenschluß von acht Rebellengruppen ging das Mouvement National du Salut du Peuple (Monasap
) im Juni 2010 hervor.
Die meisten der Rebellengruppierungen agieren vom Territorium des Sudan aus. Da sie jedoch durch interne Machtquerelen zu keinen tragfähigen Koalitionen finden, ist ihre Schlagkraft begrenzt.
Nach den Friedensbemühungen der beiden Länder und dem unbehelligten Besuch von al Bashir
im Tschad im Juli 2010 (obwohl Haftbefehle wegen Völkermords gegen diesen vorliegen), mussten die Rebellenführer das Territorium des Sudan verlassen.

Um die Pressefreiheit
im Tschad (Rang 132 von 175 Staaten im Jahr 2009) ist es in den letzten Jahren sehr schlecht bestellt
. Nach einer zeitweiligen Öffnung bis Anfang 2000 sind Journalisten seitdem immer stärkeren Repressalien
ausgesetzt, die 2005 zu einem Streik
aller Vertreter privater Medien im Tschad
führte. Schon bei kleinsten kritischen Äußerungen werden Radiostationen geschlossen und Berichterstatter bedroht. Seit der wiederholten Rebellenangriffe wird oftmals der Ausnahmezustand verhängt und in diesem Zuge auch die Pressefreiheit eingeschränkt.
Das Radio ist das am weitesten verbreitete Medium
- und vornehmlich unter staatlicher Kontrolle. Die wenigen Privatsender unterstehen einer strengen Prüfung durch die Behörden. Private Fernsehsender gibt es nicht im Tschad.
Radio: Das Radio
dient als Informationsquelle und Nachrichtenübermittlung und bietet vor allem auf dem Land durch die vielen kleinen Regionalsender eine wichtige Austauschmöglichkeit. Der staatliche Hörfunk RNT
(4905 kHz) sendet v.a. in den Sprachen Französisch, Arabisch und Sara, aber auch in anderen Landessprachen. Auf diese Weise werden alle gesellschaftlichen Ereignisse wie z.B. Todesanzeigen, Schulabschlüsse, berufliche Beförderungen, festliche Ereignisse etc. bekannt gegeben. Auf Dorf- und Stadtebene wird diese Aufgabe nach wie vor auch von griots
(oder crieurs publique) erfüllt.
Neben den internationalen Stationen wie RFI, Africa No.1 gibt es andere unabhängige Sender wie z.B. Radio FM Liberté, das von mehreren tschadischen Menschenrechtsgruppen gegründet wurde und, wie auch Radio Brakoss, wiederholt staatlichen Übergriffen und Schließungen ausgesetzt ist.
Presse: Neben der staatlichen Nachrichtenagentur ATP und der regierungsnahen Tageszeitung Le Progrès gibt es noch einige unabhängige bzw. oppositionelle Zeitungen, die meist wöchentlich in einer Auflage von ca. 3.000 Stück erscheinen. Zu den wichtigsten zählt N´Djaména Bi-Hebdo
, die von dem Oppositionspolitiker Saleh Kebzaboh gegründet wurde. Weitere Zeitungen sind Le Temps und L´Observateur sowie das monatlich erscheinende Politik- und Kulturmagazin Tchad et Culture
. Insgesamt gibt es ca. 30 Printmedien, darunter einige zielgruppenspezifische wie z.B. La voix du paysan.
Die Verhaftung von Jounalisten der Zeitungen Le Temps und L´Observateur im Juni 2005 und die Ausweisung
eines Journalisten von La Voix im Oktober 2009 haben internationale Proteste hervorgerufen. Mit der Verschärfung der Konflikte haben auch die Presse und andere Medien mit stärkeren Einschränkungen
zu kämpfen. Kritische Journalisten müssen daher mit Repressalien und Verfolgung rechnen.
Fernsehen: Es existiert nur ein staatliches Programm von Télé-Tchad
, das ab nachmittags in Französisch und Arabisch sendet. Die mangelnde Infrastruktur und geringe Kaufkraft stehen einer größeren Verbreitung entgegen.
