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Die makrosoziale Struktur des Tschad hat sich durch die koloniale Eroberung und Verwaltung seit Anfang des 20. Jahrhunderts stark verändert. Obwohl schon vormals große Unterschiede zwischen den überwiegend im Norden ansässigen, zentralistischen Sultanaten und den kleinen, weniger hierarchisch organisierten Dorfgesellschaften im Süden bestanden, brachte die Kolonialverwaltung einschneidende Veränderungen für die Bevölkerung. Viele traditionelle Autoritäten wurden abgesetzt und andere, die sich teilweise auf wenig Akzeptanz in der Bevölkerung stützen konnten, wurden von der französischen Kolonialverwaltung
eingesetzt. Neue Verwaltungseinheiten und -grenzen wurden geschaffen und damit lokale und ethnische Trennung vorangetrieben. Zudem wurde die Bevölkerung des Südens (le tchad utile) gegenüber dem Norden favorisiert und die sesshafte Bevölkerung gegenüber der nomadisch lebenden. Diese Ungleichbehandlung hielt auch nach der Unabhängigkeit an und ist bis heute ein bedeutendes Element in den interethnischen Konflikten.
Ein weiterer großer Einschnitt und Veränderung für die sozialen Srukturen in den Clans und Familien bedeutete die Einführung der Geldwirtschaft und der Anbau von cash-crops (Baumwolle), vor allem im Süden. Individualität gewann an Bedeutung und schwächte die traditionellen Dorfstrukturen. Jedoch bildet die Familie nach wie vor die Basis der sozialen Organisation, wobei der überwiegende Teil der ethnischen Gruppen patrilinear strukturiert ist.
Trotzdem oder gerade wegen der konfliktreichen Staatsgeschichte haben bis heute die noch in weiten Teilen des Landes aktiven traditionellen Autoritäten, wie Sultane, Könige oder Ältestenräte wichtige Beratungs- und Mediationsfunktionen inne. Ihnen wird von der lokalen Bevölkerung häufig ein höheres Vertrauen entgegengebracht als den staatlichen Vertretern. Dies macht auch eine ethnologische Studie aus dem Flüchtlingsgebiet um Dar Sila im Osten des Landes sichbar, in der es um Gesellschaftsstrukturen, Ursachen von Gewalt und Mediationsstrategien in dieser Region geht. ("Sources de violence, médiation et réconciliation. Une étude ethnologique sur le Dar Sila")

Heute gliedert sich das Land in mehr als 200 ethnische Gruppierungen
, die sowohl sprachlich als auch kulturell sehr heterogen
sind. Die geographischen Gegebenheiten der Sahara-, Sahel- und Sudanzone haben zu unterschiedlichen Wirtschaftsformen geführt, die sich in nomadischer, halbnomadischer oder sesshafter Lebensweise ausdrücken. Die sozio-ökonomische Gesellschaftsstruktur
der verschiedenen Ethnien differiert daher stark. Obwohl seit der Kolonialzeit versucht wurde, die Idee einer 'nationalen' Gesellschaft innerhalb der künstlich gezogenen Grenzen zu etablieren, bleibt vor allem für die ländliche Bevölkerung die lokale oder regionale Gesellschaftsordnung der bedeutendste Bezugsrahmen ausserhalb der Familie.
Vertreter der verschiedenen Wirtschaftsformen sind beispielsweise die Tubu-Nomaden
und Daza
der Sahara, die oftmals halbnomadisch lebenden arabischen Ethnien
der Sahelgebiete und die sesshaften Sara der Sudanzone. Die größte ethnische Gruppe bilden im Tschad die Sara
mit 27,7 %, dann folgen die Araber mit 12,3 %, Mayo-Kebbi mit 11,5 %, Kanembou 9 %, Ouaddai 8,7 %, Hadjarai
6,7 %, Tandjile 6,5 % und Gorane mit 6,3 %, Masalit
, Peul
und viele andere.
Diskriminierung gegenüber Minoritäten
herrscht im Tschad besonders gegenüber den Peul, die trotz eines im Jahre 2006 angenommenen Antidiskriminierungsgesetzes von wichtigen Entscheidungsprozessen ausgeschlossen werden.