Allerdings gibt es viele Video-Bars, wo Filme (viel Bollywood), aber auch Sport (insb. Fussball) und Nachrichten geschaut werden können.
Ein Programm der Afrikanischen Entwicklungsbank und der Weltbank hat im September 2009 den Auftakt gegeben, 11 Ländern in Zentralafrika den schnellsten und modernsten Zugang zu Internet- und Telefonserviceleistungen
zu ebnen. Tschad gehört zu den drei Pilotländern, gemeinsam mit Kamerun und der Zentralafrikanischen Republik (CAB).
Die aktuellsten Ereignisse sind übersichtlich bei izf.net
zusammengefasst und eine Übersicht der lokalen Presse findet man bei CEFOD
(revue de presse).
Menschenrechte spielen in der kritischen einheimischen Berichterstattung eine wichtige Rolle. Es haben sich bereits mehrere couragierte einheimische Menschenrechtsorganisationen gebildet, darunter die ATPDH (Association tchadienne pour la promotion et la défense des droits de l'Homme
) der Aktivistin Jaqueline Moudaina
(Preisverleihung)
. Amnesty International dokumentiert in ihrem Jahresbericht 2009
u.a. verschiedene Menschenrechtsverletzungen
wie willkürliche Verhaftungen, Misshandlungen, Zwangsrekrutierungen sowie Vergewaltigungen. Nach 12 Jahren wurden 2003 wieder Hinrichtungen
durchgeführt. Auch in 2004
wurden Todesurteile verhängt, aber nicht vollstreckt. Einen Überblick für 2006
findet man bei Human Rights Watch.
Ein zentrales Problem besteht darin, dass Straftäter sehr häufig gerichtlich nicht zur Verantwortung gezogen werden (impunité).
Oft sind Angehörige von Sicherheitskräften in die Straftaten involviert, wie auch bei den Zwangsräumungen und Zerstörungen von Häusern in N'Djaména
, die seit den Rebellenangriffen im Februar 2008 immense Ausmaße angenommen haben.
Besonderer Form von Gewalt sind vor allem Frauen in den Flüchtlingsgebieten ausgesetzt, da sexuelle Gewalt
als Kriegsstrategie eingesetzt wird.
Die Untersuchungen
zu den Menschenrechtsverletzungen unter der Herrschaft von Ex-Präsident Hissène Habré ("Le jugement de Hissène Habré"
), der auch der 'Pinochet von Afrika
' genannt wird, werden in Belgien und im Tschad weiter fortgeführt (siehe auch Chronologie
).
Auf Bitten der AU soll Senegal
- wo sich Habré die letzten Jahrzehnte im Exil befand - die Durchführung des Gerichtsverfahrens gegen Habré
übernehmen, wobei es immer wieder zu Verzögerungen
kommt, die von Belgien inzwischen scharf kritisiert werden.
Nach der Rebellenoffensive Anfang Februar 2008 kam es vermehrt zu willkürlichen Verhaftungen und Bedrohungen von Oppositionellen
, Regimekritikern und Menschenrechtsaktivisten durch die Regierung. Der Oppositionelle Mahamat Saleh
ist bis heute verschwunden und nach Aussage des Oppositionspolitikers der FAR (Fédération action pour la république), Yorongar, vermutlich tot
.
Kindersoldaten
und Kinderarbeit
sind im Tschad sehr verbreitet. Vor allem in den Jahren 2006 und 2007 stieg die Zahl der Kinder, die von der tschadischen Armee und anderen bewaffneten Gruppen rekrutiert wurden, v.a. im Osttschad enorm an. Trotz einer internationalen Vereinbarung mit der Regierung zur Demobilisierung
der Kindersoldaten stehen schätzungsweise immer noch bis zu 10.000 Kinder unter Waffen. Eine regionale Konferenz
zu diesem Thema fand Anfang Juni 2010 in N'Djaména
statt, in der die Beendigung der Rekrutierung von Kindersoldaten von den Unterzeichnenden
(darunter auch der Tschad) erklärt wurde.
Der Tschad wurde von Transparency International
im Jahr 2005 als korruptestes
Land bewertet, seither haben sich die Einschätzungen kaum verändert (2008: Rang 173 von 180 untersuchten Staaten). Korruption, Schmiergelder und Vetternwirtschaft sind auf allen politischen und gesellschaftlichen Ebenen an der Tagesordnung und gelten als strukturelles Problem
.
Der Konflikt
in der Grenzregion zum Sudan hat sich in den letzten Jahren zunehmend unter Beteiligung von verschiedenen Rebellengruppen, Janjawid
-Milizen, desertierten Militärs und anderen kriminellen Banden verschärft. Dabei hat er sich seit 2003 über die Grenze in den Tschad ausgeweitet und seit geraumer Zeit auch die Zentralafrikanische Republik
ergriffen. Aufgrund des grenzüberschreitenden Konflikts
und der daraus resultierenden Flüchtlingskrise haben sich im Tschad auch interkommunale Auseinandersetzungen
zwischen Viehhaltern und Ackerbauern um die überstrapazierten Resourcen verschärft. Aufgrund der schwierigen Sicherheitslage haben viele Hilfsorganisationen
ihr Personal stark reduziert oder sich ganz zurückgezogen, wodurch die Versorgung
der Flüchtlinge weiter gefährdet ist. Allein 2009 wurden über 50 Überfälle auf Mitarbeiter von Hilfsorganisationen vermeldet.
Auch mit der Dafur-Krise im Zusammenhang steht ein fehlgeschlagener Putschversuch gegen Déby im Mai 2004
, der aus dem engeren Kreis seiner eigenen Ethnie heraus, den Zaghawer, durchgeführt wurde. Interne Konflikte um die Verfassungsänderung und damit auch um die Nachfolgeregelung des Präsidenten spielten dabei ebenso eine Rolle. Trotz verstärkten Widerstands aus den eigenen Reihen wollte Déby damals seinen Sohn als Nachfolger aufbauen, der jedoch aus nicht geklärten Gründen im Juli 2007 in Paris ums Leben kam. Im April 2006
kam es zum Angriff einer Rebellengruppe auf N'Djaména, der aber von der Regierung und unter Mithilfe der französischen Armee zurückgeschlagen wurde. All diese Faktoren zusammengenommen haben zu einer Schwächung der Position Débys
geführt, die durch erneute Angriffe von außen und innen in den Folgejahren immer wieder in Frage gestellt wird.


Der seit dem Jahr 2003 andauernde Konflikt in Darfur hat ca. 300.000 Menschen aus dem Westen des Sudan auf der Suche nach Sicherheit über die Grenze in den Tschad fliehen lassen. Trotz diplomatischer Bemühungen und politischem Druck seitens der UN und AU sowie einzelner Regierungen hat sich die Sicherheitslage in Darfur bisher nicht wesentlich verbessert. Die Entsendung von internationalen Friedenstruppen
und der 2008 eingesetzten Eufor-Friedenstruppe
gestaltete sich sehr schwierig. Die Eufor-Überbrückungsmission
wurde Mitte März 2009 an die UNO-Mission
MINURCAT
übergeben, die im Tschad und in der Zentralafrikanischen Republik zum Schutz von Zivilisten, insbesondere Flüchtlingen und zur Friedenssicherung beitragen soll. Anfang 2010 hat sich Präsident Déby gegen eine Mandatsverlängerung
der MINURCAT-Mission ausgesprochen. Der Abzug
, der nun für Ende 2010 beschlossen wurde, wird von vielen Seiten als äußerst problematisch für die Sicherheitslage
und die Entwicklung des Landes gewertet.
Die Versorgung der über eine Million Binnenvertriebenen (IDPs) im Sudan und 170 000 Binnenvertriebenen im Tschad
in 38 Camps durch UN- und Hilfsorganisationen wird immer stärker beeinträchtigt.