Der Tschad gehört zu den sprachenreichsten Ländern der Erde. Es existieren über 120 Sprachen
und Dialekte im Land, die überwiegend der nilo-saharischen, der afro-asiatischen
und der niger-kongo
Sprachfamilie
zuzuordnen sind. Rund 26 % der Gesamtbevölkerung spricht Arabisch als Muttersprache und etwa 20 % der Bevölkerung das im Süden des Landes verbreitete Sara.
Offizielle Amtssprachen sind Französisch und Arabisch, wobei das lokale Tschadarabisch
durch den Handel auch bei weniger gebildeten Bevölkerungsschichten, selbst im Süden des Landes, verbreitet ist. Französisch, in seiner landestypischen Ausprägung
, wird überwiegend nur von Bevölkerungsgruppen mit einer formalen westlichen Bildung und von der Stadtbevölkerung gesprochen.
Die Arbeitslosigkeit im Tschad ist sehr hoch, wobei keine aussagekräftigen statistischen Daten existieren. Die meisten Menschen behelfen sich mit Gelegenheitsjobs und Kleinhandel und versuchen zudem durch Subsistenzwirtschaft ihren Lebensunterhalt zu sichern.
Informeller und formeller Sektor: Der informelle Sektor
ist im Tschad von großer Bedeutung, da die staatlichen- wie auch die privatwirtschaftlichen Strukturen
nur marginal ausgeprägt sind. Frauen erwirtschaften sogar zu 97% ihren Lebenunterhalt mit informeller Arbeit. Besonders erwähnenswert ist hierbei die Bili-Bili-Produktion
(lokales Hirsebier), das ausschließlich von Frauen hergestellt wird. Jedoch sind die aus dem informellen Bereich erwirtschafteten Einfommen meist nur gering und der Zugang zu Produktionsmitteln und Krediten
schwierig.

Zwischen Stadt und Land herrscht, wie in vielen Ländern der Sahel-Zone, auch im Tschad eine nicht zu übersehende Kluft. Der Urbanisierungsgrad liegt bei 27 %. Die größte Stadt des Landes ist die Hauptstadt N'Djaména
mit knapp einer Mio. Einwohner. Weitere ökonomisch wichtige Zentren sind Moundou und Sarh im Süden und Abéche im Nordosten.
Eine Übersicht der wichtigsten Städte
mit Einwohnerzahlen verdeutlicht den geringen Urbanisierungsgrad der Bevölkerung.

Gesellschaftliche und religiöse Rahmenbedingungen und Einflüsse prägen ganz entscheidend die Situation der Frauen im Tschad
. Als während des Bürgerkriegs viele Männer emigrierten oder keine Arbeit fanden waren die Frauen gezwungen, neue Strategien zu entwickeln, um das Überleben der Familie zu sichern. Eine Veränderung der Geschlechterverhältnisse
war die Folge. Da die Möglichkeiten einkommenschaffender Aktivitäten sehr begrenzt war, konzentrierten sie sich auf die Herstellung von Nahrungsmitteln, bildeten Handelsnetzwerke und nahmen dabei weite Wege auf sich. Der Konflikt ermöglichte Frauen in öffentliche, ehemals nur den Männern vorbehaltene Domänen vorzudringen dort und ihren Platz insbesondere im Kleinhandel zu verteidigen. Allerdings darf dieser Umstand nicht vergessen lassen, dass Frauen nach wie vor nur geringe Handlungsspielräume und begrenzte Verfügungsgewalt über Ressourcen, ihren Körper, und ihr Handeln besitzen, auch wenn diese Tatsache natürlich von Ethnie zu Ethnie variiert. Dies zeigt sich auch in den vielen Fällen von Zwangsverheiratungen
, die häufig sehr junge Frauen und Mädchen betreffen und die wachsende Zahl von filles-mères
(minderjährige Mütter), die nicht nur in den Städten anzutreffen sind. MUDESOFT (Mutuelle pour le Développement Economique et Social de la Femme Tchadienne) und Appel-Durance
sind Organisationen, die sich für junge ledige Mütter
, die oft von ihrer sozialen Gemeinschaft ausgeschlossen werden, einsetzen und versuchen, ihnen durch Kinderbetreuungsangebote und Ausbildungsmöglichkeiten Zukunftsperspektiven zu eröffnen. Desweiteren haben sich seit 1990 verschiedene Frauenorganisationen
, unter anderem die AFPAT
(Association des Femmes Peules Autochtones du Tchad), die bestimmte ethnische Gruppen unterstützen und Rechtshilfeorganisationen wie die AFJT (Association des Femmes Juristes), die Rechtsbeihilfe bei Ehescheidungen oder bezüglich des Kindschaftsrechts und Erbrechts
anbieten, gebildet.
Der Global Gender Gap Report
von 2011 bescheinigt dem Tschad wie auch im letzten Jahr den vorletzten Platz vor dem Jemen (134 von 135 Ländern), was die Gleichstellung der Geschlechter im Hinblick auf die Bereiche Bildung, Politik, Wirtschaft und Gesundheit
betrifft und auch Amnesty International weist in seinem Bericht vom Oktober 2011 auf eklatante Diskriminierungspraktiken
hin.
Einige aktuelle Artikel zu Frauenthemen und Diskussionen im Tschad bietet ein Dossier der monatlich erscheinenden Zeitschrift Tchad & Culture
.
Ausschnitte aus Lebensabschnitten von Frauen
sowie Bräuche bei Hochzeiten
und Geburten
vermitteln einen kleinen Einblick in das Alltagsleben.
Der internationale Frauentag am 8. März, La Semaine nationale de la femme tchadienne (SENAFET
), wird im Tschad seit 1987 mit vielen Aktivitäten gefeiert.


Die weibliche Beschneidung
wird in weiten Teilen des Tschad, v.a. in den östlichen und südlichen Gebieten praktiziert. Dabei handelt es sich um die verschiedensten Formen und Ausprägungen von der sogenannten "kleinen Beschneidung" bis zur "Infibulation". Insgesamt sind davon ca. 45 % der Frauen im Tschad
betroffen, wobei sowohl christlich und von traditionellen Religionen geprägte Ethnien als auch muslimische Ethnien diesen Eingriff durchführen. Am weitesten verbreitet ist diese Praktik bei den arabischen Ethnien, den Hadjarai und den Ouaddai.
Den Kampf gegen die weibliche Beschneidung im Tschad dokumentiert ein Aufsehen erregender Film (1994) der tschadischen Journalistin Zara Jacoub. In "Dilemme au Feminin" werden Ausschnitte einer reelen Beschneidung gezeigt, die 1995 auch im tschadischen Fernsehen ausgestrahlt wurden. Daraufhin erhielt Jacoub mehrere Morddrohungen und es kam zur Verhängung einer Fatwa gegenüber der Journalistin. Über den Fall und die zum Teil heftigen Reaktionen, die er nach sich zog, berichtet Amnesty International 1996
.
Seit 1988 existiert im Tschad ein nationales Kommitee (CONA/CI-AF), das sich für die Überwindung weiblicher Genitalverstümmelung, mit Hilfe der Entwicklung anderer Initiationsriten, einsetzt und in der Bevölkerung Sensibilisierungsarbeit leistet.

Die Analphabetenquote
wird bei den Männern auf etwa 59 %, bei den Frauen auf etwa 87 % geschätzt. Die Bevölkerung des Tschad ist sehr jung. Die Altersstruktur liegt bei unter 15jährigen bei 47 % und bei den über 65jährigen bei 2,9 %. Das Durchschnittsalter beträgt 16,3 Jahre.
Neben Koranschulen
im Norden, deren Schüler "mouhadjirine
" genannt werden, gab es vorwiegend im Süden die Institution der Initiationsriten
, die der traditionellen Wissensvermittlung zwischen den Generationen dienten. In den 1920er Jahren wurde von den Franzosen und den ersten christlichen Missionaren ein rudimentäres formales Bildungswesen
westlichen Typs eingeführt. Bis 1942 gab es keine weiterführenden Schulen
und nur wenige Tschader hatten die Möglichkeit, im Kongo eine höhere Schulbildung zu erlangen. Die Université de N'Djaména
eröffnete im Jahre 1971. Ansonsten bieten nur wenige Hochschulen und Technische Institute in Abeché, Doba, Sarh, Moundou und N'Djaména eine weiterführende Ausbildung
an.