In der Region Ouaddai/ Biltine (Osttschad) werden seit Jahren 12 Flüchtlingscamps
unterhalten. Die meisten der Flüchtlinge sind Frauen und Kinder. Die Lage hatte sich für sie bezüglich der Grundversorgung einigermaßen stabilisiert, bis es wieder zu vermehrten Übergriffen in den letzten zwei Jahren kam. Es besteht gerade in den sensiblen Bereichen der Ressourcennutzung von Wasser
, Holz, Acker- und Weideland noch weiterer Handlungsbedarf, um Konflikte zwischen lokaler Bevölkerung und Flüchtlingen
zu vermindern.
Binnenflüchtlinge
n, die in den letzten Monaten verstärkt versuchen in ihre Dörfer zurückzukehren, droht Gewalt, Zwangsrekrutierung und erneute Vertreibung, wie ein Human Rights Watch-Bericht
dokumentiert.
Beim UNHCR
finden sich viele detaillierte Statistiken und Übersichtskarten und bei IRIN-News aktuelle Berichte
zur Situation in der Region
.
Seit Juni 2005 finden auch im Süden des Tschad wieder größere Flüchtlingsbewegungen
aufgrund der unsicheren Lage im Norden der Zentralafrikanischen Republik statt. Bei dieser Krise im Schatten der Darfur-Krise
sind bisher mehr als 81.000 Menschen über die Grenze geflüchtet, die jetzt in verschiedenen Camps entlang der Grenze untergebracht sind. Eine noch größere Anzahl von Flüchtlingen befindet sich im Nachbarstaat Kamerun.

Sudan: Die Beziehungen zum östlichen Nachbarn Sudan sind sehr komplex und haben sich in den letzten Jahren vor allem durch die Krise und die Flüchtlingsströme aus dem Darfur erheblich verkompliziert
. Schon seit dem Bestehen der Republk wurde das Gebiet des westlichen Sudan zum Rückzugs- und Aufrüstungsstandort
für Rebellen und Bewegungen, die sich gegen das herrschende Regime im Tschad stellten. Auch Déby hat sich vor seiner Machtübernahme 1990 im Sudan Unterstützung geholt und von dort aus seine Offensiven gestartet. Deshalb hat sich Idriss Déby zu Anfang der Darfur-Krise auch lange mit Kritik an el-Bashir zurückgehalten und versuchte sich sogar als Vermittler, obwohl von der Krise auch seine eigenen Clanmitglieder betroffen waren und sind (die Zaghawa, die Ethnie des Präsidenten siedelt grenzübergreifend im Tschad und im Sudan). Als der Druck auf Déby zu groß wurde und er damit begann, die Rebellen zu unterstützen, die gegen das sudanesischee Zentralregime agierten, kam es vermehrt zu Spannungen
zwischen beiden Regierungen. Es folgten gegenseitige Vorwürfe
, verschiedene Rebellengruppen im jeweils anderem Land zu unterstützen. Dies hatte zur Folge, dass die diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern 2006 und auch in den Folgejahren
abgebrochen wurden (z.Zt. bestehen wieder diplomatische Beziehungen). Etliche Friedensverträge
und auch ebensoviele Brüche von Verträgen und Vereinbarungen beider Seiten gingen dem voraus.
Der letzte Friedensvertrag Anfang Mai 2009 in Doha
geriet durch anschließende intensive Kampfhandlungen zwischen tschadischen Regierungstruppen und vom Sudan unterstützten Rebellengruppen zur Farce. Seit Oktober sind wieder Annäherungen
zwischen den beiden Staaten zu beobachten, die auf eine Normalisierung
der Beziehungen hoffen lassen.
Die Instabilität des Tschad, der Darfur-Region und auch anderer Nachbarn, wie etwa der Zentralafrikanischen Republik
, birgt nach Meinung internationaler Beobachter
, die Gefahr der Destabilisierung der gesamten Region.
Die Beziehungen
zu Libyen
sind für den Tschad durch die Jahrhunderte alten ethnischen, religiösen und Handelsverbindungen schon immer sehr wichtig gewesen.
Konflikte
mit dem Anrainerstaat im Norden ergaben sich seit 1976 aufgrund von Territorialansprüchen seitens Libyens General Gaddhafi, insbesondere um den Aouzou
-Streifen im Norden des Tschad. Diese Auseinandersetzungen wurden erst 1994 endgültig durch eine Entscheidung des Internationalen Gerichtshofs beigelegt.