Generell lehnt sich das Schulsystem des Tschad bis heute an das dreigliedrige System Frankreichs an. Die Kinder werden offiziell mit sechs Jahren eingeschult. Die Grundschulzeit
ist auf sechs Jahre angelegt und wird mit einem Zertifikat abgeschlossen. Weiterführende Schulen sind collège (4 Jahre) und lycée (7 Jahre), wobei das lycée mit dem baccalauréat (bac) abschließt und zum Hochschulstudium führt. Seit einigen Jahren kann sowohl Französisch als auch Arabisch
als Unterrichtssprache gewählt werden und bilinguale Schulen
mehr gefördert werden.
Da der Staat jedoch nur zum Teil die Bereitstellung von Lehrmaterialien, Lehrerausbildung und -bezahlung wahrnimmt, sind die vielfach auf dem Land gegründeten Associations des Parents d'Élèves
gezwungen, auf eigene Initiative und Kosten Lehrkräfte für ihre Kinder zu organisieren.
Besonders Mädchen sind die Benachteiligten dieser unzureichenden Bildungsmöglichkeiten, da für sie Bildung als nicht so wichtig erachtet wird und sie vor allem auf dem Land schon sehr früh verheiratet werden. Ein Artikel aus dem Département Fitri
beschreibt einige Ursachen und Hintergründe für die minderen Bildungschancen von Mädchen. Noch gravierender wirkt sich diese Benachteiligung bei nomadisierenden Ethnien wie den Peul aus, wo Mädchen kaum formale Bildungschancen erhalten.
Die UNESCO gab 2008 von ihrem International Bureau of Education einen Bericht über das Bildungsprofil
im Tschad heraus, in dem die schwierige Bildungssituation
im Land aufgezeigt wird. Statistische Daten
zum Bildungswesen stellt ebenfalls die UNESCO zur Verfügung.

Das Gesundheitswesen
hat sich im Tschad aufgrund der instabilen politischen Lage der letzten Jahrzehnte, nicht nur in den östlichen Gebieten
, nur rudimentär ausbilden können. Zwar hat sich die Situation u.a. durch die Unterstützung
des Europäischen Entwicklungsfonds in den letzten Jahren verbessert, aber nach wie vor sind die ländlichen Gebiete
unzureichend versorgt und die Bevölkerung weist einen sehr schlechten allgemeinen Gesundheitszustand
auf. Besonders in der Region Kanem
im Westen des Tschad ist die Versorgung besorgniserregend schlecht.
Vor allem die Mütter- und Kindersterblichkeit
ist im afrikanischen Vergleich sehr hoch. Dadurch, dass viele Mädchen schon mit 12 oder 13 Jahren verheiratet werden, kommt es zu frühen Schwangerschaften, die in diesem Alter häufig zu Geburtsverletzungen und Fisteln
führen. Diese wiederum sind oft mit Inkontinenz und daraus folgender gesellschaftlicher Ausgrenzung verbunden.
Die einzelnen Präfekturen sind im Tschad in Préfectures Socio-Sanitaires eingeteilt und verfügen über Krankenhäuser und Krankenstationen
, die jedoch oft nur mit dem Nötigsten ausgestattet sind und gravierende hygienische Mängel aufweisen. Lediglich 30 % der Bevölkerung hat Zugang zu den primären Gesundheitseinrichtungen, wie die statistischen Daten der WHO
dokumentieren.
Von vielen Tschadern werden nach wie vor sowohl aus Kostengründen als auch aus Überzeugung traditionelle Heilmethoden
bevorzugt. Inzwischen gibt es auch Kooperationen
zwischen Vertretern schulmedizinischer und traditioneller Heilmethoden.
Seit Herbst 2010 hatten in weiten Landesteilen Überschwemmungen
die schlimmsten Choleraausbrüche
der letzten 10 Jahre zur Folge, die bis Ende 2010 schon nahezu 7000 Krankheitsfälle und über 200 Todesopfer forderten. In 2011
stieg die Zahl der Choleratoten schon auf über 400, infizierte Personen werden auf etwa 15000 geschätzt.
HIV
/Aids
Noch zählt der Tschad
zwar nicht zu den Hochprävalenzländern, aber das Virus verbreitet sich besonders im Süden
(Erdöl-und Flüchtlingsregion) und in der Region rund um den Lac Tchad
sehr schnell. Die Infektionsrate
ist somit konstant steigend
und aktuelle Statistiken
sprechen von etwa 4-5 % der Bevölkerung
, die betroffen sein soll (in der Erdölregion sogar 10 %). Kulturelle und religiöse Tabus sowie eine große Unwissenheit bezüglich Übertragungsmöglichkeiten
und Verwendung von Kondomen, führen zu großen Schwierigkeiten bei der Implementierung von Aufklärungskampagnen und Programmen
.

Die 'eine' kulturelle Identität im Tschad gibt es sicherlich nicht. Dazu ist die Region viel zu sehr eine soziale und politische Konstruktion, deren Teilgebiete eine beträchtliche Heterogenität aufweisen. Diese ist unter anderem auf historische und räumlich-geographische Faktoren zurückzuführen, wie sie in den makrosozialen Strukturen bereits beschrieben wurden..
Kunst und Kunsthandwerk:
Kunst
und traditionelles Kunsthandwerk spielen sowohl im Alltag als auch im religiösen Leben der Menschen eine wichtige Rolle.
Zeugnisse künstlerischer Ausdrucksformen lassen sich vor allem im Tibesti und Ennedi-Gebirge bis ins Neolitikum
durch eindrucksvolle und gut erhaltene Felsenmalereien nachweisen.
Bedeutend für das Kunsthandwerk sind die Schmiede, die einer eigenen Kaste, den Haddad angehören und eine besondere Stellung in der Gesellschaft einnehmen. Auch Weber, Töpferinnen, Hersteller von Korbwaren und Flechtarbeiten und Lederhandwerker sind wichtige Akteure des traditionellen Handwerks.
In Gaoui
, einem kleinen Ort am Chariufer, unweit von N`Djaména, kann man die Töpferkunst der Kotoko bewundern, die sich als Nachfahren der Sao-Hochkultur sehen. In Gaoui steht auch ein kleines Museum mit Beispielen von Kotoko- und Sao-Keramiken aus verschiedenen Epochen.
Das Musée National
du Tchad in N'Djaména bietet einen Einblick in die Geschichte des Landes durch archäologische und ethnographische Ausstellungsstücke (Fossilien, Keramiken, Schmuck u.ä.).
Tanz und Choreographie:
Der Vorläufer des Ballet National Tchadien
wurde in den 70er Jahren gegründet und hat seither auch auf internationaler Ebene einige Auszeichnungen erhalten. Die Tänzer und Tänzerinnen führen den Betrachter durch die Vielfalt der Tänze und Tanzstile des gesamten Landes. Daneben gewinnen mehr und mehr zeitgenössische Elemente im Tanz an Bedeutung.
Vorwürfe der Instrumentalisierung des Ballets durch die Regierung haben zur Abspaltung und Gründung eines privat organisierten Ensembles "Le Ballet Loma", geführt, das so jedoch nicht mehr existiert. "Kadja Kossi" und "Les jeunes tréteaux" sind erfolgreiche Gruppen, die kontemporären Tanz und Theater
repräsentieren, jedoch nur durch die Unterstützung von ausländischen Organisationen fortbestehen können, da es im Tschad selbst keinen Markt und kaum Unterstützung für diese Initiativen gibt.
Traditionelle Musik:
Die traditionelle Musik des Tschad nimmt einen wichtigen Platz im kulturellen und rituellen Leben der Menschen ein.
Im Süden sind die musikalischen Elemente stark von schwarzafrikanischen Einflüssen geprägt, im Norden kommen wesentlich mehr arabische Einflüsse zum Tragen, was sich auch im sehr unterschiedlichen Tanzstil manifestiert.
Die Sara im Süden benutzen eine große Bandbreite an Instrumenten wie bspw. Trommeln, Leiern, Flöten oder das Balafon
, den Urahn unseres Xylophons. Im Westen der Republik sind verschiedene Blasinstrumente sehr verbreitet, wie etwa die Kera-Flöte der Toupouri
oder sehr lange Horntrompeten bei den Kanembou.
Im Norden gibt es professionelle Musikerkasten, die traditionelle Gesänge vortragen und Geschichten erzählen. Balafon und Kora
sind hier die bekanntesten Instrumente.