Die Beziehungen zu Nigeria sind gegenwärtig überwiegend von wirtschaftlichem Interesse der beiden Staaten geprägt. In den Bürgerkriegswirren der 70er und 80er
Jahren hat sich Nigeria als Vermittler und Sponsor von Gesprächen zwischen den rivalisierenden Fraktionen hervorgetan. In den 80ern wurden die diplomatischen Beziehungen
intensiviert und bilaterale Handelsabkommen geschlossen. Bis heute ist der Export von Lebendvieh und getrocknetem Fisch und der Import von verarbeiteten Waren (Plastik) für den Tschad von großer Bedeutung. Hinzu kommt der informelle Warenfluss zwischen den beiden Ländern, der beträchtlich ist.
Frankreich: Als ehemalige Kolonialmacht unterhält Frankreich
bis heute enge Verbindungen zum Tschad. Der Tschad wiederum sieht in Frankreich seinen Hauptverbündeten auf der internationalen Bühne. Das französische Militär
unterhält in der Nähe von N'Djaména eine seiner größten Basen in Afrika und war in der gesamten Geschichte der Republik immer wieder mit militärischen Aktionen
in die Geschicke des Landes involviert
. Frankreich hat in den vergangenen Jahren wiederholt zum Erhalt der Regierung Déby beigetragen und bei den Rebellenangriffen 2006 und 2008 durch logistische Unterstützung entscheidend zum Sieg der Regierungstruppen beigetragen.
USA: Die Beziehungen zwischen den USA und dem Tschad wurden erst in den 80er Jahren intensiviert
, als sich eine regionale Destabilisierung durch die libyschen Expansionsbestrebungen abzeichneten. Heute sind die Interessen der USA überwiegend strategischer Natur. Dabei geht es hauptsächlich um die Sicherung der Erdölförderung, um Terrorismusbekämpfung (Pan-Sahel-Initiative
) und Trans- Sahara Counterterrorism Initiative (TSCTI
) und die Rolle des Tschad im Zusammenhang mit dem Konflikt im Darfur.
China: Seit einigen Jahren ist ein wachsender chinesischer Einfluss
in der Region zu beobachten. Deby hat im August 2006 die Beziehungen mit China
wieder aufgenommen, nachdem er die Verbindungen mit Taiwan
rigoros abgebrochen hatte. Anfang 2007 hat die chinesische CNPC (China National Petroleum Corporation) die Erdölkonzessionen der kanadischen EnCana im Osten des Landes übernommen. Die Konkurrenz zwischen westlichen Förderunternehmen und China um den Zugang zu Erdöl nimmt damit zu. 2010 wurde nach intensiven Gesprächen ein Abkommen über bilaterale Handelsbeziehungen
geschlossen.
Der Tschad ist u.a. Mitglied von internationalen Organisationen
, wie etwa der UN, der Afrikanischen Union
und des IWF.
Deutschland: Als erstes Land nach Frankreich nahm Deutschland 1961 diplomatische Beziehungen
zum Tschad auf. Durch jahrzehntelange entwicklungspolitische Zusammenarbeit genießt Deutschland im Tschad ein hohes Ansehen. Seit 2007 ist Deutschland im Rahmen der EU als Teil einer internationalen Beobachtergruppe an der Bildung eines politischen Abkommens zwischen Regierung und Opposition beteiligt, das den demokratischen Dialog stärken und die Wahlgesetzgebung neu regeln soll. 2011/2012 werden die bilateralen Beziehungen zum Tschad auslaufen.

Brigitte Salzberger, Ethnologin (MA), geb. 1967 lebt und arbeitet in Rheinland-Pfalz.
Verschiedene Forschungs-aufenthalte in Tschad, Ghana und Südostasien. Seit 2001 als freie Referentin in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit (Erwachsenenbildung, Kinder und Jugendliche) tätig.
Seit 2003 Landeskunde-Tutorin für den Tschad bei InWEnt - Vorbereitungsstätte für Entwicklungszusammenarbeit.
Über Anregungen und Kommentare freue ich mich.