Moderne Musik:
2007 hat die tschadische Sängerin Mounira Mitchala
den großen Nachwuchspreis 'Prix Découvertes RFI' von Radio France International in Conakry erhalten. Sie gilt als hoffnungsvolles Talent mit der Fähigkeit, in ihrer Musik traditionelle und moderne Elemente zu verbinden. Weitere Stars
aus der tschadischen Musikszene
sind Clément Masdongar, Ingamadji Mujos Némo
, Kaar Kass Sonn
und Achille Balbal, Chari Jazz, Groupe Tibesti oder Pyramides du Tchad
.
Film:
Neben seinen bekannten Filmen "Bye Bye Africa
" und "Abouna
" ("Unser Vater") thematisiert der in Paris studierte und international gefeierte, tschadische Filmemacher Mahamat Saleh Haroun
in Film "Daratt" ("Trockenzeit") die Problematik von Amnestie und Toleranz in seinem Heimatland. Für seinen neuesten Film Un Homme qui crie
erhielt er 2010 den großen Preis der Jury
in Cannes.
Weitere, jedoch nicht so bekannte Regisseure sind Serge Issa Coleo ("Un taxi pour Aouzou") und Edouard Sailly ( "L'enfant du Tchad", 1969).
Nach 30 Jahren hat Anfang 2011 nun endlich wieder ein Kino
seine Pforten in N'Djaména geöffnet.
Literatur:
Neben dem geschriebenen Wort
zu dem nur eine gebildete Minderheit Zugang hat, ist im Tschad nach wie vor die orale Tradition von großer Bedeutung, durch die noch heute Wissen und Werte durch Erzählungen, Lieder und Gedichte von Generation zu Generation weitergetragen wird.
Die bekanntesten tschadischen Autoren sind Antoine Bangui
, geboren 1933, der in seinem ersten Werk seine Erfahrungen als "Prisonnier de Tombalbaye" beschreibt, Baba Moustapha
(1952-1982), mit seinen bekanntesten Stücken "Le Souffle de l'Harmattan", "Makarie aux Épines" oder "Le Commandant Chaka", in dem er die Militärdiktatur in einem imaginären afrikanischen Land kritisiert. Daneben sind zu nennen Palou Bebuoné, Joseph Brahim Seid, (1927 - 1980) mit seinen Beschreibungen zu Tradition und Land in "Un enfant sous les étoiles" und "Un enfant du Tchad", Noêl Nétonon NDjekery, geboren 1956, der mit seinen Novellen "Goundangou" und "La descente aux enfers" bekannt wurde, Béna D. Nimrod
("Le Départ", "Les Jambes d' Alice
""Le Bal des princes") oder Maoundoé Naindouba mit den Novellen "La double détresse" und "La lèpre". In seinem Theaterstück "L'étudiant de Soweto" setzt er sich mit dem Thema der Apartheid auseinander.
Kulinarisches:
In der tschadischen Küche ist La Boule das zentrale Haupt- und Nationalgericht. Sie besteht meist aus einem gekochten Hirsekloß (auch Sorghum oder Reis) und dazugehöriger Sauce, die mit Fleisch oder Fisch und gombo (Okraschoten),variablen (Blatt)gemüsen, Zwiebeln, Tomaten und verschiedenen Gewürzen verfeinert wird. La Boule wird in vielen Haushalten morgens, mittags und abends gegessen. Weitverbreitet ist auch La Bouillie
, eine Art Milchreis mit Sauermilch. Bevorzugtes Getränk ist der schwarze Tee, aber auch das Karkanji
, ein süsssaurer Tee aus Hibiskusblüten, erfreut sich großer Beliebtheit.

Über die Hälfte der Einwohner (ca. 57 %) sind Muslime, ca. 27 % sind Christen, wovon die Katholiken
28 % und 48 % die Protestanten ausmachen und der Rest Anhänger unabhängiger, evangelikaler und pentekostaler Glaubensgemeinschaften sind. Zudem gibt es v.a. im Süden zahlreiche Anhänger traditionaler afrikanischer Religionen (etwa 14 %). Die Religion bestimmt und charakterisiert das soziale Leben der Menschen. Dies gilt sowohl für den Islam
als auch das katholische
und protestantische
Christentum und die traditionalen afrikanischen Religonen
. Dabei werden die beiden monotheistischen Religionen nicht als monolithische Blöcke wahrgenommen, sondern weisen auch synkretistische Elemente auf.
Die Muslime
im Tschad folgen mehrheitlich der sunnitischen
Rechtsschule, malikitischer
Ausrichtung. In der früheren Geschichte haben mystische Bruderschaften insbesondere im Osten und Norden des Landes eine große Rolle gespielt. Noch heute ist die Tijaniya
-Bruderschaft, in deren Lehre auch Elemente lokaler afrikanischer Religion aufgenommen sind, von großer Bedeutung im Tschad.
Gegenwärtig werden zunehmend Einflüsse des Islam, u.a. durch die Unterstützung Saudi-Arabiens, Libyens und des Sudan im christlich geprägten Süden des Landes sichtbar. Arabisch als Verkehrssprache gewinnt dort immer mehr an Bedeutung.
Seit 1969 ist der Tschad Mitglied der Organization of the Islamic Conference (OIC
).
Größte christliche Gemeinschaft ist die Katholische Kirche mit acht Diözesen, größte protestantische Kirche ist die Eglise Evangélique du Tchad (EET), die ihren regionalen Schwerpunkt im Süden des Landes haben. Daneben sind auch die Eglise Fraternelle Luthérienne du Tchad (EFLT), die Assemblées Chrétiennes au Tchad (ACT), die Eglise Adventiste du Tchad und die Eglise Baptiste du Tchad
erwähnenswert.
Die Verfassung des Tschad garantiert das Recht auf religiöse Freiheit. Im Religious Freedom Report
des US Departments of State für 2010 wird dem Tschad die Einhaltung dieses Rechts grundsätzlich bestätigt, selbst wenn einige religiöse Praktiken und Organisationen verboten wurden. Daneben wird die Bevorzugung der Muslime gegenüber anderen Glaubensgemeinschaften beanstandet. Fundamentalistischen Strömungen werden etwa 5-10 % der Muslime zugerechnet, darunter Wahabismus und Salafismus.
Am 29.Juni 2008 kam es zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und Unterstützern des militanten Religionsführers Sheikh Ahmet Ismael Bichara
in Kuono, bei denen 72 Menschen getötet wurden.


In N'Djaména kann in verschiedenen Bibliotheken
(neu eröffnet hat die Nationalbibliothek
mit Unterstützung der Université Roi Fayçal de N’Djaména) u.a. des CEFOD
(Centre d' Étude et de Formation pour le Développement) nach Literatur und wissenschaftlichen Fragen geforscht werden. Außerdem publiziert das Institut kleine Reihen zu politischen, juristischen und gesellschaftlichen Fragen, es gibt Bände zu tschadischen Sprichworten
und Kurzgeschichten, Frauenfragen und oraler Literatur.
Das L'Institut Francais
bietet Kulturveranstaltungen von Filmen über traditionelle und moderne Musik bis Tanz und aktuelle Informationen im Kulturbereich.
Die Universität von N' Djaména steht in Kooperation u.a. mit der Universität Hildesheim. Die Universität Bayreuth veröffentlicht wissenschaftliche Reihen zum Tschadbecken. Das Netzwerk Mega-Tschad
betreibt interdisziplinäre Forschung zum Tschad-Becken; des weiteren werden viele wissenschaftliche Studien zur Tschadregion im französischen Verlag L' Harmattan aufgelegt.
Rafigui
, das 'Journal des Jeunes Francophones au Tchad' berichtet auf seiner website unregelmäßig über soziokulturelle, gegenwartsbezogene Themen und Neuigkeiten aus der Musik-, Film- und Kunstszene, die besonders städtische Jugendliche ansprechen soll.
Brigitte Salzberger, Ethnologin (MA), geb. 1967 lebt und arbeitet in Rheinland-Pfalz.
Verschiedene Forschungsaufenthalte in Tschad, Ghana und Südostasien. Seit 2001 als freie Referentin in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit (Erwachsenenbildung, Kinder und Jugendliche) tätig.
Seit 2003 Landeskunde-Tutorin für den Tschad bei InWEnt - Vorbereitungsstätte für Entwicklungszusammenarbeit (seit 2011 GIZ).
Über Anregungen und Kommentare freue ich mich.
Diese Länderseite wurde zum letzten Mal im Juni 2011 aktualisiert.
Weiterführende Literatur zu den Themen
Die AIZ mit Sitz in Bad Honnef bietet mehr als 50 monatlich stattfindende Trainingskurse zu folgenden Themen an:
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